Die Erosion des Bodens ist auch im umweltbewussten Europa ein zunehmendes Problem. Eines, das jetzt auch Menschenleben fordert.
| Ohne Hecken und ohne Bodenbedeckung hat der Wind freie Bahn. Mühelos bläst er tonnenweise fruchtbare Erde von den Äckern. |
Dass die Bodenerosion in Deutschland die Gesellschaft teuer zu stehen kommt, kann seit diesem schwarzen Freitag im April niemand mehr leugnen. Trotzdem gibt es zurzeit kein wirksames Rechtsmittel, um zu verhindern, dass Wind und Wasser die oberste Erdschicht unserer Äcker kontinuierlich abtragen. Das zeigt eine Studie der EU, deren Resultate kürzlich in einer Sonderausgabe des Fachmagazins „Land Degradation & Development“ publiziert wurden (Bd. 22).
| Fernsehbeitrag zum katastrophalen Erd- und Sandsturm vom 8. April 2011. |
Demnach sind die Kosten für einen effektiven Bodenschutz schlicht zu hoch. «Das rechnet sich oft nicht für die Landwirtschaft», sagt Katrin Prager vom James Hutton Institute in Schottland. Sie sagt, dass Bodenschutzmassnahmen nur dann eine Chance haben, wenn sie dem Bauern keine Mehrarbeit verursachen und wenn sie nichts oder wenig kosten. Ein Beispiel einer solchen Billigmaßnahme ist, dass der Bauer bei einer Hanglage quer zum Gefälle pflügt und nicht senkrecht, damit das Wasser keine Erosionsrillen auswaschen kann.
Aber wenn es darum geht, eine Hecke als Windfang zu pflanzen oder ein Maisfeld mit einer Untersaat aus Gras zu bedecken, damit der Wind den Oberboden nicht mehr fortragen kann, sieht die Sache schon schwieriger aus. Der Landwirt hat zusätzliche Arbeit und das Saatgut für die Grasmischung kostet. Vor diesem Aufwand scheuen sich viele Bauern.
Abhilfe könnten Fördergelder an der richtigen Stelle schaffen. Doch leider orientieren sich die Direktzahlungen aus der EU-Agrarförderung in Deutschland zurzeit nur an der Größe der Anbaufläche und nicht an der Art und Weise der Bewirtschaftung. Nur wenige Bundesländer bieten spezielle Förderprogramme für den Bodenschutz an. Meistens heißt die Losung jedoch: je größer dein Acker, desto mehr Subventionen kriegst du vom Staat.
Eine Praxis, die sogar noch zur Verschärfung des Erosionsproblems führt, denn genau aus diesem Grund verschwanden in den letzten sechzig Jahren allein in Schleswig-Holstein 7 000 Kilometer Hecken. Das ist ein Rückgang von zehn Prozent. „Landwirtschaftliche Betriebe sind interessiert, diese zu roden, um auch noch auf dem letzten Quadratmeter etwas anbauen zu können“, sagt Burkhard Roloff vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.
Das ist insofern erstaunlich, als gerade bei den Hecken das geltende Bodenschutzgesetz sehr präzise formuliert ist. Dort heißt es: „Zu den Grundsätzen der guten fachlichen Praxis gehört insbesondere, daß die naturbetonten Strukturelemente der Feldflur, insbesondere Hecken, Feldgehölze, Feldraine und Ackerterrassen, die zum Schutz des Bodens notwendig sind, erhalten werden.“ Doch beim Vollzug hapert es, sagt Prager. Die landwirtschaftliche Fläche ist schlicht zu groß, um jeden einzelnen Bauern kontrollieren zu können. „Und solange sich die Bewirtschaftung für die Landwirte rechnet, werden die meisten nichts anders machen“, sagt sie.
Nur, wie lange es sich noch rechnet, ist die Frage. Denn die Erosion schlägt sich direkt in einer verminderten Fruchtbarkeit der Böden nieder. Und das wiederum treibt die Anbaukosten in die Höhe. Eine Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission zeigt, dass die Bauern Großbritanniens jährlich 9 Millionen Euro zusätzlich für Dünger ausgeben, um den negativen Effekt der Erosion zu kompensieren.
Doch nicht nur die Bauern zahlen drauf, sondern auch die Gesellschaft. Denn die verlorene Erde kann anderswo enorme Schäden und Kosten verursachen, wie die Ereignisse auf der Autobahn 19 zeigten. Verdreckte Strassen müssen gereinigt werden, zugeschüttete Seen ausgebaggert und Gebäude, die von den Schlammmassen zerstört wurden, müssen saniert werden. Gemäß einer unpublizierten Schweizer Studie der Universität Bern und Agroscope Reckenholz-Tänikon verursacht so jede Hektare Ackerland einen Schaden von durchschnittlich 150 Euro. Insgesamt kosten die Schäden durch Erosion unsere südlichen Nachbarn pro Jahr 40 Millionen Euro.
Doch solange die Bauern nicht umdenken oder durch finanzielle Anreize zu einer schonenderen Bewirtschaftung geführt werden, bleibt Erosion ein ungelöstes Problem, das uns in jeder Sekunde ein weiteres Stück unserer Lebensgrundlage raubt. Allein in Deutschland werden pro Hektare jährlich rund zehn Tonnen fruchtbare Erde in die Flüsse gewaschen oder vom Winde verweht. Dieser rasante Abbau übersteigt die natürliche Bodenneubildung von einer bis zwei Tonnen pro Jahr um das Fünf- bis Zehnfache. In Mittelmeerländern wie beispielsweise Spanien oder Italien, wo trockene Sommermonate die bodenbedeckende Vegetation absterben lassen, übersteigt die Erosionsrate sogar fünfzig Tonnen pro Hektare und Jahr.
Besonders gefährdet sind auch die Böden im Norden und Nordosten Deutschlands. Sie bestehen aus besonders feinen Sanden, welche die eiszeitlichen Gletscher vor 20 000 Jahren hier deponiert haben. „Diese Sande sind in trockenem Zustand leicht mobilisierbar“, sagt Rainer Duttmann von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Schon eine leichte Brise von zwanzig Kilometern pro Stunde kann die Körner forttragen.
In den nächsten hundert Jahren wird Europa je nach Standort 2 bis 30 Zentimeter Boden verlieren, wie Luca Montanarella von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission sagt. Dabei rechnen die Forscher mit Ertragseinbusse von rund fünf Prozent pro zehn Zentimeter Bodenverlust.
Das heißt, bei besonders exponierten Stellen könnten die Erträge um bis zu 15 Prozent zurückgehen. Das lässt sich dann vielleicht nicht mehr gewinnbringend mit zusätzlichen Düngergaben kompensieren. So schlecht diese Nachricht auch ist, für Katrin Prager bedeutet sie Hoffnung. «Spätestens dann müssen die Landwirte, die sich bisher wenig um Bodenschutz kümmern, etwas ändern», sagt sie.

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