Er bläht Schmetterlingseier auf Fussballgrösse auf und geht auf der Netzhaut einer Katze spazieren. Der Micronaut ist der Superheld der Microfotografen.
| Die Oberfläche eines Schmetterlingseis sieht unter dem Elektronenmikroskop aus wie die Kuppel eines Gebäudes. Mehr Bilder von Martin Oeggerli gib es auf www.micronaut.ch |
Sich selbst bezeichnet er weder als Forscher noch als Künstler, sondern als «Micronaut». Das ist jemand, der mit einem leistungsstarken Elektronenmikroskop in die unbekannte Welt des Kleinen hinabsteigt und Formen und Oberflächen ergründet, welche die wenigsten Menschen je gesehen haben. Seit 2008 macht er das hauptberuflich. Zu seinen Kunden gehören Zeitungen und Zeitschriften aber auch Firmen, die mit Produkten arbeiten, die so klein sind, dass man sie mit herkömmlichen Methoden nicht darstellen kann.
Die Bilder, die er von seinen Expeditionen mitbringt, sind inzwischen weltberühmt. Schon mehrmals hat das renommierte Hochglanzmagazin National Geographic ganze Serien seiner Bilder abgedruckt und bei den diesjährigen «International Photography Awards» in New York belegen sie in der Sparte Mikrofotografie sowohl den ersten als auch den zweiten Platz.
In seinem neusten Projekt reist Oeggerli in die Augen verschiedener Lebewesen. Auf seiner Liste stehen unter anderem die einer Katze, die eines Hais und die eines Schweins. «Das Interessante an diesen dreien ist, dass sie hinter der Netzhaut eine reflektierende Schicht besitzen.» Sie spiegelt das Licht zurück an die Sinneszellen der Netzhaut. So können die Tiere auch bei Dunkelheit noch sehr gut sehen.
Chemiker kennen die Zusammensetzung dieser Schicht bis auf das letzte Molekül und Biologen können seine Entstehung evolutionsgeschichtlich bis auf 50 Millionen Jahre genau festmachen. Dennoch gibt es einen blinden Fleck in der Forschung: niemand weiss, wie diese Schicht von nahem aussieht. Niemand hat je einen Spaziergang auf ihr unternommen und ist im Grundgerüst des Auges herumgeturnt.
«Der Mikrokosmos ist noch lange nicht endgültig erforscht», sagt Oeggerli. Die Wissenschafter, die sich auf abstrakte Messungen der Natur mittels Reagenzgläsern und Gaschromatographen spezialisiert haben, sind oft sprachlos, wenn sie ihr Forschungsobjekt zum ersten Mal als gestochen scharfe Abbildung in Farbe sehen. «Manchmal entdecken Experten auf meinen Bildern Dinge, die sie noch nicht gewusst haben.»
In den letzten drei Jahren hat Oeggerli schon oft das Banale in den Status des Göttlichen erhoben. So zum Beispiel in seiner Serie über Pflanzenpollen. Das Elektronenmikroskop hat sie auf die Grösse von Fussbällen aufgeblasen und sie als wunderschöne sphärische Strukturen enthüllt, die aus Rillen, Noppen, Stacheln, Spalten und filigranen Gitternetzen aufgebaut sind.
Doch der Weg zum perfekten Bild ist lang. Bevor Oeggerli in den Mikrokosmos eines Pollens abtauchen kann, muss er ihn auf den wilden Ritt im Elektronenmikroskop vorbereiten. Dazu muss der staubkorngrosse Pflanzenbestandteil vollkommen trocken sein. Natürlich kann man ihn nicht einfach in den Ofen schieben und nach einer halben Stunde wieder herausnehmen. So würde er zu einem unansehnlichen Häufchen zusammenschrumpeln, wie ein Apfel, der drei Wochen auf dem Fensterbrett liegt.
Darum badet Oeggerli den Pollen in einer Reihe hochgiftiger Chemikalien. Sie verkitten die Proteine und Fette, aus denen er besteht, zu einem starren Gerüst. Auf diese Weise bleibt seine Form perfekt erhalten. Danach wird ihm das Wasser ganz langsam entzogen, damit das Präparat keine Risse bekommt.
Nun kommt der beinharte und staubtrockene Pollen in eine Vakuumkammer direkt unter eine kleine Goldplatte. Mit Hilfe einer elektrischen Spannung werden positiv geladene Argon-Ionen von unten in die Goldplatte hinein geschossen. Das hat denselben Effekt wie ein Sturmgewehr, das im Seriefeuer auf eine Betonwand schiesst. Einzelne Goldatome splittern von der Oberfläche ab und rieseln auf den Pollen hinab. «Es ist wichtig, dass der Pollen nur von einer hauchdünnen Schicht bedeckt wird. Sonst würde es die feinen Strukturen zudecken, so wie es der Schnee im Winter mit der Landschaft macht.»
Diese Goldbeschichtung ist für das Elektronenmikroskop unabdingbar. Denn das Gerät arbeitet nicht mit Licht, wie ein herkömmliches Mikroskop, sondern mit einem Elektronenstrahl. Den kann man sich wie einen sehr feinen Wasserstrahl vorstellen. Ein Elektron nach dem anderen schiesst aus einer Düse und trifft auf den goldbedeckten Floh. Beim Aufprall spritzen die Elektronen in alle Richtungen davon, gerade so wie beim Wasserstrahl, wenn er auf eine harte Oberfläche trifft. Diese Spritzer werden von zwei Detektoren aufgezeichnet und innerhalb von zehn Minuten entsteht so ein gestochen scharfes Bild.
Der einzige Nachteil dabei ist, dass die ursprünglichen Farben verloren gehen. Darum koloriert Oeggerli seine Schwarzweiss-Bilder im Nachhinein auf dem Computerbildschirm nach eigenem Gutdünken. Ist das wissenschaftlicher Betrug oder künstlerische Freiheit? Der Micronaut meint dazu: «Durch die Einfärbung kann ich den Betrachter auf wissenswerte Details hinweisen, die man sonst gar nicht sehen würde.» In Zeiten, in denen sich jedes Model nach dem Ablichten vom Bildbearbeiter einen perfekten Teint verpassen lässt, darf man einem Pollen wohl dasselbe Recht zugestehen.

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