Hochstammbäume haben in der Schweiz einen schweren Stand. Doch jetzt kommt ihre Renaissance. Endlich dürfen sie wieder auf die Felder der Bauern.
| Die neuen Pappeln auf dem Acker von Christian Kaufmann. In 30 Jahren wandern die in den Ofen. |
Einer der an den Traum vom Baum glaubt, ist Christian Kaufmann. Er ist Landwirt im Kanton Basel-Landschaft und züchtet auf 16 Hektaren Rinder für die Fleischerzeugung. Auf seinem Gelände stehen als Erbstück seiner Vorfahren immer noch 150 halb verhasste halb geliebte Hochstamm-Obstbäume – ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten als die Obstproduktion noch rentabel war. Doch das ist längst vorbei.
Heute bekommt Kaufmann von der Schnapsbrennerei für seine handgepflückten Kirschen und Äpfel noch 60 Rappen pro Kilogramm. «Das ist unrentabel», sagt Kaufmann. Nicht viel besser sieht es beim Speiseobst aus. Grossverteiler wie Migros und Coop haben mittlerweile so strenge Anbau- und Hygienevorschriften, dass sich der Unterhalt von kleinen Obstgärten schlicht nicht mehr lohnt. Kaufmann hat darum in den letzten Jahren über hundert Hochstammbäume gefällt.
Trotzdem hat er etwas für Bäume übrig. Sie dürfen ihm einfach keinen Platz wegnehmen, denn den braucht er für die Futterproduktion seiner Tiere. In Deutschland ist er schliesslich auf die Lösung gestossen: die Agroforstwirtschaft. Es ist die effiziente Kombination von traditionellem Ackerbau mit einer Baumkultur. Unten wächst Futter, oben Holz.
Statt Obstbäume sind es hier jedoch Laubbäume. Ihr Holz wird in 30 Jahren zu Schnitzel verarbeitet und geht in die Stromerzeugung oder man lässt sie noch weitere 30 Jahre stehen und bekommt so bestes Möbelholz. Ihr Vorteil: Reihen aus Laubbäumen sind viel pflegeleichter als Obstgärten. So fällt etwa jegliche Behandlung mit Pestiziden weg und auf eine halsbrecherisch lange Leiter zu steigen, um Früchte zu ernten, ist auch überflüssig. Zudem wurzeln Laubbäume tief. So kann man bis einen Meter an den Stamm heran pflügen ohne das Wurzelwerk zu beschädigen. Bei den alten flachwurzelnden Obstbäumen wäre das undenkbar.
Und so pflanzte Kaufmann dieses Jahr 51 Zitterpappeln. Der Abstand zwischen den Reihen richtete er nach der Breite seiner Maschinen. Auf diese Weise stören ihn die Bäume beim beackern seines Feldes praktisch nicht. «So reduziere ich den Mehraufwand auf ein Minimum», sagt er.
Natürlich macht man mit 51 Pappeln, die in drei Jahrzehnten in einem Ofen landen, nicht das grosse Geld. Für die Bauern lohnt sich so etwas nur wegen den Direktzahlungen. Kaufmann erhält für jeden Baum 30 Franken pro Jahr. Trotzdem ist auch ein Stück Ideologie dabei. «Ich möchte etwas an die nächste Generation weitergeben», sagt Kaufmann. Im Übrigen ist es auch nicht einfach, sich den Spott der Nachbarn gefallen zu lassen. Pappeln hat in dieser Gegend noch nie jemand auf einen Acker gepflanzt. «Aber mir ist es egal, ob die Leute mich für einen Spinner halten», sagt Kaufmann.
Ökologisch betrachtet, gibt es gute Gründe, ein paar Bäume zwischen Mais und Weizen zu stellen. Die Wurzeln wirken wie eine Düngerpumpe. Sie bringen Nitrat, das tief in den Boden gesickert ist und ausserhalb der Reichweite der Ackerkulturen liegt, wieder an die Oberfläche. Das schrieb Felix Herzog von der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope kürzlich in einer Studie. Der Baum baut das Nitrat als Stickstoff in seine Blätter ein. Wenn diese im Herbst abfallen, wird der darunter liegende Acker gratis mit Dünger berieselt.
Doch den grössten Nutzen haben Baumreihen wohl auf die Artenvielfalt. Vögel und Insekten lieben Bäume. Sie sind Lebensraum, Nistplatz und Jagdrevier in einem. Auf diese Weise kehrt ein Stück Natur in die intensive Ackerwirtschaft zurück. Und das gibt dem Bauern einen Grund, den Baum auf dem Feld zu lieben statt ihn zu verachten. «Bäume pflanzen hat einen emotionalen Wert», sagt Herzog. Emotionen, die der Bauer an die Wanderer und Velofahrer weitergibt, die dank ihm eine «bäumige» Landschaft erleben dürfen.
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