Fliegendes U-Boot

Mai 2012, «Atlant's column» auf micronaut.ch
Die Pollenkörner der meisten Nadelbäume erkennt man daran, dass sie zwei aufblasbare Säcke besitzen. Sie sehen aus wie kleine Fallschirme und lange Zeit dachten die Forscher, dass sie eine Art Flughilfe darstellen. Die Säcke vergrößern das Volumen des Korns bei gleichem Gewicht und verschaffen ihm auf diese Weise mehr Auftrieb, was seinen Flug verlängert und so die Chance erhöht, dass es auf eine weibliche Blüte trifft.

Föhren-Pollenkorn mit aus- und eingefahrenen Airbags.
© Martin Oeggerli
Doch diese Theorie ist sehr umstritten. Inzwischen beobachteten Forscher nämlich, dass die Bäume erst dann ihren Pollen dem Wind übergeben, wenn das Wetter warm und sonnig ist. Unter diesen Bedingungen ist der Pollen vollkommen ausgetrocknet und die Säcke sind eingefahren. Trotzdem werden die Körner von der leichtesten Brise mitgerissen und fliegen über Hunderte von Kilometern.

Das brachte die Forscher zur Annahme, dass die Säcke vielleicht gar keine Flughilfe darstellen, sondern vielmehr zwei Schwimmflügel. Das leuchtet ein, wenn man sich die spezielle Art der Befruchtung anschaut. Die weiblichen Blüten gleichen nach unten gerichteten Spitzen von Füllfederhaltern. An ihrem Ende klebt ein Tropfen, der aus einer schwach zuckerhaltigen Flüssigkeit besteht. Das ist die Landebahn für die Pollenkörner.

Sobald eines dort aufsetzt, wird es von der Oberflächenspannung des Tropfens festgehalten. Nun saugt es sich mit Wasser voll, was zur Folge hat, dass sich innerhalb einer Minute die beiden Säcke ausstülpen. Dadurch vergrössert sich die Wasserverdrängung des Pollenkorns und in der Folge treibt es, an seinen Schwimmflügeln hängend, durch den Tropfen nach oben. Das Ende seiner Unterwasserfahrt liegt direkt unter der weiblichen Samenanlage.

Dort dockt es mit den beiden Säcken voraus an. Das ist wichtig, denn genau zwischen ihnen gibt es eine Art Sollbruchstelle. Aus ihr wächst der Pollenschlauch hervor. Dieser durchstößt die Wand zur Samenanlage und dringt dann zur Eizelle vor. Die Paarung ist vollzogen.

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Der Gärtner ist ein Esel

13. April 2012, 20 Minuten Wissen
Schwer zugängliche Wiesen in Berggebieten drohen zu verbuschen, weil sie nicht genutzt werden. Esel können diesen Prozess stoppen.

Sein Gaumen macht den Esel zum
perfekten Landschaftsgärtner.

Esel sind ausgesprochen wählerisch, was ihr Futter angeht. Sie begutachten jeden Happen genau, bevor sie ihn verschlingen. Jetzt zeigt eine Studie der Naturschutzorganisation Pro Natura, dass die Tiere mit ihrer pingeligen Manier perfekte Landschaftsgärtner abgeben. Denn sie fressen sich so gezielt durch eine Weide, dass sie unerwünschte Pflanzen beseitigen, bedrohte Arten jedoch stehen lassen.

In einem Pilotversuch in Vercorin im Wallis kam eine Herde Esel auf einer so genannten Trockenweide zum Einsatz. Diese gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Schweiz. «Leider werden diese Wiesen wegen ihrer oft steilen Lage nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und drohen von Bäumen und Sträuchern überwuchert zu werden», sagt Wolfgang Bischoff von Pro Natura. Diesen Prozess können Esel aufhalten. Denn die Tiere fressen bevorzugt die saftige Rinde von Gehölzen – Sträucher und Büsche sterben als Folge ab.

Erstaunlicherweise rührten die Esel auf den Weiden die Orchideen und Enziane nicht an. Der Grund: Die Blätter dieser Naturschönheiten enthalten bittere Stoffe, die dem empfindlichen Gaumen der Esel missfallen. «Das ist ein willkommener Effekt», sagt Bischoff. Denn dank der Blumenvielfalt sind Trockenwiesen auch ein bevorzugter Lebensraum vieler Schmetterlinge. Auf dem Esel-Testgelände fanden die Biologen 77 verschiedene Tagfalterarten. Schutz der Trockenwiesen bedeutet also auch Schutz der Schmetterlinge.

Kontaktkleber im Blut

April 2012, «Atlant's column» auf micronaut.ch 
Der menschliche Körper ist im Grunde ein mit Flüssigkeit gefüllter Hohlraum. Seine grössten Feinde sind spitze Gegenstände und Küchenmesser. Wenn sie sich in das feine Geflecht von Blutgefässen unter der Haut bohren, laufen wir buchstäblich aus. Doch nicht für lange. Nur zehn Sekunden nach einer Verletzung beginnt automatisch ein Prozess, der das Loch innerhalb von wenigen Minuten vollständig abdichtet. Der Volksmund nennt das «Blutgerinnung».

Ein Netz aus Fibrin dichtet jede Wunde innerhalb von
Minuten vollständig ab. © Martin Oeggerli
  
Dieses Bild zeigt das Leck zwei Minuten nach seiner Entstehung. Das geronnene Blut hat bereits einen festen Pfropfen gebildet und die Wunde verschlossen. Angefangen hat alles mit dem rosaroten Kloss ganz im Vordergrund unten rechts. Das ist ein Thrombozyt. Diese Zellen gehören zu den gefährlichsten unseres Körpers, denn bei einer Fehlfunktion könnten sie unser gesamtes Blut innerhalb von zwei Atemzügen zu Gelatine erstarren lassen, was den sicheren Tod bedeuten würde.

Trotzdem ging Mutter Natur nicht gerade sparsam mit ihnen um. Jeder Mensch ist mit bis zu 380 000 Thrombozyten pro Mikroliter Blut ausgestattet. Dass wir diese brisante Ladung mit uns herumtragen, hat einen Grund: Sie rettet uns täglich das Leben. Diese Zellen bilden eine Art Kontaktkleber, der bei der kleinsten Gefässverletzung aktiviert wird und so verhindert, dass wir wegen eines Nadelstichs verbluten.

Die Substanz, welche die Thrombozyten erstarren lässt, heisst Kollagen. Es ist das häufigste Eiweiss unseres Körpers. Es kommt fast überall vor und sogar unsere Blutgefässe bestehen daraus. Nur im Blut selber und in der Innenauskleidung der Gefässe gibt es kein Kollagen. Das heisst, so lange nichts kaputt geht, bleiben die Thrombozyten im Blut gelöst.

Das ändert sich jedoch schlagartig bei einer Verletzung. Die Thrombozyten strömen durch die Wundöffnung hinaus und treffen dort auf jede Menge Kollagen. Auf seiner Oberfläche gibt es spezielle Andockstellen, an denen sich die Thrombozyten festmachen und so zu einem Pfropfen erstarren. Der ist allerdings nicht sonderlich stabil und droht von den Scherkräften des Blutstroms mitgerissen zu werden. Doch die Thrombozyten wissen sich zu helfen: sie kotzen sich so richtig aus. Auf diese Weise überschwemmen sie das umliegende Blut mit einen ganzen Cocktail verschiedener Proteine.

Einige dieser Stoffe geben ihnen einen besseren Halt. Sie verstärken die Verbindung zum Kollagen und verhindern so, dass der Pfropfen fortgeschwemmt wird. Andere Proteine veranlassen, dass in der Nähe der Verletzung bestimmte Eiweisse zu langen Stangen auskristallisieren. Das ist das so genannte Fibrin. Es legt sich wie ein Fischernetz (hier violett eingefärbt) über die klaffende Wunde. In diesem dichten Geflecht beleiben die grösseren roten Blutkörperchen (orange Scheiben) stecken. In der Folge kommt es zu einer regelrechten Karambolage aus Zellen. Die Blutung ist vollends gestoppt.

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Lebende Wetterstationen

11. März 2012, NZZ am Sonntag
In der Antarktis gibt es rund hundert verschiedene Moosarten. Jetzt haben australische Forscher herausgefunden, wie man sie als Windmesser gebrauchen kann.

Dieses Moospolster in der Antarktis ist hundert Jahre alt
und damit ein Zeitzeuge von den Abenteurern Roald
Amundsen und Robert Falcon Scott.
(Bild: Sharon Robinson)
In der Antarktis sind Wetterstationen dünn gesät. Die Klimaforscher müssen mit gerade mal 46 Messstationen auskommen und aufgrund dieser mickrigen Datenlage die Klimazukunft eines Kontinents so gross wie Europa voraussagen. Das grenzt schon fast an Wahrsagerei. Zum Vergleich: im Kanton Zürich allein gibt es 196 Messstationen.

Nun sind australische Forscher auf eine geniale Lösung ihres Datenmangels gestossen. Mit ihrem neuen Ansatz vergrössert sich die Anzahl an Wetterstationen mit einem Schlag auf ein Vielfaches. Die Forscher konnten nachweisen, dass unscheinbare Moose, die auf schneefreien Felsen wachsen, seit rund fünfzig Jahren grobe aber zuverlässige Angaben über die Windgeschwindigkeit in ihrem Innern speichern. Damit wird jedes einzelne Moosstämmchen zu einem kleinen Klimaarchiv.

Ihre wertvollen Daten verdanken die Pflanzen gewissermassen dem Kalten Krieg. In den Fünfziger und Sechziger Jahren testeten vor allem die USA und Russland im Zuge des Wettrüstens Hunderte von Kernwaffen. Die Atomexplosionen veränderten die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre. Die intensive Strahlung verwandelte einen Teil des Luftstickstoffs in C14 Isotope; das sind übergewichtige und radioaktive Kohlenstoffatome.

Winde transportierten das C14 um den ganzen Erdball, unter anderem in die Antarktis. Dort atmeten es die Moose in Form von Kohlendioxid ein und benutzten es als Baumaterial für ihre Zellen. Moose wachsen nach dem Prinzip Lego und setzen einfach immer an ihrer obersten Stelle etwas drauf. Da die C14 Konzentration seit Mitte der Sechziger Jahre in der Atmosphäre aufgrund weniger oberirdischer Kernwaffentests abnimmt, enthält auch jeder weitere Millimeter Moos immer weniger des radioaktiven Elements. «Jede Pflanze, die auf diese Art und Weise wächst, speichert in ihrem Innern den Konzentrationsverlauf des C14», sagt Studienleiterin Sharon Robinson von der Universität Wollongong in Australien.

Und so wird das Moos zur Wetterstation: Bis 1980 stimmen die Konzentrationskurven überein. Aber danach laufen sie auseinander. Im Moos gibt es plötzlich weniger C14 als in der Luft. Robinson konnte zeigen, dass diese Abnahme in direktem Zusammenhang mit der Intensität des Windes steht.

Seit drei Jahrzehnten nimmt die durchschnittliche Windgeschwindigkeit in der Antarktis aufgrund der Klimaveränderung zu. Für Pflanzen ist das ein Problem, denn der Wind entreisst ihnen das spärliche Schmelzwasser, das sich während des kurzen Sommers bildet. «Eine Saison dauert nur vier bis zehn Wochen und wenn es stark windet, trocknet das Moos schneller aus und es bleibt ihm weniger Zeit zum Wachsen», sagt Robinson. Die Pflanzen können nichts anderes tun, als einen Gang runter zu schalten. Sie wachsen langsamer und atmen darum weniger C14 ein.

Jetzt brauchen die Forscher nur noch die unzähligen moosbewachsenen Felsen abzugrasen und in jeder Probe die Verteilung der C14 Atome zu messen. Stimmt sie mit derjenigen der Atmosphäre überein, wachsen die Moose normal. Ist sie jedoch niedriger, wachsen sie langsamer.

Mit dieser indirekten Methode erhalten Robinson und ihre Kollegen eine qualitative Aussage über die Windverhältnisse an Orten, wo es weit und breit keine Wetterstation gibt. «Potenziell erhalten wir mit dieser Methode auch Daten für den Zeitraum bevor die Stationen installiert wurden. Das könnte uns ein besseres Bild davon geben, wie die Antarktis von der Klimaveränderung beeinflusst wird», sagt sie.

Die ersten Auswertungen bestätigen, dass die Windgeschwindigkeit offenbar in grossen Teilen der Ostantarktis zugenommen hat. Manche Moose haben ihr Wachstum von über drei Millimetern pro Jahr auf unter einen halben Millimeter gedrosselt. Paradoxerweise wird die Region mehr und mehr zur Trockenwüste, obwohl aus der Ostantarktis netto jährlich bis zu 52 Milliarden Tonnen Eis abschmilzt. Leider verdunstet der Wind das lebensspendende Süsswasser bevor es zu den Pflanzen gelangt.

Die Messungen von Robinson machen deutlich, wie empfindlich selbst der abgelegenste Kontinent der Welt auf menschliche Einflüsse reagiert. «Bis heute haben wir gedacht, dass die kontinentalen Ökosysteme der Antarktis vom Klimawandel nicht sehr beeinflusst werden», sagt sie. «Doch unsere Arbeit belegt, dass diese Pflanzen trotzdem betroffen sind, obwohl sie in einem vermeintlich geschützten Gebiet vorkommen.»

Und es leiden nicht nur die rund hundert Moosarten. An ihnen hängt ein ganzes Ökosystem. «Sie sind der Lebensraum des Grossteils der landlebenden Artenvielfalt der Antarktis», sagt Robinson. Das «Unterholz» eines Moosteppichs ist mit Dutzenden von wirbellosen Tierarten bevölkert. «Viele davon haben noch nicht einmal einen Namen.» Eines ist jedoch sicher: Ausserhalb ihres Miniatururwaldes könnten sie nicht überleben. Er isolieren sie im Winter gegen die Kälte und schützt sie im Sommer vor den tödlichen UV-Strahlen.

Die Moose können bis zu hundert Jahre alt werden, wie die Analysen von Robinson zeigen. Damit sind sie Zeitzeugen von Roald Amundsen und Robert Falcon Scott, die sich auf ihrem Weg zur Eroberung des Südpols darüber wunderten, dass hier überhaupt Pflanzen gedeihen. «Das sind Lebewesen, welche die unwirtlichsten Umweltbedingungen der Erde überleben können», sagt Robinson.

Sie wegen des Klimawandels zu verlieren, wäre eine Tragödie. Darum sieht Robinson in ihren Resultaten auch ein Weckruf an die Menschheit. «Hier unten legen wir allen Leuten nahe, dass sie aufpassen sollen, wo sie hintreten, denn ein unbedachter Schritt könnte Hunderte von Jahren Mooswachstum zerstören. Aber das nützt wenig, wenn wir nicht auch unseren globalen Fussabdruck verringern.»


Artikel auf www.nzz.ch

Die Nudelmanufaktur

März 2012, oliv
Die Lebensmittelindustrie ist ein gnadenloses Geschäft. Alles muss schnell und billig in riesigen Mengen hergestellt werden, sonst scheidet man aus dem Rennen aus. Doch in der Nudelwerkstatt von Peter Gschwend funktioniert alles anders.

Hier packt eine Mitarbeiterin die Nudeln
noch von Hand ab. Wie zu Grossmutters
Zeiten!
Als ich in Wetzikon im Zürcher Oberland in die ruhige Seitenstrasse abbiege, wo die Nudelmanufaktur «La Martina» liegt, bringt das Radio gerade folgende Meldung: 2012 wird das Jahr des Burnouts, der totalen Erschöpfung. Schuld daran seien die modernen Kommunikationsmittel. Man telefoniert mit dem Handy, gleichzeitig überprüft man die E-Mails, kontaktiert einen Geschäftspartner via Facebook und twittert seinen Freunden, dass man heute Abend etwas später zur Party komme. Das sei purer Stress für unser Gehirn.

Wenig später bin ich im Büro von Peter Gschwend, dem Geschäftsführer von «La Martina». Auf seinem Schreibtisch stehen gleich zwei Computer. Ich denke, noch so einer, der dieses Jahr am Burnout zugrunde gehen wird. Doch dann fällt mein Blick auf das Bild mit der Galapagos-Schildkröte, das sich Gschwend an sein Schwarzes Brett geheftet hat.

«Wer Zeit hat, lebt», erklärt er. Das sei sein Lebensmotto. «Es gibt Leute, die rennen von Termin zu Termin und sehen nicht einmal, wenn draussen schönes Wetter ist.» Die beiden Computer sind bloss Staubfänger. «Die haben meine Söhne dorthin gestellt, aber ich kann die nicht bedienen», sagt er.

Überhaupt versteht er herzlich wenig von der modernen Technik. Die Webseite von «La Martina» hat jemand für ihn gemacht. Eine E-Mail Adresse gibt es nicht und auch keine Handynummer. Gschwend erledigt alles per Festnetzanschluss von seinem Schreibtisch aus. Neben der Galapagos-Schildkröte hängen ein paar vergilbte Zettel, auf denen fein säuberlich etwa zwei Dutzend Telefonnummern aufgeschrieben sind. Lieferanten, Kunden, Familienmitglieder. Gschwend grinst als ich ihm vom Radiobeitrag erzähle und sagt: «Es geht wunderbar auch anders.»

Eigentlich hätte ich mich mit ihm über die Physik der perfekten Nudel unterhalten wollen, über Oberflächenstrukturen von Ravioli und Tagliatelle und die molekularen Anziehungskräfte zwischen Pasta und Tomatensauce. Aber das ist für Gschwend alles nicht so wichtig. Ebensowenig wie Mengen und Zeitangaben. Die Rezepte macht er alle «nach Gefühl». «Die sind jedesmal etwas anders», sagt er.

Grundsätzlich kommen in eine Nudel Hartweizen, Eier und Wasser. Wie lange muss man denn kneten? Gschwend zuckt mit den Achseln. «Der Teig sagt uns, wie lange es dauert.» Er weiss nicht einmal, wie viel er pro Tag produziert. Das erfahre ich erst von einem seiner Mitarbeiter im Produktionsraum einen Stock tiefer. Dieser macht gerade Pizokel, eine dicke Nudel aus Buchweizen. Er schafft mit Hilfe einer Walzmaschine und eines Nudelschneiders 140 Kilogramm in vier Stunden, die heutige Tagesproduktion. Eine vollautomatische industrielle Anlage würde für dieselbe Arbeit nur einen Viertel der Zeit benötigen.

Dafür ist hier der Mensch noch Herr über die Maschine. Insgesamt sechs Stück stehen eng beieinander. Drei Walzen, die den Teig kneten und ihn auswallen, eine Pressmaschine für Ravioli (drei Stück alle zwei Sekunden), eine für Tortellini (zwei Stück pro Sekunde) und einen Nudelschneider. Die Zutaten werden mit Hilfe von Muskelkraft eingefüllt, die geschnittenen Nudeln von Hand auf Gitter zum Trocknen gelegt.  Eine Frau packt danach die Nudeln in Säckchen zu 400 Gramm ab und verstaut sie in Kartonkisten.

Das System Galapagos-Schildkröte ist zwar wortwörtlich hautnah am Produkt (hier wird ohne Hygienehandschuhe gearbeitet), aber dafür ist es teuer. «Preislich haben wir keine Chance», sagt Gschwend. Überleben kann er trotzdem, dank Kunden, die lieben, was er tut. Und dank der Erdölkrise in den Siebziger Jahren. «Damals merkten die Leute, dass das Model der Industrialisierung an seine Grenzen stösst», sagt Sandro Guzzi-Heeb, Dozent für die Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Lausanne. Dazu kamen in den folgenden Jahrzehnten das Erstarken der Umweltbewegungen, die ausufernde Mobilität und verschiedene mit industriellen Lebensmitteln verbundene Skandale. «Da wurde viel in Frage gestellt, was zuvor vorbildhaft erschienen war. Durch den lokalen Konsum suchte man wieder Anbindung an die eigene Heimat sowie mehr Lebensqualität», sagt Guzzi-Heeb. Das gab den Kleinproduzenten Auftrieb. Nun, ganz lokal sind Gschwends Nudeln nicht. Der Hartweizen kommt aus den USA, Kanada oder Australien. Die Globalisierung hat auch die Manufakturen eingeholt.

Später sitzt Gschwend vor einem Stapel Rechnungsbelege. Er tippt Zahl um Zahl in seinen Solar-Taschenrechner ein. Die beiden Computer schmollen auf dem Schreibtisch. «Die Steuererklärung macht mein Treuhänder», sagt er zu meiner Erleichterung. Wie lange arbeitet man denn so als Nudelproduzent pro Tag? «Der Laden ist offen, solange das Licht brennt.»

Langsam dämmert mir, dass es hier gar nicht so sehr um Pasta geht, sondern vielmehr um eine bewusste Verweigerung gegenüber der modernen Welt, in der es computergesteuerte Nudelmaschinen, Handy-Apps und festgelegte Ladenöffnungszeiten gibt. Eine Manufaktur ist eine Lebenseinstellung, eine Unabhängigkeitsbekundung: «Schaut her, ich unterwerfe mich nicht diesem Moloch.» In Zeiten, wo alle von Banken- Währungs- und Nervencrash sprechen, ist das vielleicht gar nicht mal so abwegig.

Spermien in Beton

März 2012, «Atlant's column» auf micronaut.ch 
Nichts ist den Blütenpflanzen wichtiger als ihre Spermien. Sie sind Träger der Erbinformation, deren Unversehrtheit im Kampf ums Überleben entscheidend ist. Um ihre Spermien zu schützen, verpacken die Pflanzen sie in winzige Behälter, die allgemein unter dem Namen «Pollen» bekannt sind. Dieses Bild zeigt den Pollen des Schneeglöckchens (Galanthus nivalis). Er sieht zerbrechlich aus, doch der Schein trügt. Pollenkörner bestehen aus einem der beständigsten und unverwüstlichsten Materialien, welche die Natur je hervorgebracht hat. 

Die aufgeschlitzten Pollenkörner des Schneeglöckchens.
© Martin Oeggerli

  
Diese Wundersubstanz heisst Sporopollenin, ein Baustoff, der weitgehend säure- und hitzeresistent ist. Es ist eine Art Beton-Polyester-Karbonfaser-Gemisch auf rein pflanzlicher Basis. Bis heute ist seine genaue chemische Struktur den Forschern ein Rätsel, weil es sich erfolgreich allen Analyseverfahren widersetzt. Das Material ist so zäh, dass jedes Pollenkorn nur mit einer hauchdünnen Schicht davon umhüllt ist. Sie ist hundert mal dünner als ein menschliches Haar. Wohl gerade deswegen vertrauen die Pflanzen ihrer Schutzwirkung nicht ganz.

Denn die Welt ist voller Gefahren und hinterhältiger Feinde, die auch das stärkste Material irgendwie zerstören können. Aus diesem Grund ist jedes Pollenkorn zusätzlich mit einen Anstrich aus winzigen Fett- und Eiweissmolekülen versehen. Wie eine Sonnencreme hält er die tödlichen UV-Strahlen davon ab, das Erbgut der Spermien zu rösten. Der Anstrich wirkt auch als Antibiotikum gegen Pilze und Bakterien. So haben sie keine Chance jemals an den Leckerbissen im Innern der Verpackung zu gelangen.

Obwohl die Pflanzen ihre Spermien mit Naturbeton schützen, ist die gesamte Struktur immer noch leicht genug, dass sie vom leisesten Lufthauch fortgetragen wird. Sogar wenn Zehntausende Pollenkörner an den Hinterbeinen einer Biene kleben, behindert ihr Gewicht das Insekt nicht merklich beim Fliegen.

Allen diesen Vorteilen steht jedoch ein grosser Nachteil gegenüber. Sobald ein Pollenkorn auf einem Stempel der weiblichen Blüte landet, entwächst ihm eine Art Penis. Das ist der Pollenschlauch. Er bahnt sich einen Weg durch das Gewebe des Stempels zu den Eiern, die irgendwo tief unten in der weiblichen Blüte stecken. Durch ihn wandern die Spermien schliesslich aus dem Pollenkorn heraus und befruchten die Eier. Doch wie kann der Schlauch jemals die Wände seines Betonbunkers durchbrechen?

Das scheint schier unmöglich. Nur dank eines Tricks funktioniert es trotzdem zuverlässig. In jedes einzelne Schneeglöckchen-Pollenkorn ist ein langer Spalt eingelassen. Es sieht so aus, als hätte ein Musketier alle mit einem gezielten Hieb seines Degens aufgeschlitzt. Dieser Schnitt durchbricht die Aussenhülle aus Sporopollenin und legt das weichere Innenleben frei. Und genau dort wächst der Pollenschlauch heraus in die Freiheit. Dies ist die schwächste Stelle im Hochsicherheitstrakt der Pflanzenspermien.

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Neue Chance für Glühwürmchen

12. Februar 2012, NZZ am Sonntag
In den Städten gerät die Artenvielfalt buchstäblich unter den Beton. Mit Gegenmassnahmen tut sich die Bevölkerung noch etwas schwer.

Wer im Vorgarten zur Abwechslung mal eine Distel stehen
lässt, fördert damit die Insektenwelt.
Siedlungen sind ein wichtiger Lebensraum für wilde Tiere. Hier nisten die Schwalben, wuseln die Siebenschläfer und graben die Rosenkäfer. Doch in den letzten Jahrzehnten sind die Häuser in unseren Städten und Dörfern immer dichter zusammengerückt. Der Obstgarten zwischen Freibad und Tankstelle oder die Trockenwiese neben dem Einkaufszentrum mussten den Neubauten weichen. Dieser Verlust an Biodiversität in unserem unmittelbaren Wohnumfeld ist Naturschützern und Forschern ein Dorn im Auge. Darum wollen sie die Natur nun zurück vor unsere Haustür bugsieren.

Einer der sich mit diesem Vorhaben an vorderster Front befasst, ist Thomas Winter, Geschäftsleiter der Stiftung Wirtschaft und Ökologie. Im Auftrag von Gemeinden geht er zur Basis, zu den Hauseigentümern und Fabrikbesitzern, und versucht sie davon zu überzeugen, dass sich eine einheimische Wildhecke im Vorgarten besser macht als ein exotischer Zierstrauch.

Doch der erste Schritt Richtung Wildnis ist meistens mit viel Mühen verbunden. Denn die Schmerzgrenze für ungebändigte Natur gleich vor der Haustür liegt bei der Bevölkerung ziemlich tief. «Vor allem wenn man das Hintergrundwissen nicht besitzt, hat man Angst vor Wildnis», sagt Winter. «Ordnung wurde uns von Kindesbeinen an eingetrichtert. Bewusst etwas mehr Unordnung und Wildheit in unsere Umwelt zu bringen, widerstrebt uns.»

Aber es muss ja auch nicht gleich ein Urwald sein. Wie wenig es im Grunde braucht, um unsere Städte in einen Himmel für die Artenvielfalt zu verwandeln, zeigt ein Beispiel aus der notorischen Betonwüste Schwerzenbach im Zürcher Oberland. Dort hat Winter einen Fabrikbesitzer davon überzeugt, statt des englischen Rasens eine Salbeiwiese rund um das Gebäude anzulegen. Geschnitten wurde diese Fläche nicht mehr mit dem Rasenmäher, sondern von Hand mit der Sense. Bei jedem Schnitt liessen die Gartenpfleger einen Teil der alten Wiese als Rückzugsgebiet für die Tiere stehen.

Das Resultat nach wenigen Jahren war verblüffend. Der neue Lebensraum zog nicht nur seltene Schmetterlinge wie etwa den Bläuling an, sondern auch Ringelnattern. Die ungiftigen Schlangen legten ihre Eier gleich neben dem Firmeneingang. «Am Ende krochen die Schlangen sogar durch das offene Fenster zu den Sekretärinnen ins Büro», sagt Winter.

So schön dieser Erfolg für die Natur auch ist, neben der psychologischen Hürde gibt es eine noch viel grössere: das Geld. Ein wilder Garten kostet nämlich mehr als ein ordentlicher. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Glühwürmchen. Einer ihrer bevorzugten Lebensräume sind die Böschungen von Bahngeleisen. Die werden heute meistens sehr effizient von einem Traktor auf Schienen gemäht. Dabei bleibt kein Halm stehen und kein Glühwürmchen am Leben. Allerdings belaufen sich die Kosten mit dieser Methode auf nur vier Rappen pro Quadratmeter.

Damit die kleinen Käfer überleben, müssen die Arbeiter die Böschung zu Fuss begehen und mit einem Handmäher schneiden. So können sie selektiv einige Flächen stehen lassen, die den Glühwürmchen als Rückzugsinseln dienen. Dieses Verfahren ist heute jedoch kaum noch üblich, weil damit die Kosten auf zwölf Rappen pro Quadratmeter hochschnellen. Acht Rappen mehr oder weniger entscheiden also darüber, ob es in einer Wiese glüht oder nicht.

Für die Immobilienbranche könnte gerade dieser kleine Unterschied den Ausschlag geben, auf wildere Wohnanlagen zu setzen. Daniel Grando von Halter Immobilien glaubt, dass Biodiversität in Zukunft die Rendite von Wohnblocks verbessern kann. Wenn die Leute bereit sind, für mehr Artenvielfalt vor der Haustür mehr zu bezahlen, dann kann der Hauseigentümer einen höheren Mietpreis ansetzen.

«Dazu braucht es jedoch Leute, die bereit dazu sind. Es braucht einen Markt», sagt Grando. Bis der aufgebaut ist, können noch ein paar Jahrzehnte vergehen. Das war bei anderen Evolutionsschritten in der Immobilienbranche nicht anders. «Vom Minergie-Standard spricht man schon seit fast zwanzig Jahren. Heute steht für die meisten Investoren oder Bauherren fest, dass ein Projekt hohen Nachhaltigkeitsansprüchen genügen muss, egal ob mit oder ohne Label», sagt Grando.

Vor allem die Art und Weise, wie man über Artenvielfalt spricht, könnte Leuchtwürmchen und Konsorten vollends den Weg in unsere Städte ebnen. Begriffe wie «Totholz» oder «Altgrasstreifen» sollten Gemeinden und Landschaftsarchitekten möglichst aus ihrem Vokabular streichen und stattdessen die Namen von so genannten Leitarten verwenden. Das sind Tierarten, die entscheidende Trümpfe besitzen wie etwa ihr farbiges Aussehen, ihre allgemeine Beliebtheit und ihre Sichtbarkeit während der meisten Zeit des Jahres. Zu ihnen zählen etwa der Buntspecht oder das Rotkehlchen.

Herausgefunden haben das Marco Moretti sein Team von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. In einer Umfrage mit tausend Leuten konnten sie zeigen, dass die Akzeptanz von Wildnis höher ist, wenn die Leute wissen, dass mit ihr eine Leitart gefördert wird. «Wenn man sagt, wir legen einen Asthaufen an wegen der Artenvielfalt, dann verstehen die Leute das nicht. Wenn man aber sagt, wir machen das, um den Buntspecht zu fördern, dann verstehen sie es», sagt Moretti.

Die Umfrageergebnisse zeigten auch, dass die Leute für die Wildnisförderung sogar bereit sind, mehr aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Einzige Bedingung: Es muss in der Nähe eine Leitart geben, die davon profitiert und aufgrund der Fördermassnahmen vermehrt ihre Aufwartung auf dem Gartenzaun macht. So lange sie sich von ihrer schönen Seite zeigt, ist Wildnis vor der Haustür in Ordnung.