Regenwald unter der Plasticfolie

08. April 2007, NZZ am Sonntag
Seit vier Jahren betreibt der Zoo Zürich die «Masoala-Halle». Wie die Dschungel- Konserve gepflegt wird.

Seit sich Madagaskar vor 90 Millionen Jahren von Indien abgetrennt hat, haben sich die Tiere und Pflanzen der Insel wenig um die neusten Evolutions-Trends in Asien gekümmert und sind ihre eigenen Wege gegangen. Das Resultat - heute sind 80 Prozent aller Pflanzen und gar 90 Prozent aller Tiere auf Madagaskar endemisch - hat den Zoo Zürich so beeindruckt, dass er den madagassischen Regenwald zu sich holte. Nach zehnjährigen Vorbereitungen begann 2001 der Bau eines überdimensionalen Treibhauses, das als «Masoala-Halle» zur Hauptattraktion des Zoos aufstieg. Sie hat eine Grundfläche von eineinhalb Fussballfeldern, eine Höhe von 30 Metern und kostete 52 Millionen Franken. 430 Tiere und 17 000 Pflanzen zogen vor vier Jahren in diese stationäre Arche Noah ein. Was hat sich inzwischen in ihrem Bauch getan? Eine Bilanz in Zahlen.

500 Pflanzenarten...
...beherbergt der Masoala-Regenwald, wie das Treibhaus korrekt heisst. Die Masoala-Halbinsel im Nordosten Madagaskars ist eine der artenreichsten Gegenden der Welt. Trotzdem kommen nicht alle Pflanzen, denen man in der Halle begegnet, aus dem Masoala-Gebiet. Rund 30 Prozent von ihnen sind asiatische oder südamerikanische Spezies, aus logistischen Gründen. Ihre Wurzelballen durften wegen der Dimensionen des Containers nicht mehr als zwei Meter im Durchmesser haben. Man konnte also nicht einfach Bäume aus dem Wald holen, denn deren Wurzelballen sind viel grösser. Da es in Madagaskar aber keine Baumschulen gab, musste man auf asiatische und südamerikanische Pflanzschulen zurückgreifen, um den Bedarf an grossen Bäumen zu decken. «Diese Pflanzen wird man nach und nach ersetzen, sobald die jungen madagassischen Pflanzen genügend gross sind», sagt Alex Rübel, Direktor des Zoos Zürich. Die madagassischen Arten kommen als Samen oder Schösslinge von den neu gegründeten Pflanzschulen des Masoala-Nationalparkes. Einige von ihnen haben inzwischen um bis zu sechs Meter in der Länge zugelegt. 
15 Prozent der Pflanzen in der Halle sind sogenannte «Neophyten». Sie kamen in historischer Zeit mit den Menschen auf die sonst isolierte Insel. Unter ihnen findet man ornamentale Pflanzen wie das Wandelröschen oder auch Kulturpflanzen wie Ingwer oder Vanille. «Wir wollen auch die Pflanzen zeigen, welche die Lebensgrundlage der einheimischen Bevölkerung ausmachen», sagt Kurator Martin Bauert.

120 Jungtiere...
...ist der Rekord in der Nachkommenschaft in der Halle. Er wird von den Witwenpfeifgänsen gehalten. Ursprünglich wurden nur vier Pärchen der Gänse ausgesetzt. Damit das Ökosystem der Halle keinen Kollaps erleidet, werden die Jungtiere laufend an andere Zoos weitergegeben. Auch die Madagaskar-Taggeckos, die Lemuren, die Wasserschildkröten und die Glattrand-Gelenkschildkröten machen Junge. «Es gab Fachleute, die daran zweifelten, ob eine natürliche Reproduktion der Chamäleons im Masoala-Regenwald klappen wird», sagt Bauert. Doch auch sie vermehren sich zur Freude des Kurators. 
Im Masoala-Regenwald dürfen aber nicht alle Arten die darwinistische Pflicht der Vermehrung erfüllen. Die Rodrigues-Flughunde zum Beispiel müssen sich an die vom Kurator verordnete strikte Null-Kind-Familie halten. Schwer fällt ihnen das nicht, denn die gesamte Population von zwei Dutzend Tieren besteht ausschliesslich aus Weibchen. Ihr Kot ist sehr aggressiv und kann Blätter und Bäume beeinträchtigen. Ausserdem haben sie die Angewohnheit, sich am Abend alle zusammen an einen einzigen Baum zu hängen. Bei hundert Tieren sieht ein Baum dann nicht mehr so schön aus. Um die Ästhetik des fragilen Treibhaus-Ökosystems zu bewahren, müssen die Flughunde darum dauerhaft auf Sex verzichten.

200 000 000 Räuber...
...hat Kurator Bauert bis jetzt für die biologische Schädlingsbekämpfung in der Halle ausgesetzt. In Treibhäusern sind Schadinsekten wie Bananenmotten, Minierfliegen, Weisse Fliegen oder Blattläuse ein Problem. Um ihnen Einhalt zu gebieten, setzen ökologische Gärtner Raubinsekten wie zum Beispiel Schlupfwespen oder Marienkäfer ein. Bei einer unkontrollierten Vermehrung der Schädlinge leiden sonst die Pflanzen. Im Masoala-Regenwald will man solche Schädlinge jedoch nicht einfach ausrotten. «Diese Pflanzensaftsauger sind Teil des Ökosystems und dienen den anderen Tieren als Nahrung», sagt Bauert. 
In einem natürlichen Ökosystem stellt sich ein Gleichgewicht zwischen Räubern und Pflanzenfressern von selbst ein. Im Masoala-Regenwald hingegen muss Bauert das ökologische Gleichgewicht von Hand einstellen. Gegen Blattläuse helfen Schlupfwespen, gegen die Larven der Weissen Fliege hilft ein insektenfressender Pilz, und gegen Schnecken setzt Bauert Fadenwürmer ein.

1 mm dünn...
...sind die vier Lagen Folie zusammen, aus denen das Hallendach besteht. Zwischen die ersten drei Lagen pumpt ein computergesteuerter Kompressor Luft und reguliert den Druck automatisch. Aufgeblasen ist der Folienmantel einen Meter dick. Dabei lässt er fast das ganze Sonnenlicht ungehindert passieren. Die vierte Folie sorgt für Schutz gegen Hagel und Schnee. Die Folien sind so stabil, dass Zoomitarbeiter problemlos auf ihnen spazieren können. Seit die Halle steht, ist die äusserste Folie schon einige Male von Hagelkörnern perforiert worden. Die Halle ist für eine Lebensdauer von 30 Jahren konzipiert. Dann ist entweder die Sanierung oder der Abbruch fällig. Jetzt hat sie also bereits mehr als zehn Prozent ihres voraussichtlichen Maximalalters auf dem Buckel.

100 000 US-Dollar...
...fliessen jährlich vom Zoo Zürich an die Verwaltung des Masoala-Nationalparks in Madagaskar. Diese Summe setzt sich aus Spendengeldern von Besuchern der Halle und aus dem Umsatz des Masoala-Ladens und -Restaurants zusammen. Das Geld wird für die Besoldung der einheimischen Angestellten, für Entwicklungsprojekte zugunsten der Lokalbevölkerung, für die Wiederaufforstung oder für die Gründung von Baumschulen eingesetzt. Das Interesse des Zoos an der Natur Madagaskars hat dazu beigetragen, dass 1997 der Masoala-Nationalpark im Nordosten Madagaskars überhaupt gegründet wurde. Die Aussicht auf Geld aus dem Ausland hat die Inselregierung dazu bewogen, ein 2300 Quadratkilometer grosses Gebiet als Nationalpark zu deklarieren.

96 Prozent...
...des ursprünglich vorhandenen Waldes von Madagaskar sind heute zerstört. Eine der Hauptursachen dafür ist die Brandrodung. Mit der Entwicklungshilfe will der Zoo Zürich der Bevölkerung auf der Masoala-Halbinsel eine Alternative zum traditionellen Trockenreisanbau auf brandgerodeten Flächen bieten. Seit der Erschaffung des eine Hektare grossen Regenwaldes in Zürich ist 10 000-mal so viel Regenwald in Madagaskar verschwunden.

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