Forschung in der Flasche

Im August kommt mein SJW-Heft «Salzkrebschen» heraus. Hier gibt es schon mal einen Blick auf die Anatomie-Doppelseite. Sind die nicht wunderschön? Mehr Infos auf: https://www.facebook.com/salzkrebschen

Abnehmen ohne Fasten und Sport

8. Juni 2013, Tages Anzeiger
Braune Fettzellen bilden derzeit die grosse Hoffnung von Pharmafirmen, endlich eine wirksame Abmagerungspille zu erfinden. Bei einem Erfolg könnten wir unser Fett buchstäblich in Wärme verpuffen lassen.

Ob jemand dick oder dünn ist, hängt von
der Menge an braunem Fett ab. Je mehr
jemand davon in sich trägt, desto weniger
unliebsame Wülste hängen einem
am Körper. 
Menschen, die von Natur aus dünn sind, haben es gut. Sie können so viel essen, wie sie wollen, und setzen trotzdem keine lästigen Pfunde an. Die Erklärung für dieses scheinbare Paradox ist vermutlich das so genannte «braune Fett». Braune Fettzellen sind winzige Hochleistungsöfen, die nichts anderes machen als Zucker und Lipide aus dem Blut zu filtern und in Wärme umzuwandeln. Dünne Menschen – so eine neue wissenschaftliche Vermutung – besitzen besonders viel braunes Fett und heizen sich mit seiner Hilfe buchstäblich schlank. Dicke Menschen hingegen besitzen fast keines von ihm. Das heisst, statt in Abwärme, verwandeln sie ihre überschüssigen Kalorien in Speck. Nun haben Forscher der ETH Zürich Hinweise gefunden, dass auch dicke Menschen ihr eigenes braunes Fett herstellen könnten. Die Pharmaindustrie sucht auf der Basis dieser Erkenntnis bereits nach einer neuen Form der Abmagerungskur.

Der Schlüssel zur Therapie liegt ausgerechnet im unerwünschten «weissen Fett», dem Fett also, das Übergewichtigen in Wülsten an den Rippen hängt. «Das ist unser Energiespeicher», sagt Studienleiter Chirstian Wolfrum von der ETH Zürich. Er und seine Mitarbeiter haben entdeckt, dass Mäuse unter bestimmten Bedingungen weisse Fettzellen in braune umwandeln können.

In einem Versuch haben sie Mäusekäfige samt Insassen von 23 Grad auf 8 Grad herunter gekühlt. Nach einer Woche besassen die Tiere doppelt so viele braune Fettzellen. Die Mäuse haben auf die kältere Umgebung reagiert, indem sie mehr «Heizkörper» bildeten. Als die Forscher die Käfige wieder auf 23 Grad erwärmten, sind die braunen Fettzellen nach sechs Wochen wieder verschwunden. Wer in einer geheizten Stube hockt, braucht keinen inneren Ofen. Folglich wird er vom Körper entfernt.

Diese Wandelbarkeit der Fettzellen in Abhängigkeit der Temperatur könnte mit ein Grund sein, warum die westliche Gesellschaft heute so sehr unter Fettleibigkeit leidet. Erstens essen wir mehr als wir sollten und zweitens verbringen wir die meiste Zeit in warmen Gebäuden. Das heisst, unser Körper setzt die Produktion von braunem Fett  auf null und speichert die überschüssige Energie in Form von weissen Fettzellen, die sich als Bierbauch oder Oberschenkel der Grösse XXL manifestieren.

Die einfachste Therapie wäre es, die Heizung runter zu drehen und fortan im Büro oder im Schlafzimmer bei acht Grad zu schlottern. «Untersuchungen haben gezeigt, dass kanadische Holzfäller, die den ganzen Tag draussen an der Kälte verbringen, viel mehr braunes Fett besitzen als ein Büroangestellter», sagt Wolfrum. Aber weder Kälte noch eine Holzfällerlehre lassen sich besonders gut als Diät verkaufen.

Darum suchen Pharma-Firmen neuerdings fieberhaft nach Substanzen, die einen Teil der weissen Fettzellen in braune umwandeln. So könnten wir in Zukunft ganz einfach via Pille oder Spritze unseren überschüssigen Blubber in Wärme aufgehen lassen. «Es sind heute schon Stoffe bekannt, die das können», sagt Wolfrum.

Ein Beispiel ist die körpereigene Gallensäure. Wenn sie ins Blut gelangt, reagiert sie mit Proteinen auf der Oberfläche von weissen Fettzellen sowie mit Proteinen in deren Zellkern was letztendlich zur Bildung von braunem Fett führt. «Leider ist bisher völlig unklar, wie das funktioniert», sagt Wolfrum.

Darum hat sich die ETH Zürich mit Boehringer Ingelheim, einem der grössten deutschen Pharmaunternehmen, zusammen getan. Gemeinsam wollen sie die Reaktionswege von Molekülen und deren Effekte auf das Fettgewebe ergründen. Dazu greifen sie vorerst noch auf Mäuse zurück. «Unser Ziel ist es jedoch, unsere Experimente an menschlichen Fettzellen in Petrischalen durchzuführen», sagt Robert Augustin, Laborleiter in der kardiometabolischen Forschung bei Boehringer Ingelheim. Denn nur so lassen sich potenzielle Arzneien zuverlässig testen.

Unabhängig davon verfolgt der Schweizer Pharmariese Roche einen ganz ähnlichen Ansatz. «Wir arbeiten mit menschlichen Zellen, die wir aus Stammzellen gezüchtet haben», sagt Kurt Amrein, Gruppenleiter der Metabolischen Forschung bei Roche. Auf diese Weise können die Forscher die Vorgänge, die zu braunen Fettzellen führen, in Zellkulturschalen nachstellen. «Die Schwierigkeit liegt darin, sicher zu stellen, dass bei einer Behandlung nur ein Teil des weissen Fettes in braunes umgewandelt wird», sagt Amrein. Denn damit der menschliche Körper gut funktioniert, braucht er eine gewisse Menge weisser Fettzellen als Energiespeicher.

Ein Forschungserfolg hätte eine kolossale Wirkung auf das weltweite Problem der Fettleibigkeit. Ronald Kahn, Professor an der renommierten Harvard Medical School hat berechnet, dass hundert Gramm zusätzliches braunes Fett in einem Tag so viel Energie verbrennt wie ein intensives, einstündiges Fitnesstraining. Auf ein Jahr hinaus könnte man so vierzig Kilogramm abnehmen – ganz ohne Diätplan oder Sport. Doch die Entwicklung eines Medikaments dauert mindestens ein Jahrzehnt. Bis dahin bleibt uns als Alternative nur der Hometrainer, so Kahn. «Weniger essen und viel Sport sind immer noch die besten beiden Mittel, um Gewicht zu verlieren.»


Weisses und braunes Fett

Forscher betrachten Fett als Organ des Körpers wie die Lunge oder das Herz. Es gibt zwei verschiedene Fett-Typen: weisses und braunes. Weisses speichert Energie und gibt sie bei Bedarf ab. Für unsere frühzeitlichen Vorfahren war diese Fähigkeit überlebenswichtig. So konnten sie sich in Zeiten des Überflusses ein Fettpolster anessen, von dem sie an kargeren Tagen zehrten.
Braune Fettzellen machen genau das Gegenteil der weissen: sie verbrennen Energie. Dazu filtern sie kalorienhaltige Zucker- oder Fettmoleküle aus dem Blut und wandeln sie direkt in Wärme um. Auf diese Weisen können wir unseren Körpertemperatur auf 36,5 Grad Celsius halten. Neugeborene besitzen bis zu 175 Gramm (5 Prozent des Körpergewichts) braunes Fett, um eine plötzliche Unterkühlung zu vermeiden. Erwachsene hingegen haben nur noch 100 Gramm davon (0,1 Prozent des Körpergewichts). Es befindet sich vor allem im Bereich Schlüsselbeines und der Wirbelsäule.

Fette Freunde

Mai 2013, «Atlant's column» auf micronaut.ch 
Fettzellen gelten als lästig, weil sie uns dicke Bäuche und flatternde Oberarme bescheren. Doch ohne Fett wäre der Mensch längst ausgestorben.

Fettzellen blähen sich je nach Füllstand auf oder sie
fallen in sich zusammen. © Martin Oeggerli
Das ist Ihr Bierbauch, Ihre Orangenhaut und Ihr doppeltes Kinn – das ist eine Fettzelle. Wenn Sie jetzt vor Wut erbeben und sich am liebsten jede einzelne von ihnen aus dem Leibe reissen möchten, atmen Sie bitte tief durch. Ohne Fett würden Sie den nächsten Sonntagsspaziergang nicht überleben. Darum sind Fettzellen nicht Ihre Feinde, sondern Ihre besten Freunde.

Forscher betrachten das Körperfett sogar als Organ, genau wie die Nieren, die Lungen oder das Herz. Seine wichtigste Funktion ist die Speicherung von Energie. In Zeiten eines Überangebots an Nahrung, lagern wir Fett ein und in Zeiten des Nahrungsmangels, bauen wir Fett ab, damit unser Körper Energie erzeugen kann. Dieser Vorgang kann mehrmals täglich stattfinden, etwa, wenn Sie zu spät zum Mittagessen kommen und Ihr Magen knurrt.

Und so funktioniert es: Wenn wir Nahrung aufnehmen, gelangt das Fett im Sandwich, Steak oder Joghurt in unseren Blutkreislauf und zwar in Form von Fettsäuren. Das sind lange Kohlenstoffketten, die chemisch dem Benzin oder Diesel ähneln. Sie bilden den Kraftstoff des menschlichen Körpers, aus dem er chemische Energie gewinnt, die jede einzelne Zelle antreibt.

Nach dem Mittagessen gibt es im Blut ein Überangebot von Fettsäuren. Unter solchen Bedingungen können die Muskeln und andere Gewebearten Schaden nehmen, wie ein Motor, der zu viel Kraftstoff erhält und absäuft. Hier kommen die Fettzellen ins Spiel.

Jede von ihnen ist durch mindestens ein Kapillargefäss mit dem Blutstrom verbunden und entzieht diesem überschüssige Fettsäuren. Die Fettzellen sind also eine Art Kraftstoffventil, das nur so viel Benzin in den Motor lässt, wie gerade nötig. Den Rest speichern die Fettzellen, indem sie immer drei Fettsäuren chemisch aneinander heften. So entsteht Triglycerid. Während sich eine Fettzelle damit vollpumpt, dehnt sie sich aus wie ein Brötchen im Backofen. Umgekehrt, wenn wir Energie brauchen und nicht gleich etwas zu Essen zur Verfügung haben, spalten die Fettzellen einen Teil ihrer Triglyceride in Fettsäuren auf und übergeben sie dem Blutstrom, mit dem sie zu den Muskeln gelangen. In der Folge schrumpft die Zelle wieder.

Weltherrschaft

Dank diesem System überleben viele Säugetiere überhaupt erst einen Winter. Bären, Murmeltiere oder Fledermäuse fressen sich im Sommer ein Fettpolster an, von dem sie in der kalten Jahreszeit zehren. Aber das wahre Meisterstück der Fettzellen sind wir Menschen. Unsere globale Ausbreitung war nur möglich, weil unser Körper mit Fettzellen ausgerüstet ist. Auf diese Weise konnten wir uns an einem Mammut ein Energievorrat anessen und danach Tage und Wochen ohne viel Nahrung Hunderte von Kilometern zurücklegen.

Augen im Skelett

April 2013, «Atlant's column» auf micronaut.ch 
Schlangensterne sehen fast gleich aus wie Seesterne, sind jedoch nur so gross wie eine ausgespreizte Hand. Ihre Evolutionsgeschichte reicht 500 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurück. Damit gehören sie zu den Dinosauriern der Meere. Ihr heutiger Bauplan ist mit dem aus der Urzeit fast identisch, das heisst, sie haben sich im Laufe ihrer Entwicklung kaum verändert.

Wo das Skelett des Schlangensterns an die
Körperoberfläche tritt, bildet es winzige Linsen,
mit denen das Tier hell und dunkel unterscheiden
kann. © Martin Oeggerli
Ausgerechnet in einem solchen Oldtimer haben Forscher 2001 ein Stück Hochtechnologie entdeckt. Die Schlangensternart Ophiocoma wendtii besitzt die Fähigkeit, Schatten und Licht zu erkennen. Das ist an sich nichts Besonderes, doch die Forscher fanden jahrelang keine Organe, die Augen ähnlich sahen. 

Nach Jahren des Grübelns untersuchten die Forscher die Knochenplatten auf der Oberfläche der Arme genauer. Das Elektronenmikroskop machte im Knochengeflechts kugelförmige Verdickungen sichtbar. Die waren auf den ersten Blick ohne Funktion, doch im Querschnitt sahen sie aus wie perfekt geformte Linsen. Konnten das die lang gesuchten Augen sein?

Alles was die Forscher über Optik wussten, sprach dagegen. Kalk oder Calcium gehört zu den optisch sehr problematischen Stoffen. Zwar ist Calcium in kristalliner Form durchsichtig, doch jeglicher Lichtstrahl, der den Kristall passiert, wird in zwei unterschiedliche Strahlen aufgeteilt. Mit einer solchen Linse würde der Schlangenstern alles doppelt sehen.

Zudem wird das Licht nicht in einem Brennpunkt gebündelt, sondern an unterschiedlichen Stellen hinter der Linse. Die Folge ist ein unscharfes Abbild der Umwelt. Dieses als «Sphärische Aberration» bekannte optische Störung plagt auch die Hersteller von hochpräzisen Linsen aus Glas, wie sie etwa für Fotoapparate verwendet werden. Sie lösen das Problem, indem sie die Kurvatur der Linsen nicht gleichmässig rund schleifen, sondern an genau berechneten Stellen winzige Dellen oder Erhebungen einschleifen. Auf diese Weise werden alle optischen Fehler ausgeglichen. Das ist natürlich alles sehr kostspielig und schwierig umzusetzen.

Ist es möglich, dass ein Schlangenstern Tausende von Linsen von 40 Mikrometer Durchmesser genau in die richtige Form bringt, um alle optischen Störungen zu beseitigen? Die Forscher machten die Probe aufs Exempel. Sie schnitten die Linsenschicht vom Kalkskelett ab und legten sie auf eine lichtempfindliche Fotoplatte. Nach der Belichtung erschien präzise unter jeder Linse ein scharf abgegrenzter schwarzer Punkt. Die Linsen funktionierten perfekt; der Schlangenstern triumphierte.

Die Forscher fanden bei genaueren Vermessungen heraus, dass das Licht in einem Punkt rund fünf Mikrometer hinter der Linse gebündelt wird. Dort fanden sie später auch die Nervenbündel, die auf die Lichtreize reagieren und den Schlangenstern beim Herannahen eines Raubfisches in eine dunkle Ecke fliehen lassen.

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Sauerkrautsaft in der Gülle

12. März 2013, Tages Anzeiger
Kuhscheisse stinkt und ausserdem entweichen ihr Gase, die schlecht für die Umwelt sind. Mit Sauerkrautsaft soll sich das ändern.
Aus der Gülle entweicht Ammoniak. Sie stinkt und
schadet unseren Wäldern.
Bald ist es Frühling und dann riechen wir wieder, woraus dieses Land gemacht ist: Kuhscheisse. Sobald der letzte Schnee weggeschmolzen ist, besprühen die Bauern Wiesen und Felder mit Gülle. Der üble Begleitgeruch stammt vor allem vom Ammoniak, einer gasförmigen Stickstoffverbindung. Ihr Gestank ist jedoch nicht das einzige Übel. Viel schlimmer ist, dass durch verdampfendes Ammoniak jährlich 44 000 Tonnen wertvoller Stickstoffdünger in die Luft verpuffen.

Forscher, Verwaltung und Bauern suchen seit Jahren nach Wegen, diesen Verlust zu reduzieren. Derzeit sorgt eine ungewöhnliche Idee für Aufsehen. Der angehende biodynamische Landwirt Thomas Rippel will dem Ammoniak mit Holzkohle, Sirup und Sauerkrautsaft beikommen.

Um zu verstehen, wie das funktionieren soll, muss man erst einmal gedanklich in die Ausscheidungen von Kühen eintauchen. Der Urin unseres wichtigsten Nutztiers enthält neben seinem Hauptbestandteil Wasser auch sehr viel Harnstoff. Er ist ein Abfallprodukt der Verdauung und enthält den Stickstoff, den der Bauer am liebsten wieder auf seinen Feldern sehen möchte. Bevor jedoch Pflanzen den Harnstoff aufnehmen können, muss er chemisch zu Ammonium umgebaut werden. Das übernimmt ein Enzym mit dem Namen Urease. Praktischerweise liefert das die Kuh in ihren Ausscheidungen gleich mit.

Die Jauchegrube ist also eine Art chemischer Reaktor, in dem Harnstoff langsam in Ammonium umgewandelt wird. Das Problem dabei ist, dass Jauche in der Regel basisch ist. Ihr pH-Wert liegt bei 8. Unter solchen Bedingungen ist das Ammonium unstabil und verwandelt sich in das gasförmige Ammoniak. «Das passiert vor allem dann, wenn Gülle lang gelagert wird, aber der Prozess beginnt bereits im Stall», sagt Rippel.

Hier kommt der Sauerkrautsaft ins Spiel. «In der Schweiz gibt es davon jedes Jahr Millionen Liter, die kostenpflichtig entsorgt werden», sagt Rippel. Statt in die Kläranlage kommt der nun in die Jauchegrube. Er enthält viele Milchsäurebakterien, die nun den in der Gülle enthaltenen Restzucker fressen und dabei Milchsäure produzieren. In der Folge sinkt der pH-Wert von basischen 8 auf saure 5 ab. Das verhindert weitgehend die Bildung von neuem Ammoniak. Die Idee der Säurezugabe ist nicht neu. Bereits in den 1980er Jahren versetzten Forscher aus Grossbritannien Gülle testweise mit Schwefelsäure und konnten so die Ammoniakemissionen um 95 Prozent reduzieren.

Statt die Bakterien via Sauerkrautsaft zuzugeben, kann der Bauer in einem Fass auch seine eigene Kultur ansetzen. Diese füttert er einfach mit etwas Melasse, ein Zuckersirup, der bei der Verarbeitung von Zuckerrüben entsteht. «Auf diese Weise lassen sich die Bakterien endlos vermehren», sagt Rippel.

Die Vision des Jungbauern geht jedoch über die Reduktion von Ammoniak hinaus. Zusätzlich zu den Bakterien will er der Gülle feine Holzkohle-Stücke zugeben. In ihrer porösen Struktur speichern sie sowohl Ammonium als auch etwaige Überreste von Ammoniak und geben es erst auf dem Feld langsam an die Pflanzen ab.

Durch die Holzkohle wird der landwirtschaftliche Boden zur Kohlenstoffsenke. «Der Bauer kann jetzt für sein Feld CO2-Zertifikate anbieten», sagt Rippel. Firmen oder Privatpersonen könnten ihren eigenen Klimafussabdruck nun via Schweizer Landwirtschaft kompensieren und müssen dazu nicht mehr in Indien Bäume pflanzen lassen. Mit dem Erlös finanziert der Bauer die Produktion von gestankfreier und klimaschonender Gülle.

Doch Rippels Traum weist auch einige Schwachstellen auf. Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope entwickelt seit Jahren Methoden zur Reduktion von Ammoniakemissionen. Diese reichen von automatischen Stallreinigungssystemen, welche die ammoniakhaltigen Kuhfladen entfernen, über die fachgerechte Lagerung der Gülle bis zur ammoniakverminderten Ausbringung auf dem Feld. Albrecht Neftel von Agroscope sagt, nur wenn ein Bauer über die gesamte Kette hinweg Massnahmen ergreift, kann er den Stickstoffverlust merklich senken. «Wenn ein Bauer das konsequent macht, spart er langfristig Kunstdünger ein. Aber in nur einer Saison rechnet sich das kaum», sagt Neftel.

Auch bei der Holzkohle gibt es einige kritische Punkte. «Wenn die nicht sorgfältig hergestellt wird, ist sie mit organischen Schadstoffen belastet», sagt Neftel. «Ausserdem fehlt uns auch die benötigte Menge, um alle Landwirte damit zu versorgen. So viel liefern unsere Wälder nicht.» Und selbst wenn, dann müssten grosse Mengen Holzkohle quer durch das Land transportiert werden, was das Klima ebenfalls belastet, so Neftel.

Ungeklärt ist auch die Frage, ob sich der ganze Aufwand letzten Endes für den Bauern finanziell lohnt. Zurzeit klärt Rippel in Zusammenarbeit mit Studenten der Universität St. Gallen ab, inwiefern aus seiner Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt werden kann. Der Bund möchte indes die Ammoniakemissionen um rund vierzig Prozent auf maximal 25 000 Tonnen pro Jahr reduzieren. Im Angesicht dieses ehrgeizigen Ziels ist Rippels Idee wohl einen Versuch wert.



Negative Auswirkungen von Ammoniak

Ammoniak aus der Landwirtschaft belastet auch die Umwelt. Winde verfrachten das Gas über das ganze Land. Schliesslich verbindet es sich mit winzigen Wassertröpfchen in den Wolken und fällt mit dem Niederschlag auf die Erde. Statt Wasser regnet es jetzt Dünger. Vor allem Ökosysteme, die auf stickstoffarme Bedingungen angewiesen sind, vertragen das nicht gut. Waldbäume beispielsweise produzieren aufgrund der Gratisdüngung weniger Wurzeln und werden instabil. Zudem fördert Ammoniak in der Luft die Bildung von Feinstaub, was unsere Gesundheit belastet.

Mittelmeerküche gegen Herzinfarkt

3. März 2013, NZZ am Sonntag
Mediterranes Essen beugt Schlaganfällen und Herzinfarkten vor. Das belegt ein spektakuläres Experiment aus Spanien.

Franzosen essen gleich viel Fett und Kohlenhydrate wie die Finnen, die Norweger oder die Iren. Doch in Frankreich sterben ein Drittel weniger Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dieser Befund ist als «Französisches Paradoxon» in die Geschichte der Medizin eingegangen. Schon seit Jahrzehnten besteht der Verdacht, dass es die Mittelmeerkost ist, welche nicht nur Franzosen, sondern auch Griechen, Italiener oder Israeli vor Schlaganfällen und Herzinfarkten schützt. Nun haben Forscher aus Spanien einen spektakulären Beweis für diese These geliefert. Demnach wirkt die mediterrane Küche nicht nur vorbeugend gegen Herz-Kreislauf-Beschwerden, sie hat sogar eine geradezu heilende Wirkung.

Der Ansatz, den die Forscher gewählt haben, war radikal anders als in bisherigen Studien. Normalerweise basieren Erkenntnisse in den Ernährungswissenschaften auf Fragebögen, in welchen die Probanden während Monaten oder Jahren eintragen, was sie in welchen Mengen gegessen haben. Zur Mittelmeerkost hat es in den letzten Jahrzehnten Tausende solcher Vergleichsstudien gegeben.

Das Team um Ramon Estruch von der Universität Barcelona und Miguel Ángel Martínez-González von der Universität Navarra den Spiess umgedreht. Statt die Probanden nur nach ihren Essgewohnheiten zu befragen, haben sie ein grossangelegtes Experiment mit ihnen durchgeführt. Für ihren Versuch trafen sie eine Auswahl von rund siebentausend Personen von 55 bis 80 Jahren. Sie gehörten alle zur Herz-Kreislauf-Risikogruppe. Das heisst, dass sie entweder rauchten, an Diabetes litten, übergewichtig waren oder zu hohe Cholesterinwerte hatten.

Ein Drittel von ihnen durfte so weitermachen wie bisher und essen, was sie wollten. Das war die Kontrolle. Der zweite Drittel musste die Essgewohnheiten radikal umstellen und sich fortan an die mediterrane Küche halten (siehe Box). Zudem bekamen die Probanden in dieser Gruppe pro Woche einen Liter kalt gepresstes Olivenöl von der Studienleitung zur Verfügung gestellt. Von diesem mussten sie pro Tag via Salatsauce oder Bratöl mindestens vier Esslöffel zu sich nehmen. Die dritte Gruppe wurde ebenfalls auf mediterrane Kost gesetzt, bekam statt des Olivenöls jedoch 200 Gramm gemischte Nüsse pro Woche, von denen die Probanden drei Mal pro Tag essen mussten.

Der Versuch war auf mehrere Jahre ausgelegt. Damit sich die beiden mediterranen Gruppen strikt an ihren neuen Menüplans hielten, führten die Forscher eine Art Drogentest durch. Dabei mussten die Probanden Urinproben abgeben, in denen sich bei korrekt eingehaltener Kost die Abbauprodukte von Olivenöl und Nüssen nachweisen liessen. Allein um die Anzahl Kalorien mussten sich die Probanden nicht kümmern. Diese spielte im Versuch keine Rolle. Sie konnten also so viel Antipasti, Spaghetti und griechischen Salat essen, wie sie wollten.

Nach fünf Jahren waren die Resultate so überdeutlich, dass die Ethik- und Sicherheitskommission den Versuch frühzeitig abbrach. Während bei der Kontrollgruppe 109 mal ein Herzinfarkt, Hirnschlag oder ein Todesfall durch Herz-Kreislaufversagen auftrat, waren es bei den beiden Gruppen mit Mittelmeerkost rund dreissig Prozent weniger. «Diese Studie bestätigt das, was man schon lange vermutet hat», sagt Christian Wolfrum, Ernährungswissenschafter an der ETH Zürich. «Sie zeigt klar, dass mediterrane Kost etwas bringt. Man bedenke: die Probanden waren schon ziemlich alt. Zudem waren es alles Übergewichte, Raucher, Diabetiker – die lebten also ziemlich ungesund. Dass man bei diesen Menschen nach nur fünf Jahren einen so starken Effekt beobachten kann, ist erstaunlich», sagt Wolfrum. «Die mediterrane Kost hat man bislang als Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachtet. Aber hier kann man schon fast von einer heilenden Wirkung sprechen.»

Auch wenn die Resultate glasklar sind, bei den Ursachen fischen die Forscher nach wie vor im Trüben. Estruch ist sich zwar sicher, dass die Art des eingenommenen Fetts eine Rolle spielt. «Aufgrund unserer Studie und gemäss Studien von anderen Forschern sind wir sicher, dass das Fett in kaltgepresstem Olivenöl und Nüssen besser ist als Butter oder andere pflanzliche Öle»,  sagt er.

Wolfrum hingegen ist weitaus vorsichtiger: «Die Mittelmeerküche ist immer noch eine Blackbox. Jede Komponente hat einen anderen Effekt und es ist sehr schwierig, das mittels wissenschaftlicher Studien aufzudröseln», sagt Wolfrum. Estruch und Martínez-González schreiben in ihrer Studie darum auch von einem «synergistischen Effekt». Das bedeutet, dass sich die Einzelwirkungen von Olivenöl, Nüssen, frischem Gemüse, Fisch und Wein zusammen zu einer viel grösseren positiven Wirkung auftürmen als es jeder Bestandteil für sich alleine tun könnte.

Der Effekt lässt sich offenbar in beliebige Länder exportieren. 2012 publizierten schwedische Forscher die Resultate einer zehnjährigen Vergleichsstudie, die zum Schluss kam, dass Schweden, die sich vorwiegend von mediterraner Kost ernährten, ihr Herz-Kreislauf-Risiko um einen Fünftel reduzieren konnten.

So isst man mediterran

Mediterranes Essen zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Früchten, frischem Gemüse, Fisch, Vollkornprodukten und Nüssen aus. Zum Essen gibt es etwas Rotwein. Olivenöl ist das hauptsächlich verwendete Fett. Weniger präsent sind rotes Fleisch und Milchprodukte.

In der Studie wurde den Probanden zu folgendem Diätplan geraten:

Kaltgepresstes Olivenöl: Mindestens 4 Esslöffel pro Tag
Baum- und Erdnüsse: 30 Gramm pro Tag
Frische Früchte: Mindestens 3 Portionen pro Tag
Gemüse: Mindestens 2 Portionen pro Tag
Fisch und Meeresfrüchte: Mindestens 3 Portionen pro Woche
Hülsenfrüchte: Mindestens 3 Portionen pro Woche
Soffritto (Tomaten-Zwiebel-Sauce): Mindestens 2 Portionen pro Woche
Geflügel statt Rind- oder Schweinefleisch
Wein: mindestens sieben Gläser pro Woche

Nicht empfohlen sind:
Softdrinks
Backwaren und Süssgebäcke
Rotes und verarbeitetes Fleisch

Selbstversorgung ade

4. November 2012, NZZ am Sonntag
Die heimische Landwirtschaft liefert nur die Hälfte der benötigten Lebensmittel. Selbst rein vegetarisch könnten sich die Schweizer nicht selbst versorgen.

So viel Land benötigt die Agglomeration Basel, um satt
zu werden. © Adrian Moser


In Sachen Ernährung hängt die Schweiz am Tropf ausländischer Felder. Soja, Bananen, Kaffee, Weizen oder Mais kommen von weit her, manchmal sogar von Neuseeland. Nun haben Wissenschafter der Hochschule für Life Sciences der Fachhochschule Nordwestschweiz erstmals berechnet, wie viele Bäuche die Schweiz notfalls füllen könnte, wenn der Strom ausländischer Nahrungs- und Futtermittel plötzlich abbricht. Resultat: rund vier Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung.

Die beiden Forscher Claude Lüscher und Adrian Moser haben als Ausgangspunkt für ihre Berechnungen die Agglomeration Basel genommen. Sie haben sich gefragt, wie viel Land jeder Bewohner benötigt, wenn er sich nur von heimischen Produkten ernährt. Dazu schrieb Moser ein Computerprogramm, das den Flächenverbrauch auf einer Karte darstellte.

Das Programm nahm sich, beginnend beim Basler Münster, jede Hektare Kulturland einzeln vor, prüfte sie auf ihre landwirtschaftliche Eignung und teilte sie dann als Ackerland, Grasland oder Obstbaufläche ein. Das machte es so lange, bis sich die halbe Million Mäuler von Basel ein Jahr lang von der Scholle ernähren konnten. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Das benötigte Land reicht im Osten bis nach Baden und im Westen weiter als Delémont. «Die Fläche schwappt gar über den Jurasüdfuss hinaus ins Mittelland», sagt Lüscher. Die Basler essen massiv unter ihrem eigenen Zaun hindurch. Pro Person verbrauchen sie 1800 Quadratmeter Landwirtschaftsland. Die Situation dürfte für den Rest der Schweiz ähnlich sein. «Das zeigt, dass wir über unseren Verhältnissen leben», sagt Lüscher. 

Das liegt vor allem am hohen Anteil von Fleisch- und Milchprodukten. Kühe und Rinder brauchen Unmengen von Gras, Mais und Getreide. Rund achtzig Prozent der Fläche wird allein für den Futterbau und als Weidegründe für das Vieh benötigt.

Selbst auf Diät essen die Basler noch massiv unter ihrem
Zaun durch. Selbstversorgung in der Schweiz ist eine Utopie.
© Adrian Moser


Im Angesicht dieses Ungleichgewichts unternahmen die beiden Forscher einen weiteren Versuch. Sie setzten die Agglomeration Basel auf eine Minimaldiät. Unter Berücksichtigung der Ernährungsempfehlungen standen ab sofort um die Hälfte mehr Feldfrüchte auf dem Speiseplan. Die Milchproduktion wurde um ein Viertel reduziert und Kalbfleisch und Geflügel nahezu ganz gestrichen. «In diesem Fall würden wir nur die abgehenden Kühe essen und die Stierkälber, denn die geben ja keine Milch», sagt Lüscher.

Das Resultat verbesserte sich massiv. Jede Person verbrauchte so nur noch 1000 Quadratmeter Land. Ist damit unsere Selbstversorgung in Notzeiten gesichert? Nein. Selbst unter diesem Regime schafft es die Schweiz bloss, gerade mal fünfeinhalb Millionen Menschen zu ernähren.

Das Problem ist, dass sich viele Wiesen nicht in Ackerflächen umwandeln lassen, weil das Gelände zu steil ist oder der Boden nicht tief genug. «Das Grünland für die Kühe besteht gemäss Arealstatistik vorwiegend aus Flächen, die kaum oder nur sehr erschwert ackerbaulich genutzt werden können», sagt Lüscher. Das heisst, ohne Kühe werden zwar Äcker frei, auf denen zuvor Futter gewachsen ist, aber ihre Gesamtfläche bleibt gleich. Denn wo an steiler Lage nur Gras angebaut wurde, kann kein Acker entstehen.

Doch der Grund, dass uns die gute alte Schweiz nicht mehr ernähren kann, liegt weder bei Rindern noch bei der Qualität des Ackerlandes, sondern bei uns selbst. Jährlich gehen rund dreitausend Hektaren landwirtschaftliche Fläche durch Überbauungen verloren. Den Rest teilen sich jedes Jahr 1,1 Prozent mehr Menschen. 

Dazu kommt ein Appetit auf fremdländische Speisen. Schon vor ein paar Jahren hat eine andere Forschergruppe der Fachhochschule Nordwestschweiz den Flächenbedarf inklusive exotischer Produkte wie Mango und Bananen berechnet. Demnach verbrauchen wir allein für den Kaffee dreihundert Quadratmeter pro Person und Jahr – nicht hier im Inland, sondern irgendwo in Brasilien oder Guatemala.

Im Kot liegt Wahrheit

23. Dezember 2012, NZZ am Sonntag
Ein Forscher findet im Kot eines toten Vogels den Pollen einer Pflanze, die vom Aussterben bedroht ist. Heute leben Pflanze und Vogel glücklich zusammen auf einer Insel.

Kakapo (rechts) und Kurzschwanzfledermaus
laben sich am Nektar der Holzrose.
© Chris Gaskin

Tierkot jeglicher Art ist für die meisten Menschen eine eklige Angelegenheit. Nicht so für den Forscher Jamie Wood der neuseeländischen Forschungsanstalt Landcare Research. Er hat sich durch ganze Höhlen voller Vogelkot gegraben und in ihm den Schlüssel zur Rettung einer der seltensten und skurrilsten Pflanzen Neuseelands gefunden.

Die Holzrose, auch Hades-Blume oder in der Sprache der Maori Putiputi-o-te-pouri genannt, ist extrem selten. Sie verbringt ihr gesamtes Leben unter der Erde. Dort krallt sie sich an den Wurzeln anderer Pflanzen fest und stiehlt deren Zuckersaft und Nährstoffe. An der Verbindungsstelle entsteht eine Art hölzerne Plazenta, die an die Form einer Rose erinnert. So ist sie zu ihrem eigentümlichen Namen gekommen. 

Einmal im Jahr produziert die Pflanze einen Satz stark duftender Blüten, streckt diese durch den Boden an die Oberfläche und wartet auf die Bestäuber, die den Pollen hoffentlich von den männlichen zu den weiblichen Pflanzen tragen. Doch seit einigen hundert Jahren lassen sich die Liebesboten nicht mehr blicken. Sie sind verschollen. Nur manchmal fliegt eine Kurzschwanz-Fledermaus heran, um etwas Nektar zu lecken, aber sie allein kann die Bestäubung nicht gewährleisten.

Für die Pflanze bedeutet das immerwährende Enthaltsamkeit und damit ein Ende jeglichen Nachwuchses. In der Folge ist ihr einst grosses Verbreitungsgebiet zu einem kläglichen Rest zusammengeschrumpft. Bereits kriechen Naturschützer durch das Dickicht und leisten den letzten Exemplaren Nachhilfe beim Sex, indem sie den Pollen von Hand auf die weiblichen Blüten übertragen.

Nun bereitet ausgerechnet die Kot-Forschung von Wood diesem Trauerspiel ein Ende. Wood ist ein Paläoökologe, das heisst, er befasst sich mit untergegangen Ökosystemen, wie etwa dem Neuseelands. Denn niemand weiss heute mit Sicherheit, wie es dort vor der menschlichen Besiedlung aussah und wie die Natur auf den Inseln funktionierte.

Ab dem 13. Jahrhundert assen sich erst die Maori und ab dem 18. Jahrhundert die Europäer durch die Tier- und Pflanzenwelt, rotteten so manche Art aus und stellten den Rest auf den Kopf. «Darum ist es mein Ziel, die Vegetation und die Tiergemeinschaften vor menschlicher Besiedlung zu rekonstruieren», sagt Wood. Nur so können die seltenen neuseeländischen Lebewesen langfristig vor dem Untergang bewahrt werden.

Woods Arbeitsplatz sind Höhlen oder Felsüberhänge, denn dort hat die konstante Trockenheit die längst vergangene Flora und Fauna in einer Art dreidimensionaler Fotoaufnahme konserviert. Das beginnt bei Holzstücken, Knochen und Federn und endet bei Kothaufen. Letztere liegen dort zu Hunderten auf der Erde, als hätte sie gerade eben ein Tier abgesetzt. Und dennoch sind sie Jahrtausende alt. Die Höhlenluft hat sie gewissermassen mumifiziert. Biologen nennen solche Gebilde Koprolithe. «Wir fanden viele, die einfach auf dem Höhlenboden lagen oder auf Steinen. Das machten sie wohl schon seit einigen tausend Jahren ungestört», sagt Wood.

Der Forscher sammelte 1200 dieser konservierten Häufchen auf und brachte sie ins Labor. Nach einer DNA-Analyse stand fest, dass die meisten von ihnen vom so genannten Kakapo stammten, einem flugunfähigen Riesenpapagei, von dem es heute noch 126 Exemplare gibt.

«Der Kakapo war vor der Ankunft des Menschen vermutlich einer der häufigsten und am weitesten verbreiteten Vögel Neuseelands. Sie lieben es in Höhlen oder deren Eingängen zu nisten», sagt Wood. Kothaufen erzählen Forschern nicht nur, wer da geschissen hat, sondern auch, was er zuvor zu sich nahm. Um an diese Information zu kommen, zermahlte Wood die Ausscheidungen zu Pulver und schaute es sich unter dem Mikroskop an.

Bei 400-facher Vergrösserung tauchte er in ein Meer von Pollenkörnern ein. «Die meisten Pollenkörner, die wir fanden, stammten von Pflanzen, die Kakapos heute noch fressen», sagte Wood. Doch zehn Prozent von ihnen gehörten zur seltenen Holzrose. Das bedeutete, dass sie einst eine sehr häufige Pflanze gewesen sein musste.

Wood kombinierte: Erstens produzieren die Blüten der Holzrose während zwei Wochen ungewöhnlich grosse Mengen an stark duftendem Nektar. Zweitens wissen wir, dass Kakapos eine gute Nase haben und auf Süsses stehen, und drittens haben sich ihre Vorfahren offenbar an diesen Blüten gütlich getan, wie die Kotanalyse zeigte. Das heisst: Der Riesenpapagei muss der verschollene Bestäuber der Holzrose sein. 

Diese Erkenntnis hat einen direkten Einfluss auf den Naturschutz. «Einige Kakapos wurden inzwischen auf der Little Barrier Insel ausgesetzt, wo auch die Holzrose vorkommt», sagt Wood. Die Insel liegt an der Nordwestküste von Neuseeland und ist ein wichtiges Schutzgebiet, das von Menschen unbewohnt ist. Die staatliche Umweltbehörde will sich nun höchstpersönlich um das sexuelle Wohlergehen der Holzrose kümmern und stellt in Zukunft jeden Herbst Kameras neben den frischen Blüten auf, um den Kakapo möglichst in flagranti zu ertappen.

Wenn das gelingt, bedeutet das für Woods Studie die Krönung. Denn nie zuvor hat ein Forscher in mumifiziertem Vogelkot sowohl die Erklärung für den Niedergang einer Pflanzenart als auch die Lösung zu deren Rettung gefunden. «Unsere Studie ist die erste, die einen Zusammenhang zwischen einem verlorenen Bestäuber und dem schleichenden Untergang einer Pflanzenart herstellt», sagt Wood.

Tarnkappen-Augen

November 2012, «Atlant's column» auf micronaut.ch
Nachtfalter haben ein zwiespältiges Verhältnis zum Licht. In der Nacht lieben sie es, weil es ihnen bei der Navigation hilft. Tagsüber jedoch scheuen sie es wie die Pest, weil es sie an ihre Fressfeinde verrät.

Die Oberfläche des Schwarzen Ordensbandes, einer
nachtaktiven Motte. © Martin Oeggerli
Ihre grossen Augen kommen ihnen dabei besonders ungelegen. Denn an ihnen reflektiert sich das Umgebungslicht in alle Richtungen wie an zwei Diskokugeln. So sehen die Jäger sehen sofort, wo ihr nächster Snack sitzt. Diesen Widerspruch zwischen «sehen» und «gesehen werden» hat die Evolution inzwischen zumindest für die Nachtfalter bereinigt. Die Lösung ist so genial, dass sie heute sogar in der Solartechnik und auf Computerbildschirmen zum Einsatz kommt.

Das Grundproblem besteht darin, dass Licht von den allermeisten Gegenständen zu einem gewissen Prozentsatz zurückgeworfen wird. Dieser Vorgang heisst Reflektion. Wegen ihr, sehen wir die Welt überhaupt erst. Alle Bäume, alle Wiesen, Seen und Wolken sind im Grunde unsichtbar. Erst die Lichtreflektion enttarnt sie und offenbart uns ihre Farbe und ihre Form. 

Würde ein Gegenstand sämtliches Licht, das auf ihn trifft, verschlucken, würde er sich in ewige Dunkelheit hüllen. Genau diesem Zustand hat sich das Auge des Nachfalters angenähert. Zu diesem Zweck ist seine Oberfläche mit Millionen von winzigen Stäbchen bedeckt. Diese so genannten Nippel stehen dicht an dicht und sind bei manchen Arten bis zu 230 Nanometer hoch. Das ist der zweihundertste Teil des Durchmessers eines menschlichen Haars.

Bei extremer Vergrösserung werden die Stäbchen sichtbar.
© Martin Oeggerli
Dieser Stäbchenwald verwischt die Grenzen zwischen Luft und Auge. Das Licht trifft nicht mehr direkt auf einen Gegenstand, sondern wird stattdessen langsam in diesen übergeführt. Das hat zur Folge, dass nur noch ein Prozent des einfallenden Lichts zurückgeworfen wird. Das heisst, die Augen werden zu zwei komplett dunklen Kugeln, die Licht fast vollständig in sich aufsaugen. Auf diese Weise erhöht sich die Sehkraft des Falters in der Nacht, da neunundneunzig Prozent des Lichts ungehindert zu seinen Sehrezeptoren wandert.

Bei Faltern, die keine Stäbchen auf den Augen haben, erreichen nur sechsundneunzig Prozent des Lichts den Rezeptor. Der Rest fällt der Reflektion zum Opfer. Andere Tiere nutzen diesen den Nippel-Effekt ebenfalls. Auch Quallen bedecken ihren Körper mit winzigen Stäbchen. Dadurch werden sie im Meer fast unsichtbar. Fressfeinde haben es auf diese Weise schwer, die langsamen Quallen zu entdecken.

Wegen dieser herausragenden Erfolge in der Natur, machen sich nun auch die Menschen die Nippel-Technologie zunutze. Bei neuen Solarzellen werden die Stäbchen auf die Glasoberfläche aufgedruckt. Dadurch konnten Forscher bereits 40 Prozent mehr Energie mit den Solarzellen gewinnen. Ebenso können Computer- oder Handybildschirme entspiegelt werden.

Die Schweiz auf grossem Fuss

November 2012, oliv
Vor 20 Jahren hat sich die Schweiz offiziell zu einer nachhaltigen Entwicklung bekannt. Doch seither ist nicht viel in dieser Hinsicht geschehen.

Die Schweiz hinterlässt pro Kopf weltweit
einen der grössten ökologischen Fussabdrücke.
Am Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 hat sich die Schweiz zu einer nachhaltigen Entwicklung bekannt. Diese verlangt, dass die heute lebenden Menschen ihre Bedürfnisse so decken sollen, ohne den in Zukunft lebenden Menschen diese Möglichkeit zu nehmen. Seither sind genau 20 Jahre vergangen und es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Zu diesem Zweck hat das Bundesamt für Statistik einen «Bericht über die Nachhaltige Entwicklung 2012» herausgegeben. Sein Fazit ist ernüchternd.

So verbrauchen Herr und Frau Schweizer heute wie schon damals jährlich rund 40 Tonnen Material pro Kopf. Das beinhaltet unter anderem Nahrungsmittel, Baustoffe oder Energieträger. Seit Rio hat sich also in dieser Beziehung nichts geändert. Wie wir zu diesen Materialien kommen, ändert sich dagegen kontinuierlich. Vor zwei Jahrzehnten kamen 61,7 Prozent aus dem Ausland. 2010 waren es bereits 67,9 Prozent. Das heisst, wir können unseren Rohstoffverbrauch je länger je weniger von den hiesigen Ressourcen decken, sprich, wir bewegen uns nicht hin zur Nachhaltigkeit, sondern weg von ihr.

«Die Schweiz gehört zwar weltweit zu den führenden Nationen, was den Verbrauch von nachhaltigen Produkten angeht. Doch die Gesamtbilanz ist in keiner Weise besser geworden», sagt Felix Meier, Leiter Konsum und Wirtschaft vom WWF Schweiz. «Das liegt daran, dass wir immer höhere Ansprüche haben. Immer mehr elektronische Geräte stehen in der Wohnung und die Ferien sind immer ausgefallener.»

Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch beim Energieverbrauch ab. Der Konsum pro Person liegt seit Jahrzehnten bei 6500 Watt mit leicht steigender Tendenz. Roland Stulz, Initiant und Leiter der Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft, führt das ebenfalls auf die ungebremste Konsumfreude zurück. «Die einzelnen Geräte, Konsumgüter und Gebäude werden zwar immer energieeffizienter, aber wir konsumieren immer mehr», sagt er. «Es gibt ein gewisses Suchtverhalten. Mehr ist besser. Zuerst hat man nur einen Laptop, dann kommt der Desktop dazu, dann das iPhone und zum Schluss das iPad.»

Süchtig sind wir auch von fossilen Energieträgern. Zwar hat sich der Anteil an erneuerbaren Energien um rund 16 Prozent erhöht, doch die Schweiz ist immer noch stark von Erdöl, Erdgas oder Uranbrennstäben aus dem Ausland abhängig. Diese deckten 2010 rund 80 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs ab.

Damit verknüpft sind auch die Treibhausgase, ein weiteres leidiges Thema. Zwischen 1990 und 2009 sind die CO2-Emissionen um lediglich 1,8 Prozent zurückgegangen. Das sei zwar erfreulich, wie Meier meint, doch es entspricht nicht den Zielen, die sich die Schweiz im Rahmen des Kyoto-Protokolls gesetzt hat. Diese sehen eine Senkung der Durchschnittswerte um 8 Prozent in Bezug auf den Wert von 1990 vor. Lediglich beim Gewässerschutz verbesserte sich die Schweiz markant. Flüsse und Seen sind heute viel sauberer und mit weniger Nährstoffen belastet. «Dort haben wir vorwärts gemacht», sagt Meier. 

Das allein reicht jedoch nicht, um die Schweiz auf den Pfad der Nachhaltigkeit zu führen. Im Living Planet Report 2012 des WWF stehen wir punkto Ressourcenverbrauch weltweit auf Platz 21 knapp vor anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Norwegen oder Spanien. Demnach benötigt jeder Schweizer und jede Schweizerin rund fünf Hektaren Land, um den eigenen Bedarf zu decken. Würden alle Menschen der Welt so leben wie wir, bräuchten wir 2,8 Planeten. Das zeigt, dass wir noch weit weg von einer nachhaltigen Gesellschaft sind.

Ein Lichtblick ist für Energieexperte Stulz die Tatsache, dass auch in Zukunft die Effizienz von elektronischen Geräten, Autos und Häusern weiter zunehmen wird. Aber es braucht mehr als das. «Wir müssen endlich erkennen, dass technologische Effizienz mit einem bewussteren Lebensstil einhergehen muss», sagt er. Der Schlüssel liege in der Entkopplung der Lebensfreude von den Ressourcen. «Wir müssen Lebensqualität neu definieren und Freude und Lust wecken an einer Zukunft, die nicht so stark von der Anzahl Technikgeräte im Wohnzimmer abhängt.»

Die Vielflieger

September 2012, Vivai
In Sachen Mobilität stehen Tiere und Pflanzen dem Menschen in nichts nach. Einige von ihnen kommen sogar mit dem Flugzeug.

Salzkrebschen reisen als Ei um
die ganze Welt.
Wir Menschen sind hochmobile Lebewesen. Wir bewegen uns zu Fuss, auf Rädern, mit Boten, mit U-Booten, mit Fallschirmen oder mit Flugzeugen an jeden beliebigen Punkt auf der Erde. Das ist jedoch kein Grund überheblich zu werden, denn Tiere und Pflanzen können das schon lange. In der Vielfalt der Fortbewegungsarten stehen sie dem Menschen in nichts nach. Ganz im Gegenteil: Sie kennen nicht nur das Lufttaxi und den Aussenbordmotor, sondern haben auch einen Weg gefunden, durch die Zeit zu reisen.

Selbstredend waren auch sie es, welche die Mobilität erfunden haben. Diese ausserordentliche Leistung hat ein Lebewesen vollbracht, das unter dem Mikroskop aussieht wie ein Wassertropfen. Es ist eine Amöbe, der erste Organismus mit einem beweglichen Körper. Während seine Vorgänger noch in einer starren Hülle steckten und ihrer Umwelt hilflos ausgeliefert waren, konnte die Amöbe selbst bestimmen, wohin ihre Reise ging. Ihre Haut ist so flexibel wie ein Gummihandschuh. Um von A nach B zu kommen, stülpt es eine Art Finger aus, reckt ihn in eine bestimmte Richtung, hält sich dort fest und lässt dann den Rest des Körpers ganz einfach nachfliessen.

Ein weiterer Meilenstein war die Entwicklung spezialisierter Fortbewegungs-Organe. Das erste von ihnen war ein geisselartiger Auswuchs auf der Hülle von Bakterien. Ihn konnten sie wie einen Aussenbordmotor einsetzen und sich auf diese Weise in flüssigen Medien vorwärts schlängeln. Das tönt banal, aber diese Erfindung ist so gut, dass sie bis heute für viele Lebewesen überlebenswichtig ist. Unter anderem sind die Spermien der meisten Tiere und von uns Menschen mit diesem Geisselantrieb ausgerüstet. Mit seiner Hilfe rudern sie mit sagenhaften drei Millimetern pro Minute der Eizelle entgegen. Wären Spermien so gross wie ein Hai würden sie zwanzig Kilometer pro Stunde zurücklegen.

Schwimmen ist eine sehr praktische Fortbewegungsart, solange es Wasser gibt. Doch als die ersten Pflanzen vor 475 Millionen Jahren das Festland eroberten, brauchten sie schnell ein neues Konzept. Denn statt von Flüssigkeit waren sie nun von einem Gasgemisch, der Luft, umgeben.

Leichtigkeit hiess das Zauberwort. Da die Pflanzen als Ganzes zu schwer waren, um durch die Lüfte zu schweben, stellten sie winzige Kopien von sich selbst her und verpackten diese in kleine Container. Diese bestanden aus einem neu entwickelten Baustoff, dem Sporopollenin. Es ist bis heute eines der unzerstörbarsten Materialen in der Natur, eine Art Stahl-Karbon-Verbundskunststoff auf rein pflanzlicher Basis.

Er bot Schutz vor den schädlichen UV-Strahlen der Sonne und verhinderte gleichzeitig die Austrocknung der wertvollen Fracht. Aber das Wichtigste: Sporopollenin war leicht genug, um bereits von einer schwachen Brise vorgetragen zu werden. Das war die Geburtsstunde der ersten flugfähigen Sporen. Mit ihrer Hilfe legten Pflanzen fortan mühelos Tausende von Kilometern zurück.

Natürlich wollten auch die Tiere, die ein paar Millionen Jahre später die Weltbühne betraten, nicht ewig auf dem Boden festsitzen. Fliegen verhiess Zugang zu weit entfernten Ressourcen und Schutz vor landgebundenen Räubern. Der erste Schritt zur Flugtauglichkeit war ein neuer Diätplan. Die Vorfahren der Vögel etwa hatten viel zu schwere Körper. Das lag daran, dass sie sich von Gras ernährten und zur Verdauung riesige Mägen benötigten. «Wer fliegen wollte, musste das Gras aus dem eigenen Speiseplan streichen», sagt Richard Prum, Ornitologe an der Universität Yale.

Gesagt, getan. Heute ist der Rekordhalter im Langstreckenflug die Küstenseeschwalbe. Sie verspeist statt Gras ausschliesslich Fische und konnte ihr Gewicht in der Folge auf nur 100 Gramm reduzieren. Sie fliegt jedes Jahr im Zickzack-Kurs von Grönland in die Antarktis und legt dabei 71 000 Kilometer zurück. In ihrem 30-jährigen Leben macht das sechs Mal die Distanz von der Erde zum Mond.

Dank den Vögeln lernten nun auch plötzlich Lebewesen das Fliegen, die von ihrer Statur her überhaupt nicht dazu prädestiniert waren. Zu ihnen gehörten die Salzkrebschen. Sie sind nur zwei Zentimeter gross und leben bevorzugt in extrem salzhaltigen Gewässern wie Salzseen.

Ihre grössten Feinde und Freunde zugleich sind die Flamingos. Diese fressen die kleinen Krebse zu Millionen. Wenn ein See ausgebeutet ist, ziehen die Vögel auf der Suche nach neuen Futterquellen weiter. Was sie nicht wissen: An ihren Beinen kleben die winzigen Eier der Krebse. Landen sie in einem anderen Salzsee, schlüpft Tausende von Kilometern von der Mutterkolonie entfernt eine neue Generation von Krebschen. Mit dieser Technik haben es die kleinen Wasserbewohner geschafft, den ganzen Globus zu besiedeln.

Pflanzen sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen als die Krebse. Sie fliegen nicht heimlich als Blinde Passagiere mit, sondern bezahlen die Vögel ganz offiziell für den Lufttransport. Dazu umhüllen sie ihre Samen mit Fruchtfleisch, einem zarten und leicht verdaulichen Gewebe, das stark mit Zucker durchsetzt ist. Für die Vögel ist das pures Flugbenzin, für das sie gerne ein paar Samen in ihrem Magen transportieren.

Aber nicht nur das Abheben, sondern auch die Landung haben die Pflanzen perfektioniert. Die als Parasit auf Bäumen wachsende Mistel umhüllt ihre Samen mit einem besonders klebrigen Fruchtfleisch. Ein Vogel, der sich an ihnen versucht, wird sie so schnell nicht mehr los, denn sie bleiben an seinem Hintern kleben. Will er sich seiner Fracht entledigen, muss er sie an einem Ast abstreifen. Das ist durchaus im Sinne der Mistel. Denn auf diese Weise endet ihr Samen nicht auf dem Boden, sondern kommt genau dort hin, wo er keimen und sich auf einem neuen Wirt festsetzen kann.

Zur Fortbewegung machen Pflanzen und Tiere selbst vor der menschlichen Technik nicht Halt. Sie reisen auf Schiffen, Zügen, in Autos und natürlich in den Frachträumen von Flugzeugen. Zuweilen kommen so Exoten oder gar Schädlinge aus dem weit entfernten Ausland in unsere Gefilde. Forscher vermuten, dass der Westliche Maiswurzelbohrer als Flugpassgier von Amerika nach Europa kam. Heute ist er eine der grössten Zerstörer europäischer Maisernten und verursacht Schäden in Millionenhöhe.

Aus diesem Grund kontrollieren Inspekteure am Flughafen Zürich die ankommenden Ladungen, ob sich irgendwo auf einer Schnittblume aus Thailand oder einer Spargel aus Chile ein neuer eingeschleppter Pflanzenschädling versteckt hält, der hier sein Unwesen treiben könnte. «Die Inspekteure finden einmal pro Woche einen kontaminierten Lieferposten», sagt Alexandre Aebi von der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope.

Meist sind es jedoch kleine und altbekannte Schädlinge wie etwa die Fruchtfliegen, die Weissen Fliegen oder die Thripse. Ab und zu hat es jedoch auch einen grösseren Brocken darunter. «Einmal hat das Bodenpersonal der Frachthalle einen Leguan in einem Container entdeckt», sagt Aebi. Die Echse gelangte mit einer Transit-Maschine aus Dubai nach Zürich. Der wird bei uns jedoch kaum viel Schaden anrichten.

In Sachen Mobilität hat die Natur nicht nur jede räumliche Distanz, sondern sogar die Zeitbarriere überwunden. Archäologen fanden in den Sechziger Jahren bei Ausgrabungen in der berühmten israelischen Masada-Burg mehrere antike Samen einer Dattelpalme. Die Altersanalyse ergab, dass diese 2000 Jahre lang im Wüstenstaub geschlummert haben. Als Botaniker sie schliesslich 2005 in einen Topf mit Erde gaben, hatten sie wenig Hoffnung. Doch acht Monate später ist tatsächlich einer der Samen gekeimt. Die Palme aus der Zeit Christi ist heute bereits über zwei Meter gross. 

Der Dschungel vor der Haustür

Juni 2012, natur
Wildnis beginnt im eigenen Garten. Da gibt es dichte Wälder, friedvolle Vegetarier und hungrige Jäger. Alles im Mini-Format.

Mitten in der Blumenrabatte schlägt sich die
Weinbergschnecke den Wanst voll.
Von einer Safari in Afrika hat man ja sehr romantische Vorstellungen: Auf der Veranda einer Lodge trinkt man gemütlich einen Gin Tonic und sieht dabei den Löwen zu, wie sie sich in der Dämmerung an Gazellen heranschleichen. Tatsächlich jedoch sitzt man in einem überhitzten Jeep ohne Klimaanlage, wird von Mücken gefressen und die Löwen dösen unter einer Akazie faul vor sich hin.

Zum Glück gibt es eine Alternative, die billiger, bequemer und erst noch spannender ist. Man mache drei Schritte vor die Haustür, gehe langsam in die Knie und beuge dabei den Oberkörper vor, bis die Nase auf der Höhe der Gänseblümchen ist. Jetzt die Augen weit auf und man findet sich mitten in der wildesten Safari der Welt wieder. Der eigene Garten ist blutrünstiger und abenteuerlicher als irgendeine Ecke Afrikas.

Drüben auf dem frisch gesetzten Fenchel ist gerade eine große Herde Pflanzenfresser eingetroffen. Es sind die Blattläuse. Sie haben ihre Rüssel in die dünnen Blätter gebohrt und lassen sich nun im wahrsten Sinne des Wortes volllaufen. Der Druck im Röhrensystem des Fenchels ist so groß, dass der leicht zuckerhaltige Saft von selbst in ihren Magen schießt. 

Blattläuse sind eines der friedfertigsten Völker der Erde. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie die Männer abgeschafft haben. So hat sich jegliche Art von Streit um Weibchen oder Territorium erledigt. Trotzdem produzieren sie jede Menge Nachwuchs. Jede Blattlaus ist von Geburt an mit Dutzenden von Eiern ausgestattet. Diese beinhalten einen kompletten Satz des Erbguts und müssen darum nicht befruchtet werden. Sobald eine Laus erwachsen ist, reifen die Eier zu Babys heran und dann geht es auf dem Fenchel zu und her wie auf einer Entbindungsstation, auf der 200 Frauen gleichzeitig in den Wehen liegen.

Doch wo es viele Pflanzenfresser gibt, da sind auch die Fleischfresser nicht weit. Marienkäfer, Florfliegenlarven und sogar Pilze haben es auf die saftigen Blattläuse abgesehen. Aber ihre ärgsten Feinde sind zweifellos die Schlupfwespen. Dass auf dem Fenchel eine große Baby-Party am steigen ist, haben sie bereits mitgekriegt. Die Jagd hat begonnen.

Wie alle Wespen besitzen auch sie einen Stachel. Allerdings fließt durch ihn kein Gift, sondern ein Ei. Der Stachel ist ein Legeapparat, der dafür konstruiert ist, Eier in Blattläuse zu bugsieren. Dabei gehen sie so geschickt zu Werke, dass der ganze Vorgang – einstechen, ablegen, rausziehen – nur eine halbe Sekunde dauert.

Aus dem Ei schlüpft eine Made, die sich durch die Eingeweide ihres armen noch lebenden Opfers frisst. Während dieses Gelages stirbt die Blattlaus unweigerlich. Dabei erstarrt ihre Haut zu einer Art Papier und beginnt goldbraun zu schimmern. Sie ist zur «Mumie» geworden, wie die Biologen diesen Zustand nennen; vermutlich darum, weil ihr Außenskelett perfekt erhalten bleibt. Ganz anders sieht es aber in ihrem Innern aus. Dort hat die Made inzwischen alles Fleisch verwertet, das sie finden konnte. Nun verpuppt sie sich in der toten Hülle ihres Opfers und verwandelt sich in wenigen Tagen in eine neue Schlupfwespe.

Ähnlich makaber geht es bei den Ameisenlöwen zu und her. Wie ihre großen Brüder aus der Serengeti bevorzugen sie ebenfalls die trockeneren Regionen dieser Welt. Unter Vordächern, wo die Erde wie Staub zwischen den Fingern durchrieselt, heben sie kleine Trichter aus. An ihrem unteren Ende graben sie sich ein und warten auf Beute.

Es dauert nicht lange bis eine Ameise über den Rand des Trichters stolpert und hinunter in ihr Verderben rutscht. Sogleich beginnt sie wild zu strampeln, doch dieses Mal nützen ihr ihre sechs Beine wenig. Die Hänge rutschen bei jedem Schritt ab; es gibt kein Entrinnen.

An den heftigen Erschütterungen erkennt der Ameisenlöwe, dass sein Abendessen eingetroffen ist. Mit einer ruckartigen Bewegung seines Kopfs bewirft er sein Opfer mit Erde. Nach drei Ladungen ist die Ameise bereits mit dem halben Körper eingesunken. Plötzlich fährt ein stechender Schmerz durch sie hindurch. Es ist das Letzte, was sie je spüren wird. Der Ameisenlöwe hat sie gebissen und ihr dabei ein starkes Gift injiziert, das sie innert Sekunden lähmt.

Damit der Ameisenlöwe zu seinem Mahl kommt, muss er nochmals zubeißen und eine Ladung Verdauungssäfte verabreichen. Diese verflüssigen die Organe der Ameise. Denn genau wie die Spinnen kann er nicht kauen, sondern nur saugen. Bevor er sie jedoch ausschlürft, zieht er seine Beute ganz in sein dunkles Reich hinab. Zurück bleibt nichts als ein leerer Trichter, der bereit für den nächsten unachtsamen Spaziergänger ist.

Um das gefährlichste und hinterhältigste Raubtier des Gartens zu Gesicht zu bekommen, muss man sich an den Rand der grünen Oase begeben. Dort, wo ein paar Sandsteine den Rasen abschließen, ist sein Jagdrevier. Es zeigt sich jedoch nur demjenigen, der mithilfe eines Mikroskops noch weiter hinabsteigt in das Geflecht des Lebens, vorbei an den Gänseblümchen tiefer und tiefer bis die winzigen Algen auf der Oberfläche der Sandsteine zu einem mächtigen Wald weichgekochter, grüner Spaghettis anwachsen.

In diesem Miniaturdschungel jagt das älteste Raubtier der Welt. Es sieht aus wie ein Wassertropfen, der sich vorwärts tastet. Das Ding hat keine Arme oder Beine. Um sich fortzubewegen ändert es seine Form. Dabei streckt es seinen Körper wie eine Schnecke in eine Richtung und zieht dann den Rest nach. Es ist ein wandelnder Schleimklumpen, der Bakterien und andere Einzeller vertilgt. Die Biologen nennen es Amöbe.

Eine Amöbe ist ziemlich hinterhältig. Zuerst berührt sie dich nur. Sie ist sanft wie Wasser. Man denkt an nichts Böses. Dann beginnt sie dich nach allen Seiten zu umfließen. Ach wie nett, eine freundliche Umarmung! Doch eine Sekunde später bist du von der Amöbe vollständig umzingelt. Du bist in ihr. Und jetzt kannst du dich wehren, wie du willst, du kommst nicht mehr frei. Die Verdauung ist dein Schicksal.

Das Jagdprinzip der Amöbe – anschleichen und unverhofft zuschlagen – ist eineinhalb Milliarden Jahre alt. Wer eine Reise nach Afrika auf sich nimmt, kann das Prinzip bei den Löwen noch heute beobachten. Aber in seiner Reinform offenbart es sich nur demjenigen, der nicht weit in die Ferne schweift, sondern eine Reise direkt vor die eigenen Füße unternimmt. 


Für mehr wilde Tiere im eigenen Garten

  • Keine Pestizide spritzen, sondern das Gemüse mit den Wildtieren teilen. 
  • Unter dem Vordach die Erde brach liegen lassen und nicht gießen.  
  • Bei jedem Rasenmähen einige Inseln oder Streifen Gras stehen lassen. Hummeln, Spinnen und Käfer lieben das.
  • Den Brennnesseln ihre Nischen lassen. Sie sind Futter für ein halbes Dutzend verschiedene Schmetterlingsraupen. Und die locken wiederum Jäger an. 
  • Finger weg vom Hochdruckreiniger. Der Algenbewuchs auf Steinen und Beton ist voller Leben. 
  • Einen Haufen mit alten Ästen und Zweigen in einer ruhigen Ecke aufschichten. Insekten, Frösche und Salamander nutzen ihn als Wohnung.

Korallen wachsen auf Kokosnüssen

2. September 2012, NZZ am Sonntag
Klimawandel und Meeresverschmutzung bedrohen weltweit die Korallenriffe. Ob es die Menschheit schafft, sie vor dem Untergang zu bewahren, steht noch in den Sternen.

Eine Koralle besteht aus einem Polypen, einem Tier, und
einzelligen Algen, die in seiner Haut wohnen. Diese stellen
mit Hilfe des Sonnenlichts Zucker her. Der Polyp jagt im
Gegenzug mit seinen Fangarmen nach winzigen Krebschen.
Die beiden Symbiosepartner teilen sich alle Nährstoffe. 
Korallenriffe sind die «Regenwälder der Meere». Denn genau wie im Amazonas oder im Dschungel Borneos konzentriert sich im Riff das Leben wie nirgendwo sonst. Der Vergleich passt auch, was die Schattenseiten angeht. Ein Fünftel aller Riffe ist bereits zerstört und 60 Prozent der verbleibenden ist auf dem Weg dorthin. Bis Mitte dieses Jahrhundert soll das gemäss World Resources Institute für alle Riffe der Welt gelten, wenn keine Gegenmassnahmen ergriffen werden.

Es sind mitunter diese düsteren Aussichten, welche einmal pro Jahr die Gemeinde der Meeresforscher zusammentreibt, um über den Niedergang der Riffe Buch zu führen und über ihre mögliche Wiederauferstehung zu beraten. Heuer trafen sie sich im Juli im australischen Cairns zu einem einwöchigen Vortragsmarathon. Eines kam dabei klar heraus: An der Phantasie der Forscher mangelt es nicht. Rezepte für den Wiederaufbau von Riffen gibt es viele, doch ihre grossflächige Anwendung scheitert an den extrem hohen Kosten.

So kann die Sanierung von einer Hektare bis zu fünf Millionen Franken verschlingen. Dieser Aufwand steht im krassen Gegensatz zum ökonomischen Nutzen durch Fischerei und Tourismus, der sich auf bloss sechstausend Franken pro Hektare und Jahr beläuft. Rein buchhalterisch gesehen, könnte man die Riffe also mit gutem Gewissen abschreiben. Das würde allerdings auch bedeuten, dass weltweit eine Viertel Milliarde Menschen ihre Ernährungsgrundlage und ihr Einkommen verlieren würde. Davor graust es vor allem den Entwicklungsländern, denn für sie bilden Korallenriffe oft ein Grundpfeiler ihrer Wirtschaft.

Aus diesem Grund versuchen Forscher im indonesischen Bali, die Kosten für die Sanierung massiv zu senken, indem sie auf billige Rohmaterialen setzen. «An den Küsten Indonesiens wachsen viele Kokosbäume und die produzieren massenweise Kokosnüsse», sagt Eghbert Elvan Ampou vom indonesischen Meeres- und Fischereiministerium. Mit diesen wollen sie kaputte Riffe wieder aufpäppeln.

Abwässer führen zu übermässigem Algenwachstum, was zur
Verdunklung des Meeres führt. So kriegen die Korallen zu
wenig Licht für ein gesundes Wachstum.

Dabei werden die Kokosnussschalen halbiert und mit Beton gefüllt. Danach kommen immer vier von ihnen auf Aluminiumrohre. Das Gebilde gleicht am Ende einem Hochspannungsisolator. Neun von diesen werden anschliessend senkrecht auf einer armierten Betonplatte fixiert und dann in ein gesundes Riff gestellt. Korallenlarven, die frei durch das Wasser treiben, fassen die Kokosnüsse als Felsen auf und lassen sich auf ihnen nieder. Dort beginnen sie zu wachsen und bilden so eine neue, kleine Kolonie.

Nun kann die ganze Struktur an einen Ort verpflanzt werden, wo das Riff aufgrund eines Wirbelsturms oder durch menschliche Einflüsse zerstört worden ist. Mit der Zeit wachsen die Korallen über die Kokosnüsse hinaus und lassen so ein neues Riff entstehen. Die Kosten für dieses Verfahren belaufen sich auf 10 bis 20 Franken pro Quadratmeter oder hundert- bis zweihunderttausend Franken pro Hektare. Das ist die zurzeit «billigste» Methode.

Gerade wegen des Preises stehen viele Wissenschafter ihren eigenen Anstrengungen skeptisch gegenüber. James Guest vom Marine Biology Laboratory der Nationaluniversität Singapur betrachten den gegenwärtigen Stand der Technik sehr nüchtern: «Die Kosten sind zu hoch, als dass wir grossflächig etwas bewirken könnten.» Stattdessen sollten wir lieber die Ursachen der Misere angehen, meint er. «Was wir tun können, ist die Riffe richtig zu behandeln», sagt Guest.

Das bedeutet unter anderem, dass niemand mehr die Korallen abbricht und als Souvenir mit nach Hause nimmt, dass niemand mehr mit Dynamit fischen geht und dass sich alle Küstenstädte der Welt endlich anständige Kläranlagen zulegen. Doch selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass das in den nächsten Jahrzehnten passiert, bleibt immer noch das Schreckgespenst des Klimawandels.

Berechnungen des Meeresbiologen Ove Hoegh-Guldberg von der Universität Queensland in Australien zeigen, dass sich das Grosse Barriere-Riff um 15 Kilometer pro Jahr nach Süden in kühlere Gewässer bewegen müsste, um mit dem Klimawandel mitzuhalten. Ein sehr unrealistisches Szenario, wie er sagt. «Nur schon hundert Meter pro Jahr wären sehr viel für ein so komplexes Ökosystem.»

Was der Klimawandel anrichtet, zeigt sich in der Karibik. Dort ist die durchschnittliche Wassertemperatur in den letzten Jahrzehnten über die magische Grenze von 30 Grad Celsius geklettert. Das halten die ansässigen Korallen nicht aus. Die natürliche Selektion lässt die empfindlichsten Stöcke zuerst absterben, dann folgt das Mittelfeld und am Schluss bleiben nur noch die wirklich harten Brocken übrig.

An diesem Punkt sind die karibischen Riffe heute angelangt. Doch statt dass die Forscher dem Untergang einfach zuschauen, versuchen sie, die Schwäche der Korallen zu deren Stärke zu machen. Denn in diesen letzten Überlebenden könnte der Schlüssel für ihre Rettung liegen, weil gerade sie aufgrund der natürlichen Selektion genetisch am besten an die warmen Temperaturen angepasst sind.

Was die Natur begonnen hat, möchte Austin Bowden-Kerby von der Naturschutzorganisation Corals for Conservation in Belize weiter forcieren. Dazu sammelt er zur jährlich wiederkehrenden Laichzeit Bruchstücke der weit zerstreuten Überlebenden ein und verpflanzt sie alle zusammen an eine Stelle im Riff. Auf diese Weise schafft er eine Art Kontaktbar für Korallen. Es passiert, was passieren muss: die Spermien der einen befruchten die Eier der anderen und es entstehen Millionen von Larven, von denen womöglich einige wenige resistent gegen Temperaturen über dreissig Grad sind. «Damit reichen wir den Korallen eine helfende Hand, um sich an den Klimawandel anzupassen», sagt Bowden-Kerby.


Die acht Plagen der Korallen


Zerstörerische Fischfangmethoden: Dynamitfischerei, Grundschleppnetze, Fischen mit Cyanid.

Achtloser Tourismus: Korallen anfassen oder abrechen. Im Riff vor Anker gehen. Überbauungen auf Korallenriffen.

Verschmutzung: Haushaltsabwässer oder Chemikalien aus der Landwirtschaft führen zu Überdüngung der Riffe, was ein starkes Wachstum der Meeresalgen zur Folge hat. Diese nehmen den symbiotischen Algen in den Korallen das Licht weg.

Sedimentablagerungen: Waldabholzung, Bauprojekte oder intensive Landwirtschaft können zu Bodenerosion und damit zu vermehrtem Sedimentgehalt in Flüssen führen. Im Meer angekommen, lagern sich die Erdpartikel als Staub auf den Korallen ab und hüllen die symbiotischen Algen in Dunkelheit.

Dornenkronen-Seestern: Er hat sich auf den Verzehr von Steinkorallen spezialisiert. In regelmässigen Abständen tritt er massenweise auf und kann ganze Riffe vernichten.

Tropische Wirbelstürme: Im aufgepeitschten Meer können die fragilen Strukturen der Korallen abbrechen.

Korallenbergbau: Entnahme der Korallen zur Gewinnung von Baumaterial.

Klimawandel: Wenn die durchschnittliche Wassertemperatur über 30 Grad Celsius steigt, verlassen die symbiotischen Algen die Polypen. Diese sehen danach ganz weiss aus, weil die Algen auch Träger der Farbpigmente sind. Der Zustand wird als Korallenbleiche bezeichnet, ein

Quelle: WWF Global

Cliffhangers

September 2012, «Atlant's column» auf micronaut.ch
Das Bild zeigt einen der grössten Killer der Menschheit: die Pneumokokken. Diese Bakterien besitzen eine Art Rüstung, aus langen Zuckermolekülen, die sie unnahbar machen. Zudem sind diese negativ Geladen, was sie sehr schlecht an Oberflächen haften lässt. Wie Gummibälle prallen die Bakterien von Oberflächen ab und arbeiten sich so über die Atemwege immer tiefer in den Körper hinein, bis sie im Gehörgang landen oder in der Lunge. Dort schlagen sie zu.

Einige Pneumokokken haben sich hier auf der Oberfläche
eines porösen Materials festgesetzt. Die winzigen Poren
bilden für die Bakterien ein gigantisches Hölensystem.
© Martin Oeggerli
Ihre massenhafte Vermehrung verursacht Mittelohr- oder Lungenentzündungen. Gelangen sie in den Blutstrom, kann gar eine Hirnhautentzündung die Folge sein, oder der Tod. Vor allem schwache Immunsysteme wie das kleiner Kinder oder alter Menschen gibt dem Druck der Pneumokokken nach und der Körper kollabiert. Weltweit sind sie für 11 Prozent aller Kindertode verantwortlich.

Bei gesunden Erwachsenen hingegen haben Pneumokokken selten eine Chance. Da sie stets über die Atemwege anreisen, müssen sie unweigerlich die Nasenschleimhaut passieren. Sie ist das Reich der Fresszellen, die den Eindringlingen einen grausigen Empfang bereiten. Für die Krankheitserreger heisst das Endstation.

Doch Pneumokokken sind sehr flexibel. Sofort ändern sie ihre Strategie und stecken ihre ganze Angriffsenergie in die Verteidigung. Dazu werden die vormals hochmobilen Bakterien sesshaft und klammern sich jetzt sogar noch absichtlich an der Nasenschleimhaut fest. Biologen nennen diese Form der Existenz «Biofilm».

An genau diesem Punkt sind die Bakterien im Bild angekommen. Sie sind gerade daran, einen Biofilm aufzubauen. Dazu legen sie als erstes ihre Hülle aus Zuckermolekülen ab. Ohne sie verlieren die Pneumokokken ihre negative Ladung und kleben wie angeleimt an jeder Oberfläche fest.

Diese Bakterien gehören zu den Diplokokken,
weil immer zwei von ihnen aneinander
geklebt sind. © Martin Oeggerli
Die Zuckermoleküle aller Bakterien fliessen nun in einen einzigen See zusammen, der nun alle gleichermassen vor den Angriffen des Immunsystems beschützt. Dabei schwitzen sie noch mehr Zuckerverbindungen aus bis der See eine Tiefe von 25 Mikrometer erreicht. Umgerechnet auf die Grösse eines Menschen wären das rund vierzig Meter.

Um ihre Verteidigung auszubauen, drosseln sie Aktivität von mehr als 50 Genen. Die eingesparte Energie stecken sie nun in die Produktion von so genannten Stress-Proteinen. Das sind Eiweissverbindungen, die sie unter anderem vor Antibiotika schützen. Auf diese Weise steigt ihre Resistenz auf das Tausendfache an.

So halten die Bakterien das ständige Bombardement des Immunsystems einige Wochen oder gar Jahre aus. In diesem Zustand können sie keine Infektion mehr hervorrufen. Selbst wenn sie direkt in die Blutbahn gelangen würden, wären sie keine Bedrohung mehr, wie Forscher kürzlich entdeckten. Unbekannt ist, unter welchen Umständen sich die Pneumokokken aus ihrem harmlosen Biofilm-Stadium wieder zurück in potenzielle Killer verwandeln.

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Die Skandal-Wurst

26. August 2012, NZZ am Sonntag
Der Cervelat hat es in der Schweiz nicht leicht. Ständig wird auf ihm herum gehackt. Schenkt man den neusten Vorwürfen Glauben, dann sind die Hälfte aller Würste ungeniessbar. Alles Blödsinn. 

Kein Cervelat ist keimfrei. Das ist auch ganz normal.

In der Schweiz geht es wieder einmal um die Wurst. Nachdem die Sendung «Kassensturz» am letzten Dienstag Abend die Resultate eines Labortests präsentierte, wonach 16 von 36 geprüften Cervelats zu viele Keime enthielten, ist in der Bevölkerung ein verbaler Krieg ausgebrochen. In den Kommentarspalten der grossen Nachrichtenportalen machen Familienväter mobil gegen die Grossverteiler, die Veganer schiessen auf die Feuerwehrsalat-Verehrer und die Metzger lassen die Journalisten durch den Fleischwolf. Die Schweizer Wurst-Psyche ist arg angekratzt und bedarf dringend eines heilenden Balsams.

Um es also gleich vorweg zu nehmen: Mit unserer Nationalwurst ist alles in bester Ordnung. Sie verursacht keinen Durchfall, sie macht nicht krank und sie schmeckt genau so gut wie eh und je. Das Problem ist, dass wir als Nation grundsätzlich missverstanden haben, was ein Cervelat ist. Denn in unserem kollektiven Bewusstsein tritt er fatalerweise als eine Art fleischgewordene Bundesverfassung auf, in der Keime nichts verloren haben.

Doch das ist, genau wie Wilhelm Tell, nichts als Folklore. «Ein Cervelat ist kein steriles Produkt und kann gar nicht keimfrei produziert werden», sagte mir ein Experte in Sachen Lebensmittelsicherheit in einem Telefoninterview. Die Geheimnisse, die er mir im Folgenden anvertraute, waren so erschütternd, dass er an dieser Stelle lieber unerkannt bleiben möchte. Einfachheitshalber nenne ich ihn Hans.

Dass es Bakterien in der Wurst aller Würste gibt, liegt daran, dass wir in einer Welt voller Bakterien leben. Sie bevölkern jeden Tisch, jede Türklinke, jedes Metzgermesser, jede Schürze ja sogar die Luft ist geschwängert von ihnen. «Ihre Dichte liegt etwa bei fünfhundert Bakterien pro Kubikmeter Luft. Die gehören einfach zur normalen Raumausstattung», sagt Helmut Brandl, Mikrobiologe am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich.

Die Konsequenz davon ist, dass der Wurstkutter bei der Vermantschung von Fleischstücken, Speck und Schwarte auch reichlich Bakterien mit ins Brät einknetet. Wenn der Metzger sich einmal am Handrücken kratzt, erhöht er die Zahl gleich um ein paar Hundert Keime. Schnauzt er den Lehrling an, sich endlich einmal die Hände zu waschen, berieseln winzige Speicheltröpfchen die Knetmasse und lassen die Bakterienkonzentration nach oben schnellen. Selbst ein Mundschutz nützt da wenig, weil sich die Keime auch in der beigefügten Gewürzmischung tummeln.

Sowohl Dorfmetzger als auch Grossproduzenten wissen das. Darum erhitzen sie die Cervelats am Schluss auf 72 Grad Celsius. Wird ihr Kern drei Minuten bei dieser Temperatur gehalten, sind die Würste pasteurisiert. Das ist jedoch nicht gleichbedeutend mit keimfrei. «Durch die angewandten Temperatur können nicht alle Bakterien abgetötet werden», bestätigt Hans.   

Es ist also durchaus normal, wenn eine Wurst etwas Handrücken- oder Speichelflora enthält. Das zeigt auch der Test des Kassensturzes. Selbst in den saubersten Cervelats gab es einige Hundert Keime pro Gramm. Die essen wir immer mit. Gefährlich ist das nicht. Selbst wenn es in einer Wurst 140 Millionen Keime pro Gramm gibt, wie bei der im Test als «verdorben» gekennzeichneten Probe, ist das für unsere Gesundheit kein Problem. Zum Vergleich: In jedem Gramm Speichel lebt die zehnfache Menge an Bakterien. Würden sie unserer Gesundheit schaden, bekämen wir nach jedem Kuss akuten Durchfall.

Aus diesem Grund legt die schweizerische Hygieneverordnung auch nur einen Toleranzwert für die Keimzahl in Cervelats fest und keinen Grenzwert. Grenzwerte gibt es nur dann, wenn ein Gesundheitsproblem zu befürchten ist, also wenn beispielsweise Krankheitserreger vorhanden sind. Der Toleranzwert hingegen ist eine blosse Leitlinie für die Produzenten. Eine Missachtung derselben hat keine rechtlichen Konsequenzen. Der Kanton muss nicht einschreiten, weil die Wurst immer noch als einwandfreies Lebensmittel gilt. «Eine Überschreitung des Toleranzwertes bedeutet keine Gesundheitsgefährdung», sagt Hans.

Die ist auch dann nicht vorhanden, wenn es im Cervelat Fäkalbakterien gibt, wie sie der Kassensturz-Test in einer Probe nachgewiesen hat. Das einzige Problem dabei ist das Wort «Fäkalbakterien» selbst, das für Bakterien schon eine sehr erniedrigende Bezeichnung ist. «Für uns überlebenswichtige Darmbakterien» wäre eine viel bessere und vor allem versöhnlichere Benennung, denn ohne die winzigen Helfer könnten wir unsere Nahrung gar nicht verdauen.

In jedem Gramm Stuhl gibt es eine Billion von ihnen. Das ist also tausend Mal mehr als im Speichel. Dass bei der schieren Menge, die der Metzgermeister während der Mittagspause in der Toilette hinterlässt, einige von ihnen den Weg in die Brätmaschine finden, ist nicht mit letzter Sicherheit auszuschliessen. Eine Metzgerei ist schliesslich kein Biosicherheitslabor. Aus diesem Grund, und weil Darmbakterien für uns nicht gefährlich sondern lebensnotwendig sind, ist auch für sie bloss ein Toleranzwert und kein Grenzwert festgelegt. Allerdings ist der mit hundert Keimen pro Gramm zehnmal tiefer angesetzt – wohl aus psychologischen Gründen.

Doch auch Würste, die ein paar Tausend Darmbakterien pro Gramm enthalten, sind vollkommen harmlos. Der Begriff «verdorben», wie von Kassensturz verwendet, ist in diesem Zusammenhang falsch, wie mir Hans versicherte. Und dann wischte Hans mit zwei Sätzen alle meine Vorurteile gegenüber Bakterien ein für allemal weg: «Sie könnten Ihren eigenen Stuhl essen. Passieren würde Ihnen nichts.» Beim Toleranzwert geht es also gar nicht um Hygiene oder Lebensmittelsicherheit, sondern um Ökonomie. Wenn sich Bakterien übermässig vermehren, fressen sie die Wurst auf und geben unter anderem Milchsäure ab. Sie gibt dem Fleisch einen säuerlichen Beigeschmack. Wenn das aufgrund hoher Bakterienzahlen bereits im Laden passiert, kauft niemand mehr einen Cervelat. Das heisst, der Metzger hat die Wurst letzten Endes für die finanzschwachen Bakterien produziert und nicht für die zahlende Kundschaft.

Die Resultate des Kassensturzes lassen damit nur noch eine Aussage zu: Einige Produzenten arbeiten nicht so sauber wie andere. Natürlich ist es unschön für einen Metzger, wenn es gross in den Medien heisst, dass seine Cervelats mit «Fäkalbakterien» gespickt sind. Da muss er schon aus rein psychologischen Gründen seine Hände in Zukunft nach dem Toilettengang zweimal waschen. Aber jetzt mal ehrlich: In und auf unserem Körper gibt es zehn bis hundert Mal mehr Bakterien als Körperzellen. Wenn hier also jemand voller Keime ist, dann ist es nicht der Cervelat, sondern wir.

Gastarbeiter aus dem Tierreich

19. August 2012, NZZ am Sonntag
Immer mehr ausländische Tier- und Pflanzenarten drängen in die Schweiz. Forscher und Naturschützer wissen nicht, was sie von ihnen halten sollen. 

Die Ägyptische Wanderheuschrecke wartet noch auf den
Schweizer Pass (siehe Liste ganz unten). Die ersten
Exemplare haben sich jedoch bereits bei uns etabliert.
 
Die Schweiz wird gerade von einer Welle von Einwanderern überrollt. Fremde Vögel, Insekten, Säugetiere, Reptilien und Pflanzen haben es auf unser Land abgesehen. Die Neuzuzüger kommen mal im Frachtraum eines Flugzeuges oder Schiffs oft jedoch aus eigener Kraft krabbelnd, kriechend, fliegend oder schwimmend über die Grenze. Forscher und Naturschützer sind sich uneinig, was sie von den Neuankömmlingen halten sollen. Die einen empfangen sie mit offenen Armen, die anderen möchten sie am liebsten gleich wieder ausrotten.

Die Einreisekontrolle macht das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Es erfasst im Rahmen seines Biodiversitätsmonitorings jedes Jahr auf ausgewählten Flächen in der ganzen Schweiz, wer aus unserem Land ausstirbt und wer neu hinzukommt. Seit einigen Jahrzehnten ist die Zahl der Zuwanderer grösser als die Zahl der Abgänge (siehe Box).

Möglich macht das die Klimaerwärmung. Sie ist eine der treibenden Kräfte hinter der gegenwärtigen Migrationswelle. «Wandernde Arten werden mit der Klimaerwärmung zum Phänomen», sagt Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd, Fischerei, Waldbiodiversität beim Bafu. Getrieben vom Versprechen einer wärmeren Schweiz, wagen im Augenblick rund vierzig meist südländische Vogelarten, sechzehn Insekten ein Reptil und diverse Wasserorganismen den Grenzübertritt (siehe Grafik). Sie warten gewissermassen bis ihr Einbürgerungsverfahren abgeschlossen ist. Das ist dann der Fall, wenn das Bafu eine neue Tierart in neun der letzten zehn Jahre auf den Kontrollflächen sichtet. Danach gilt sie als eingebürgert und erscheint offiziell in der hiesigen Artenstatistik. Sie bekommt sozusagen den Schweizer Pass.

Gut so, sagen unsere obersten Vogelschützer. Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach sähe es gerne, wenn die ein oder andere Art aus dem Mittelmeerraum zu uns stossen würde. Er bezeichnet die Schweiz als «Loch in der Artenvielfalt Europas» und die neuen Vögel könnten dieses stopfen – vorausgesetzt, dass wir ihnen die dauerhafte Bleibe auch ermöglichen. «Die neuen Vogelarten sind nur dann eine Chance für uns, wenn wir auch die Lebensräume aufbessern», sagt Kestenholz.

Heute können wir die Bedürfnisse der ausländischen Zuwanderer noch nicht vollumfänglich befriedigen. Das liegt unter anderem am mageren Angebot an Insekten. «Vielerorts werden in der Landwirtschaft grosse Flächen mit Plastikfolie zugedeckt. Das ist eine der frappantesten Formen des Ausschlusses von Wildtieren aus unserem Kulturland», sagt Kestenholz. Darum machen sich wohl einige der mediterranen Vogelarten gleich wieder aus dem Staub. «Sie verwenden die Schweiz nur als Sprungbrett in die umliegenden Länder wie Deutschland, Tschechien und Polen. Deren Agrarwirtschaft ist vogelfreundlicher», sagt Kestenholz.

Es könnte also sein, dass die Einwanderungswelle über die Schweiz schwappen wird, ohne dass sich am Zustand unserer Artenvielfalt viel zum Bessern wandeln wird. Darum hält es Kestenholz gegenwärtig eher für unwahrscheinlich, dass sich hier südländische Vögel im grossen Stil dauerhaft niederlassen und unsere Natur dadurch bereichern. Das bestätigen die Beobachtungen am Bienenfresser und anderen erfolgreichen Einwanderern. «Von den meisten bisherigen Ankömmlingen sind in der Schweiz nur eine Handvoll Brutpaare vertreten», sagt Kestenholz.

Viele Forscher begrüssen diese schleppende Etablierung sogar. Denn nicht alle sehen es gerne, wenn sich bei uns neue Arten breit machen. Ein Schweizer Forscher, der nicht mit Namen genannt werden möchte, sagt: «Ich empfinde es als Bedrohung, wenn sich nicht-einheimische Arten gut integrieren oder gar Ökosystemfunktionen von einheimischen Arten übernehmen.» Insbesondere sollten Spezies aus Asien oder Amerika gleich wieder liquidiert werden, sobald sie bei uns Fuss fassen; so lautet das allgemeine Kredo.

Es gibt viele Beispiele, die eine solche Meinung durchaus rechtfertigen. So verdrängt beispielsweise der eingeschleppte Asiatische Marienkäfer zunehmend unsere heimischen Arten, weil er ihnen die buchstäblich die Nahrung vor dem Mund wegfrisst. Schon heute sind über die Hälfte aller in der Schweiz lebenden Marienkäfer Asiaten.

Doch der Fall ist nicht immer so klar. Der Kirschlorbeer, ein aus Westasien importierter immergrüner Strauch, macht derzeit den Schritt aus den Gärten in die Wälder. Vor allem im Tessin verbreitet er sich wie ein Lauffeuer im Unterholz. Deshalb hat ihn das nationale Daten- und Informationszentrum zur Schweizer Flora auf ihre Schwarze Liste gesetzt. Wer dort drauf steht, ist dem Tode geweiht. «Vorkommen und Ausbreitung dieser Arten müssen verhindert werden», so das erklärte Ziel der Schwarzen Liste.

Dabei sind die Folgen des Kirschlorbeers auf den Tessiner Wald noch gar nicht wissenschaftlich untersucht, wie Marco Conedera von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL sagt. «Allgemein ist das Phänomen noch zu jung, um konkrete Aussagen über Nutzen oder Schaden von eingeführten, immergrünen Arten zu machen», sagt Conedera.

Die Angst vor den Fremden bleibt. Das sei auch ganz normal, sagt Mark Davis vom Macalester College in den USA. Er ist Experte für eingewanderte Arten und hat eine einfache Erklärung für die unter Experten herrschende Abneigung: «Wissenschafter geben das zwar nicht gerne zu, aber auch sie sind nur Menschen. Und Menschen haben nun mal Probleme mit Veränderung», sagt er.

«Oft nehmen Forscher an, dass neue Arten etwas tun, was wir nicht wollen. Manchmal ist das der Fall, aber oft auch nicht», sagt Davis. Ökologisch macht es ohnehin keinen Sinn, Arten in «die Guten» und «die Bösen» aufzuteilen. Der Natur sind unsere Vorlieben vollkommen egal. Darum empfiehlt Davis den pragmatischen Ansatz: «Wir müssen mit den neuen Arten leben lernen, denn wir haben gar nicht die Ressourcen, um jedes fremde Kraut zu bekämpfen. Wir leben heute in einer globalisierten Welt, in der Tiere und Pflanzen weiter reisen, als sie es noch im vorigen Jahrhundert getan haben. Damit müssen wir uns abfinden.»


Die neuen Arten

Anmerkung: Mit «eingebürgert» werden Arten bezeichnet, die in 9 von den letzten 10 Jahren in der Schweiz gesichtet wurden. Sie erscheinen offiziell auf der Schweizer Artenliste. «Einbürgerungsverfahren eingeleitet» heisst, dass die Art dieses Kriterium noch nicht ganz erfüllt (z.B. nur in 5 der letzten 10 Jahre in der Schweiz gesichtet). 

Bienenfresser (Merops apiaster)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Mittelmeerraum

Langschwänziger Bläuling (Lampides boeticus)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Mittelmeerraum

Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Asien

Purpurreiher (Ardea purpurea)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Mittelmeerraum

Tessinerpalme (Trachycarpus fortunei)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Asien

Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Asien

Westliche Geisterlibelle (Boyeria irene)
Status: eingebürgert
Ursprungsgebiet: Mittelmeerraum

Südliche Mosaikjungfer (Aeshna affinis)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Südeuropa

Ägyptische Wanderheuschrecke (Anacridium aegyptium)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Mittelmeerraum

Pelargonien Bläuling (Cacyreus marshalli)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Südafrika

Südlicher Osterluzeifalter (Zerynthia polyxena)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Süd- und Osteuropa

Zitronenstelze (Motacilla citreola)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Osteuropa

Beutelmeise (Remiz pendulinus)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Südeuropa und Osteuropa

Schlagschwirl (Locustella fluviatilis)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Osteuropa

Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Nordamerika

Marderhund (Nyctereutes procyonides)
Status: Einbürgerungsverfahren eingeleitet
Ursprungsgebiet: Asien

Mit der Guillotine fängt man Mäuse

9. August 2012, Tierwelt
Die kleinen Nager zerstören ganze Wiesen und verwandeln die einst produktiven Flächen in Brachland. Gegen sie gibt es nur ein Mittel: Kathrin Hirsbrunner.


Genickbruch im Akkord: Kathrin
Hirsbrunner zieht eine Maus aus dem
Loch.
Den Mäusen geht es prächtig in der Schweiz. Nicht wegen des vielen Käses, sondern wegen den saftigen Wurzeln von all den gut gedüngten Landwirtschaftsgräsern und Obstbäumen. Sie bieten den Nagern einen reich gedeckten Tisch. Räuber wie Hauskatzen, Füchse, Hermeline und die wenigen Greifvögel, die es in unseren ausgeräumten Landschaften noch gibt, haben der Nagerflut nichts mehr entgegenzusetzen.

Die Schweiz wäre wohl schon längst unter einem Mäuseberg begraben worden, gäbe es Kathrin Hirsbrunner nicht. Sie ist die erste und einzige professionelle Mäusefängerin unseres Landes. Wenn sie anrückt, hat es sich ausgenagt und ausgewühlt. Denn im Kofferraum ihres Autos befinden sich einhundert topcat-Mäusefallen. «Das sind die besten, die es gibt», sagt sie.

Sie funktionieren wie kleine Guillotinen. Jede von ihnen besteht aus zwei kurzen Metallrohren, die ineinander geschoben sind. Das innere Rohr ist etwas kürzer und wird mittels einer Feder zurückgespannt. Am unteren Teil des äusseren Rohrs gibt es einen Durchgang. Dort befindet sich auch der Auslöser. Dieser Teil stellt Hirsbrunner von oben in einen Mäusegang. Das nächste Mal, wenn die Maus in ihrem Tunnel auf Nahrungssuche geht, stösst ihr Kopf unweigerlich an den Auslöser. Das innere Rohr schiesst herab und bricht ihr das Genick. Ein kurzer, schmerzloser Tod.

Mit hundert Fallen auf dem Feld, schnappt alle paar Minuten eine von ihnen zu. Das bedeutet Fitness für Hirsbrunner: «Pro Tag marschiere ich zehn Kilometer und mache Hunderte von Kniebeugen.» Sie befreit die leblosen Körper und legt sie auf den Boden. Dann spannt sie die tödliche Apparatur erneut und schiebt sie zurück in denselben Tunnel. Im Boden gibt es noch mehr zu holen. Viel mehr. Im Durchschnitt leben 400 Mäuse in einer Hektare Wiese. Der Rekord liegt allerdings bei 700. Den hält eine Wiese in Simmental im Berner Oberland. Dort holte Hirsbrunner vor einigen Jahren 280 Stück pro Tag heraus statt der üblichen 150. 

Aber warum der ganze Aufwand für ein paar kleine Mäuse? Die tun doch nichts! Falsch. Das in der Phantasie von Uneingeweihten harmlose Mäuschen ist in Wirklichkeit eine Fressmaschine, die alle drei Wochen noch mehr von ihrer Sorte gebärt. Den grössten Schaden richtet dabei die so genannte Wühl- oder Schermaus an, eine Art unterirdisch lebende Minikuh, die das Grasland von den Wurzeln her abweidet. Mit fatalen Folgen. Denn die Wurzeln sind für die Wasserversorgung der Pflanzen zuständig. Sind die erst einmal weg, vertrocknet der oberirdische Teil und stirbt ab. So kann der Ertrag einer Wiese von 20 Ballen Gras pro Hektare auf 10 Ballen schrumpfen. «Die Futtereinbusse drückt den Bauern auf’s Portemonnaie. Spätestens dann rufen sie bei mir an», sagt Hirsbrunner.

Schermäuse schmälern nicht nur den Ertrag, sondern auch die Schönheit der Landschaft. Diesen Frühling etwa hatten sie Teile der Albiskette im Kanton Zürich in Brachland verwandelt. «Das sah desaströs aus. Die Hälfte des Grases war weg», sagt Hirsbrunner. Das störte insbesondere einen Restaurantbesitzer, dessen Sitzterrasse einst an eine farbenfrohe Blumenwiese angrenzte. In der Folge meldete er sich bei der Mäusefängerin. «Er sagte, dass die Leute beim Rivella Trinken schliesslich keinen Dreck sehen wollen.»

Manchmal heisst der Schädling nicht Schermaus, sondern Maulwurf. Er ist der zweite grosse Feind der sattgrünen Postkartenlandschaft. Zwar ernährt er sich nicht von Wurzeln, sondern hauptsächlich von Würmern und anderen Bodentieren, doch um genug von ihnen zu finden, braucht er ein 200 Meter langes Gangsystem. Den Aushub bringt er als Maulwurfshügel an die Oberfläche. «Der hebt locker 250 Kilo Dreck aus», sagt Hirsbrunner.
Der Waffenplatz Kloten-Bülach ist vor ein paar Jahren von einer Maulwurfsplage heimgesucht worden. «Als ich zum ersten Mal dort hinging, habe ich einen Acker vorgefunden. Das störte die Soldaten natürlich beim Robben.» Heuer hat Hirsbrunner auf dem Armeegelände erneut 60 Maulwürfe beseitigt und so dafür gesorgt, dass insgesamt 15 Tonnen Erde unter der Grasnarbe blieben.

Der dritte Nager im Bunde ist die Feldmaus. Sie richtet weit weniger Schaden an als ihre beiden Kollegen, weil sie nur wenig Erde umwälzt und bei Gräsern und Kräutern das oberirdische Grüne frisst und nicht die Wurzeln. Auf Feldern sind sie kaum ein Problem. Doch es gibt einen Ort in der Schweiz, wo ihre Anwesenheit absolut unerwünscht ist: am Flughafen Zürich.

Aufgrund ihrer Fressgewohnheiten halten sie sich anders als Maulwurf oder Schermaus oft an der Oberfläche auf. Das lockt Raubvögel wie Mäusebussarde oder Graureiher an. Prallt so einer mit einem landenden Jet zusammen, ist das Resultat eine Federwolke und ein kaputtes Triebwerk. Wenn es ganz schlimm kommt, stürzt die betroffene Maschine sogar ab. Ein Fall für Hirsbrunner: «Ich fange pro Jahr drei- bis viertausend Mäuse nur auf dem Flughafengelände.» Das geht ausschliesslich während des Tages, wenn die Jets starten und landen. Wegen des Lärms hat sie sich einen Angestellten zugetan. «Der nimmt mir das Mäusefangen an diesem lärmigen Arbeitsplatz jetzt ab.»

Einer der vielen freiwilligen Mitarbeiter. Sie beseitigen die
toten Mäuse und führen sie zurück in den
natürlichen Kreislauf. (Bild: © Kathrin Hirsbrunner)
Abgesehen davon unterhält sie ein Netzwerk von freien Mitarbeitern. Diese bezahlt sie jedoch nicht mit Franken, sondern mit Naturalien. All ihre toten Mäuse müssen ja irgendwie zurück in den natürlichen Kreislauf gelangen. Das erledigen die Füchse für sie. In ihrem Einsatzgebiet hat Hirsbrunner diverse Übergabestellen geschaffen, wo sie die Mäuse deponiert.  «Für den Fuchs ist das so, wie wenn wir eine Tausendernote auf der Strasse finden würden. Nach dem ersten Mal kommst du immer wieder zurück.»

So dankbar wie die Füchse sind ihr bei weitem nicht alle in diesem Land. Vor allem den Städtern stösst Hirsbrunners Mäusetöterei sauer auf. «Manche schreiben meine Autonummer auf, andere beschimpfen mich mit „Arschloch“ oder „Mörder“», sagt sie. Das passiere jedoch nur in den Agglomerationen von Zürich und Bern. «Dort verstehen die Leute die Zusammenhänge nicht.»

Der Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher wollte für seine Sendung «Aeschbachers Sommerjob» bei Hirsbrunner in die Schnupperlehre gehen. Doch dann kam die Absage vom Schweizer Fernsehen. «Die sagten, sie wollten nichts mehr mit Tieren töten zeigen am Bildschirm.»  Das ist insofern Ironie des Schicksals, als mit dem Schweizer Fernsehen die Karriere von Hirsbrunner überhaupt erst angefangen hat. «Vor einigen Jahren zeigten sie eine Dokumentation über den letzten Mäusefänger der Schweiz. Ich habe mir gesagt, wenn er der Letzte ist, bin ich wieder die Erste.» Wie lange sie das noch machen will? «Schon noch eine Weile. Ich werde ja schliesslich immer besser.»