Forschung braucht Lippenstift

Lippenstift für die Wissenschaft

Einmal traf ich mich mit dem Gründer eines Chemie Start Ups. Wir sassen uns in seinem Büro gegenüber. Um seinen Hals trug er einen Seidenschal. Hinter ihm im Gestell glotzte mich eine afrikanische Maske an. In der Ecke stand sogar ein Speer, an dessen Spitze ich verkrustetes Blut zu erkennten glaubte.

 

Er fragte mich: «Was können Sie genau?»

 

Ich antwortete: «Meine Spezialität ist es, komplizierte Sachverhalte einfach und unterhaltsam zu erklären.»

 

Er: «Und was bringt das meinem Unternehmen?»

 

Ich: «Nur wenn die Kunden Ihr neues Produkt verstehen, werden sie es lieben. Und nur dann kaufen sie es auch.»

 

Er: «Was hat der Verkauf von chemischen Komponenten mit Liebe zu tun?»

 

Ich verdrehte innerlich die Augen und antwortete: «Kein Mensch kauft Moleküle. Man kauft das, was die Moleküle bewirken. Lippenstift besteht aus Azzofarbstoff, Parafin und Antioxidantien. Seine Anwendung bewirkt, dass das Licht, das auf die Lippen fällt, bis auf die Farbe Rot absorbiert wird. Aber denken Sie, dass eine 20-jährige sich dafür interessiert?»


«Sie verkaufen keine chemischen Verbindungen. Sie verkaufen Emotionen.»


Er zuckte mit den Schultern: «Vielleicht macht sie gerade ihr Chemiestudium.»

 

Wieder einer dieser Härtefälle. Aber ich gab noch nicht auf: «Wenn Sie Lippenstift verkaufen wollen, dann sprechen Sie über das Gefühl schön zu sein und alle Blicke im Raum auf sich gerichtet zu haben. Sie erzählen die Geschichte des ersten Kusses. Ein Kuss, den nur dieser Lippenstift möglich gemacht hat.»

 

Er: «Hm.»

 

Der Fisch hat angebissen. Jetzt musste ich ihn nur noch an Land ziehen: «Sie verkaufen keine chemischen Verbindungen. Sie verkaufen Emotionen. Und das können Sie nur, wenn Sie eine Geschichte über Ihr neues Molekül erzählen.»

Er sah mich fragend an: «Was gibt es denn über mein Molekül schon zu erzählen? Es sind zwei verbundene Benzolringe mit drei funktionellen Gruppen.»

 

Ich: «Und was können Sie damit machen?»

 

Er: «Also. Es ist so. Das Molekül stammt aus einer Pflanze, die ich bei Buschmännern in Afrika entdeckt habe. Dort wird der Saft der Pflanze für die Wundheilung verwendet, etwa bei Schürfungen, aber auch bei Skorpion-Stichen und bei Schlangenbissen. Der Saft wirkt sehr schnell und zuverlässig. Unser Molekül bildet die aktive Hauptkomponente des Saftes. Wir könnten damit eine neue Wundheilsalbe machen, die gegen alles Mögliche wirksam ist. Ein treuer Begleiter bei jedem Abenteuer, egal wo auf der Welt.»

 

Ich: «Sehen Sie. Und schon haben wir die perfekte Geschichte über Ihr Produkt erzählt.»