Schmutzli aus der Hölle

4. Dezember 2011, NZZ am Sonntag
Schmutzli ist der ewige Zweite, der Schatten des wahren Stars, dem Samichlaus. Alles falsch, denn der schwarze Knecht hat sich hinterrücks einen roten Mantel übergeworfen und droht nun seinen Meister vom Thron zu stossen.

Die Figur des Schmutzlis (Knecht Ruprecht)
diente als Vorlage für...
Ursprünglich kam Schmutzli direkt aus der Hölle. Er war ein Teufel, ein fleischgewordener Höllengeist, der zum Dienst unter dem Heiligen Sankt Nikolaus verurteilt war. Alte Zeichnungen und Kupferstiche zeigen ihn mit Hörnern und einem vom Höllenrus schwarz gefärbten Gesicht.
Viele seiner über 60 verschiedenen Bezeichnungen offenbaren sein wahres Wesen nur allzu deutlich: Düvel, Belzebub, Leutfresser, Böser Klaus oder Spitzbartl. Und in seinem weitum verbreiteten Namen «Knecht Ruprecht» steckt das Wort «Percht», eine alte Bezeichnung für den Teufel.

In der Hand trägt er Fitze oder Peitsche und auf dem Rücken einen Sack oder einen Tragkorb. Mit dieser Ausrüstung liesse es sich gut kinderraubend durch das Land ziehen. Doch zum Glück kann er seine teuflische Ader nicht ausleben. Dafür sorgt Sankt Nikolaus, der ihn in Ketten gelegt hat und immer an der kurzen Leine führt. Aber was macht bloss ein Heiliger mit einem Teufel?

Die Antwort: Kinder erziehen. Schmutzli hat die Aufgabe, jeden unartigen Bengel in den Sack zu stecken. Der Sack oder der Korb ist eine Art portable Hölle. Dort kommt hinein, wer etwa seine Gebete nicht regelmässig aufsagt – eine Sünde im alten katholischen Europa.

Auf diese Weise üben Schmutzli und Samichlaus mit den Kleinen Jahr für Jahr die Generalprobe für den Tag des jüngsten Gerichts. Die Guten kommen in den Himmel, sprich, sie bekommen Geschenke, und die Bösen kommen in die Hölle, sprich, sie landen vorübergehend im Sack. Und sollte das dem Gebetseifer nicht auf die Sprünge helfen, droht Nikolaus damit, dass der Düvel sie auffrisst.

Im 21. Jahrhundert freilich hat die katholische Zuckerbrot-und-Peitschen-Pädagogik längst ausgedient. Der moderne Schmutzli hat mit seiner düsteren Vergangenheit abgeschlossen und ist Anhänger einer zeitgemässeren Kindererziehung geworden. Die St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich etwa schickt ihre Schmutzlis und Chläuse regelmässig in die Weiterbildung. Dazu gehören Vorträge von Kinderpsychologen und Diskussionen mit Eltern, Kindergärtnerinnen und Spielgruppenleiterinnen.
...den amerikanischen Weihnachtsmann.
Hier eine der Zeichnungen von Thomas
Nast aus dem 19. Jahrhundert. Coca
Cola nahm die Figur 1931 in ihre Werbe-
campagne auf und machte sie weltberühmt.

Auch in seinem Aussehen hat sich einiges getan. Um den Kindern die Angst zu nehmen, trägt er statt Höllenrus nur noch etwas braunes Gesichtspuder auf. In der Stube gibt sich der einst mürrische Teufel als redseliger Wanderprediger. Er zählt sowohl die schlechten als auch die guten Taten der Kinder auf und danach ergreift der Samichlaus das Wort und gibt ihnen Verhaltenstipps für das kommende Jahr. Nicht länger sind sie Gegensätze wie Tag und Nacht, sondern ein eingespieltes Duo mit einer grossen Portion emotionaler Intelligenz. Am Schluss gibt es Geschenke für alle – natürlich aus dem Sack des Schmutzlis. Kinder da reinzustecken ist absolut tabu.

Die erstaunlichste Transformation hat Schmutzli jedoch in den Vereinigten Staaten durchlebt. Der deutsche Einwanderer Thomas Nast hat im 19. Jahrhundert die ersten Zeichnungen des amerikanischen Weihnachtsmannes angefertigt. Als Vorlage diente ihm jedoch nicht der Nikolaus. Denn den gab es in seiner alten Heimat der Pfalz nicht. Stattdessen musste der «Pelznickel», wie die pfälzische Schmutzlivariante heisst, Modell für Nast stehen.

Noch heute sieht man dem amerikanischen Weihnachtsmann seinen teuflischen Ursprung an: Sein dicker, mit Kindern gefüllter Wanst, sein aus Fell gefertigter Mantel, sein lauter und neckischer Charakter und seine für einen Heiligen völlig unangemessene Art, heimlich in Häuser einzudringen. Nein, das hat nichts mit Sankt Nikolaus zu tun, das ist Schmutzli in einer neuen, aufgemotzten Verpackung.

Und dieser Schmutzli hat seinem einstigen Herrn Rache geschworen. Der amerikanische Santa-Claus-Kult schwappt mittels Werbung und Kino auf Europa über und droht den wahren Nikolaus arbeitslos zu machen. Die Situation ist so prekär, dass manche Orte in Holland und Deutschland den invasiven Santa verbieten. Das zeigt: Auch ein Schmutzli aus der Hölle kann ganz gross raus kommen, wenn das Marketing stimmt.

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