Die Wiederkäuerfliege

Januar 2012, «Atlant's column» auf micronaut.ch
Sie blicken hier auf die Unterseite einer Fliegenzunge. Die wellenartigen Strukturen in der oberen Hälfte des Bildes sind Teil des so genannten Labellums. Es ähnelt der Bodenbürste eines Staubsaugers. Und genau so verwendet die Fliege diesen Körperteil auch.

© Martin Oeggerli
Sie berührt mit ihm eine feuchte Oberfläche und saugt sie auf. Der untere Teil des Bildes zeigt den Beginn des «Schlauchs», durch den die Flüssigkeit zum Mund wandert. Wir nehmen also die Perspektive eines Nahrungsteilchens ein, das im Begriff ist aufgesogen zu werden.

Kauen kann eine Fliege nicht. Wenn die Nahrungsquelle zu trocken ist, wie beispielsweise ein Stück Zucker, benetzt sie diese mit Speichel bis sich die Oberfläche auflöst.

Anders als ein Staubsauger besitzt eine Fliegenzunge nicht nur einen, sondern ganz viele Schläuche. Im Prinzip sind es nur Schlauchhälften (hier orange und gelb eingefärbt). Sie heissen Pseudotracheen – «falsche Luftröhren», weil die Fliege mit ihnen keine Luft, sondern Flüssigkeiten aufsaugt. Ihr Durchmesser beträgt ein halber Mikrometer. Das heisst, auf grössere Nahrungsteilchen wie Pollen, Hefepilze oder Sporen muss die Fliege verzichten, weil sie nicht durch die Pseudotracheen passen.

Appetit auf Fäkalbakterien
Aber das macht nichts. Ihr Leibgericht sind ohnehin die winzigen Fäkalbakterien, die sie so ziemlich überall findet: an einer Türklinke, auf dem Küchentisch oder auf dem Boden. Und natürlich stehen auch jegliche zucker- und salzhaltigen Flüssigkeiten wie Sirup, Schweiss oder Ketchup auf ihrem Speiseplan.
© Martin Oeggerli
Wie weiss sie überhaupt, was sie vor der Nase hat? Sie kann es schmecken. Das Labellum ist mit winzigen Stäbchen gespickt (gelb eingefärbt). Das sind die Geschmacksnerven. Wenn sie mit geeigneter Nahrung in Berührung kommen, schicken sie ein Feuerwerk von elektrischen Impulsen an das winzige Fliegenhirn. «Iss mich!» lautet die Botschaft.

Die Pseudotracheen führen alle zum Mund der Fliege, der etwa einen Millimeter weiter oben liegt. Doch bevor die Nahrung im Magen landet, speichert sie diese zuerst einmal im Kropf. Das ist eine Art Sack irgendwo in der Bauchhöhle.

Nach dem Fressen sitzt sie für eine Weile still in einer Ecke. Während dieser Zeit erbricht sie den Inhalt des Kropfs in kleinen Tröpfchen, die sie vor sich hin auf die Unterlage setzt. Langsam verdunstet jetzt das Wasser aus dem Tropfen. Auf diese Weise entsteht eine konzentrierte Nährstoffbrühe, welche die Fliege am Ende wieder in sich aufsaugt. Erst jetzt beginnt sie mit der Verdauung.

Eine andere Methode, um die Flüssigkeit zu konzentrieren, ist das so genannte «Blubbern», wie die Forscher es nennen. Dazu hält die Fliege einen Tropfen mit ihrem Labellum (die Bodenbürste) fest. Nun wartet sie eine Weile, bis eine ausreichende Menge an Feuchtigkeit verdunstet ist, und saugt dann den Tropfen mit den Pseudotracheen wieder auf. Fliegen «kauen» ihre Nahrung also zweimal, genau wie Kühe.

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