Die Evolution des Essen Teilens

30. Oktober 2011, NZZ am Sonntag
Schon kleine Kinder teilen ihr Pausenbrot miteinander. Was für uns Menschen heute selbstverständlich ist, benötigte Jahrmillionen der Evolution. Das zeigen neue Verhaltensstudien an unseren nächsten Verwandten.

Wer sich nur von Gras ernährt, wie die
Blutsbrustpaviane, der lernt nie
sein Essen mit anderen zu teilen.
Anders als wir Menschen verstehen Affen beim Essen keinen Spass. Sie könnten nie gemeinsam um eine Rösti sitzen und sie friedlich miteinander verspeisen. Denn für Affen ist Nahrung direkt an den Kampf ums Überleben gekoppelt. Für das Teilen gibt es keinen Platz. Aber dieser Röstigraben zwischen Mensch und Tier wurde in den letzten Jahren immer schmaler. Wissenschafter beobachteten bei vielen Affenarten, dass auch sie in der Lage sind, Nahrung miteinander zu auszutauschen. Nun haben Forscher der Universität Zürich herausgefunden, wie sie sich diese sehr menschliche Fähigkeit angeeignet haben.

Die beiden Anthropologen Adrian Jaeggi und Carel van Schaik haben das Essverhalten von 68 Affenarten ausgewertet. Sie fanden, dass bei einem Viertel die Erwachsenen untereinander Nahrung als Geschenk überreichen. Das ist bemerkenswert, weil Nahrung unter Tieren normalerweise als Schlüsselkomponente des Überlebens betrachtet wird. «Das Futter wegzugeben ist fast so schlimm wie Selbstmord», sagt van Schaik.

Die Affenmütter jedoch haben gelernt, über ihren Schatten zu springen. Denn ein Affenbaby kann nicht automatisch wissen, wo im Dschungel die fettesten Käferlarven zu holen sind. Seine Mutter muss ihm einen morschen Baumstamm zeigen, eine Larve herausholen und sie dem Jungen vor die Nase halten.

Dabei passieren im Gehirn des Jungen zwei Dinge. Erstens lernt es, wie man sich seine Mahlzeit beschafft, und zweitens brennt sich der Akt des Teilens unauslöschlich in seine Erinnerung ein. «Später als Erwachsene entdecken die Affen die Fähigkeit zu teilen wieder, wenn sie jemandem ihre Freundschaft bekunden wollen», sagt van Schaik. Das können ausschliesslich die Affen, die als Babys Käferlarven vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Bei den Arten, wo die Mütter keine Nahrung an den Nachwuchs abgeben, entwickelt sich das nicht. «Die anderen Affenarten kommen über das gegenseitige Lausen nicht hinaus», sagt van Schaik.

Ein solches Beispiel sind die Blutbrustpaviane. Bei ihnen erübrigt sich das Teilen, weil sie sich fast ausschliesslich von Gras ernähren. Das muss man einfach ausrupfen und in den Mund stecken. «Wenn es völlig klar ist, was man essen kann und nicht, dann braucht die Mutter nicht mit den Jungen zu teilen», sagt van Schaik.

Eine Voraussetzung für das Teilen ist also, dass die Nahrungsbeschaffung schwierig ist. «Zum Beispiel gibt es Früchte, von denen die Tiere nur die Samen essen. Das Fruchtfleisch selbst wird weggeworfen», sagt van Schaik. Die Zubereitung solcher Kost ist schwierig – die Mutter muss ihr Futter mit dem Jungen teilen, wenn sie will, dass es ein paar extra Kalorien bekommt.

Und selbst das ist keine Garantie dafür, dass sich das Junge später als Erwachsener an diese besondere Fähigkeit erinnert. Von den 68 untersuchten Arten teilten bei rund der Hälfte die Mütter mit ihrem Nachwuchs. Aber wieder nur bei der Hälfte von ihnen machten das später auch die Erwachsenen untereinander.

Zu den Glücklichen, die es auf der Evolutionsleiter ein paar Stufen weiter nach oben geschafft haben, gehören beispielsweise die Schimpansen, die Bonobos, die Orang-Utans oder die Krallenaffen.

Mit diesem Schritt haben sie ihr Repertoire der Kommunikation entscheidend erweitert. Sie sind nunmehr in der Lage, sich gegenseitig etwas vom Wertvollsten zu schenken, was es gibt. Das eröffnet ihnen ungeahnte Möglichkeiten. Wenn beispielsweise ein Männchen einem Weibchen eine Banane überreicht, dann ist das eine besonders starke Sympathiebekundung und bedeutet übersetzt: «Treffen wir uns nachher zum Sex?» Und nicht selten verdankt das Weibchen die männliche Grosszügigkeit mit einem Schäferstündchen.

Für die spendablen Männchen geht die Rechnung auf. Mittels Futtergaben können sie ihre eigenen Chancen beim anderen Geschlecht verbessern und so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie dereinst Vater werden. Auf dieselbe Weise können auch gleichgeschlechtliche Affen untereinander Beziehungen aufbauen. Männchen erkaufen sich mittels Nahrung die Freundschaft von Geschlechtsgenossen, was ihren sozialen Status enorm aufwertet. Damit sind Käferlarven, Feigen und Nüsse in der Welt der Affen zur neuen starken Währung der Freundschaft aufgerückt.

Um jedoch auch Nahrung ohne Gegenleistung zu teilen, wie wir Menschen das mit der Rösti machen, müssen Schimpansen und Co. noch mindestens einen entscheidenden Entwicklungsschritt vollziehen. Die Forscher nennen ihn die «kooperative Jungenaufzucht». Das heisst, dass nicht die Mütter alleine für die Aufzucht der Jungtiere verantwortlich sind, sondern dass andere Gruppenmitglieder sie dabei unterstützten. Erst in einem solchen überfamiliären Verband können sich besondere Fähigkeiten wie Sprache oder eben das Teilen ohne Gegenleistung entwickeln.

Die Krallenaffen sind bislang die einzige Primaten-Familie, welche die kooperative Jungenaufzucht für sich entdeckt hat. Das hatte dramatische Auswirkungen auf ihr Essverhalten. Sie teilen Nahrung nicht erst dann, wenn sie intensiv darum angebettelt werden, sondern auch von sich aus. Dazu haben sie sogar spezielle Rufe entwickelt, mit denen sie ihre Jungen auf Nahrungsquellen aufmerksam machen. «Wenn die Erwachsenen im Wald Nahrung finden, geben sie zwitschernde Laute von sich bis die Jungen kommen», sagt Judith Burkart vom Anthropologischen Institut und Museum der Universität Zürich.

Bei den erwachsenen Tieren liess die Kooperation so etwas wie eine Esskultur entstehen. «Wenn Schimpansen ein grosses Stück Fleisch finden, teilen sie nur, wenn ihre Kollegen intensiv darum betteln. Bei Krallenaffen hingegen werden auch grosse Futterquellen selten monopolisiert und alle können sich bedienen», sagt Burkart.
Wenn es also Nahrung im Überfluss gibt, machen sie genau dasselbe wie wir Menschen: Sie sitzen friedlich beisammen und geniessen ihr Mahl. «Das machen sich auch die Wärter im Zoo zunutze. Sie können bei den Krallenaffen einfach eine Futterschale für alle reinstellen, ohne dass es Streit gibt», sagt Burkart. Ist das Nahrungsangebot jedoch knapp, hört der Spass auf und jeder schaut nur noch für sich – genau wie bei uns Menschen.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen