Neue Chance für Glühwürmchen

12. Februar 2012, NZZ am Sonntag
In den Städten gerät die Artenvielfalt buchstäblich unter den Beton. Mit Gegenmassnahmen tut sich die Bevölkerung noch etwas schwer.

Wer im Vorgarten zur Abwechslung mal eine Distel stehen
lässt, fördert damit die Insektenwelt.
Siedlungen sind ein wichtiger Lebensraum für wilde Tiere. Hier nisten die Schwalben, wuseln die Siebenschläfer und graben die Rosenkäfer. Doch in den letzten Jahrzehnten sind die Häuser in unseren Städten und Dörfern immer dichter zusammengerückt. Der Obstgarten zwischen Freibad und Tankstelle oder die Trockenwiese neben dem Einkaufszentrum mussten den Neubauten weichen. Dieser Verlust an Biodiversität in unserem unmittelbaren Wohnumfeld ist Naturschützern und Forschern ein Dorn im Auge. Darum wollen sie die Natur nun zurück vor unsere Haustür bugsieren.

Einer der sich mit diesem Vorhaben an vorderster Front befasst, ist Thomas Winter, Geschäftsleiter der Stiftung Wirtschaft und Ökologie. Im Auftrag von Gemeinden geht er zur Basis, zu den Hauseigentümern und Fabrikbesitzern, und versucht sie davon zu überzeugen, dass sich eine einheimische Wildhecke im Vorgarten besser macht als ein exotischer Zierstrauch.

Doch der erste Schritt Richtung Wildnis ist meistens mit viel Mühen verbunden. Denn die Schmerzgrenze für ungebändigte Natur gleich vor der Haustür liegt bei der Bevölkerung ziemlich tief. «Vor allem wenn man das Hintergrundwissen nicht besitzt, hat man Angst vor Wildnis», sagt Winter. «Ordnung wurde uns von Kindesbeinen an eingetrichtert. Bewusst etwas mehr Unordnung und Wildheit in unsere Umwelt zu bringen, widerstrebt uns.»

Aber es muss ja auch nicht gleich ein Urwald sein. Wie wenig es im Grunde braucht, um unsere Städte in einen Himmel für die Artenvielfalt zu verwandeln, zeigt ein Beispiel aus der notorischen Betonwüste Schwerzenbach im Zürcher Oberland. Dort hat Winter einen Fabrikbesitzer davon überzeugt, statt des englischen Rasens eine Salbeiwiese rund um das Gebäude anzulegen. Geschnitten wurde diese Fläche nicht mehr mit dem Rasenmäher, sondern von Hand mit der Sense. Bei jedem Schnitt liessen die Gartenpfleger einen Teil der alten Wiese als Rückzugsgebiet für die Tiere stehen.

Das Resultat nach wenigen Jahren war verblüffend. Der neue Lebensraum zog nicht nur seltene Schmetterlinge wie etwa den Bläuling an, sondern auch Ringelnattern. Die ungiftigen Schlangen legten ihre Eier gleich neben dem Firmeneingang. «Am Ende krochen die Schlangen sogar durch das offene Fenster zu den Sekretärinnen ins Büro», sagt Winter.

So schön dieser Erfolg für die Natur auch ist, neben der psychologischen Hürde gibt es eine noch viel grössere: das Geld. Ein wilder Garten kostet nämlich mehr als ein ordentlicher. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Glühwürmchen. Einer ihrer bevorzugten Lebensräume sind die Böschungen von Bahngeleisen. Die werden heute meistens sehr effizient von einem Traktor auf Schienen gemäht. Dabei bleibt kein Halm stehen und kein Glühwürmchen am Leben. Allerdings belaufen sich die Kosten mit dieser Methode auf nur vier Rappen pro Quadratmeter.

Damit die kleinen Käfer überleben, müssen die Arbeiter die Böschung zu Fuss begehen und mit einem Handmäher schneiden. So können sie selektiv einige Flächen stehen lassen, die den Glühwürmchen als Rückzugsinseln dienen. Dieses Verfahren ist heute jedoch kaum noch üblich, weil damit die Kosten auf zwölf Rappen pro Quadratmeter hochschnellen. Acht Rappen mehr oder weniger entscheiden also darüber, ob es in einer Wiese glüht oder nicht.

Für die Immobilienbranche könnte gerade dieser kleine Unterschied den Ausschlag geben, auf wildere Wohnanlagen zu setzen. Daniel Grando von Halter Immobilien glaubt, dass Biodiversität in Zukunft die Rendite von Wohnblocks verbessern kann. Wenn die Leute bereit sind, für mehr Artenvielfalt vor der Haustür mehr zu bezahlen, dann kann der Hauseigentümer einen höheren Mietpreis ansetzen.

«Dazu braucht es jedoch Leute, die bereit dazu sind. Es braucht einen Markt», sagt Grando. Bis der aufgebaut ist, können noch ein paar Jahrzehnte vergehen. Das war bei anderen Evolutionsschritten in der Immobilienbranche nicht anders. «Vom Minergie-Standard spricht man schon seit fast zwanzig Jahren. Heute steht für die meisten Investoren oder Bauherren fest, dass ein Projekt hohen Nachhaltigkeitsansprüchen genügen muss, egal ob mit oder ohne Label», sagt Grando.

Vor allem die Art und Weise, wie man über Artenvielfalt spricht, könnte Leuchtwürmchen und Konsorten vollends den Weg in unsere Städte ebnen. Begriffe wie «Totholz» oder «Altgrasstreifen» sollten Gemeinden und Landschaftsarchitekten möglichst aus ihrem Vokabular streichen und stattdessen die Namen von so genannten Leitarten verwenden. Das sind Tierarten, die entscheidende Trümpfe besitzen wie etwa ihr farbiges Aussehen, ihre allgemeine Beliebtheit und ihre Sichtbarkeit während der meisten Zeit des Jahres. Zu ihnen zählen etwa der Buntspecht oder das Rotkehlchen.

Herausgefunden haben das Marco Moretti sein Team von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. In einer Umfrage mit tausend Leuten konnten sie zeigen, dass die Akzeptanz von Wildnis höher ist, wenn die Leute wissen, dass mit ihr eine Leitart gefördert wird. «Wenn man sagt, wir legen einen Asthaufen an wegen der Artenvielfalt, dann verstehen die Leute das nicht. Wenn man aber sagt, wir machen das, um den Buntspecht zu fördern, dann verstehen sie es», sagt Moretti.

Die Umfrageergebnisse zeigten auch, dass die Leute für die Wildnisförderung sogar bereit sind, mehr aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Einzige Bedingung: Es muss in der Nähe eine Leitart geben, die davon profitiert und aufgrund der Fördermassnahmen vermehrt ihre Aufwartung auf dem Gartenzaun macht. So lange sie sich von ihrer schönen Seite zeigt, ist Wildnis vor der Haustür in Ordnung.

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