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Das Prinzip Wachstum

April 2016, Vivai
Manchmal geht es ganz schnell, manchmal aber auch ganz langsam. Wachstum ist eine Grundeigenschaft allen Lebens.

Jetzt im Frühling zeigt sich die Allgegenwärtigkeit des Wachstums ganz deutlich. Ringsherum brechen die Knospen der Bäume auf und innert weniger Tage quellen aus ihnen Blätter und Blüten hervor. Es ist einer der schnellsten Wachstumsvorgänge in der Natur. Dabei stellen die Pflanzen sogar die Tiere in den Schatten. Das schaffen sie dank eines genialen Tricks.

Die meisten Zellen ihrer Blätter und Blüten legen sie bereits im Vorjahr als Miniaturversion in den Knospen an. Das ist ein zeitraubender und energieintensiver Vorgang. Darum erledigen die Pflanzen diese Arbeit in den Sommermonaten, wenn die Sonne die meiste Energie liefert. Im Frühling brauchen die Pflanzen ihre vorgefertigten Blätter und Blüten nur noch mit Wasser aufzupumpen. Das geht sehr zügig und braucht fast keine Energie.

Aber Pflanzen können auch sehr, sehr langsam sein. Diesen Rekord halten Flechten, die auf schneefreien Felsen in der Antarktis gedeihen. Dort sind die Lebensbedingungen aufgrund der Kälte nur für wenige Wochen pro Jahr gut genug, um überhaupt Wachstum zu ermöglichen. Und selbst dann ist es fast nicht feststellbar. Manche Flechten dehnen sich pro Jahr gerade mal um vier Tausendstel Millimeter.

Das Prinzip Wachstum ist so alt wie das Universum selbst. Kristalle etwa wuchsen schon lange bevor das erste Leben auf der Erde entstanden ist. Manche von ihnen werden über zehn Meter gross und als kristallines Gestein erschaffen sie sogar ganze Gebirge.

Kristalle zeigen, was jedes Wachstum unbedingt braucht: ein Keim. So gibt es beispielsweise im Zentrum jeder Schneeflocke ein winziges Staubpartikel, das dem Wasser einst als Ausgangspunkt für seine Kristallisation diente. Ist das Wasser zu rein, bilden sich keine Eiskristalle, auch wenn seine Temperatur unter null Grad Celsius fällt. Auf diese Weise entsteht Eisregen. Die Tröpfchen in den Wolken sind «unterkühlt», wie Physiker sagen. Sobald sie jedoch auf der Strasse aufschlagen, finden sie genug Staub und Dreck, an denen die Eiskristalle ihr Wachstum beginnen können. Innert Sekundenbruchteilen produzieren sie so die berüchtigten spiegelglatten Fahrbahnen.

Wachstum von Organismen ist ein enorm komplizierter Vorgang. Er beinhaltet Gene, Proteine, Hormone und Botenstoffe, die alle wie in einer perfekt inszenierten Choreographie zusammenspielen müssen. Einer der wichtigsten Taktgeber bei allen Wirbeltieren ist die Schilddrüse. Sie befindet sich meist in der Nähe des Kehlkopfs und wird schon in einem sehr frühen Entwicklungsstadium eines Tieres angelegt. Sie schüttet Hormone aus, die bestimmen, wann was im Körper zu wachsen hat.

Der Biologe Donald Brown von der Carnegie Institution for Science in den USA erforscht die Funktion der Schilddrüsenhormone in der Entwicklung von Kaulquappen zu Fröschen. «Bei niedrigen Hormonkonzentrationen beginnen sich als erstes die Arme und Beine zu bilden», sagt er. Mit fortschreitendem Wachstum nimmt die Konzentration der Hormone zu, was eine Beschleunigung der Metamorphose zur Folge hat. «Wenn die Konzentration der Hormone ihr Maximum erreicht, passieren die meisten Veränderungen. Beispielsweise entwickeln sich dann die inneren Organe wie etwa die Lunge.»

Die Hormone funktionieren dabei wie Schlüssel. In jeder Zelle der Kaulquappe gibt es dazugehörige Schlüssellöcher. Diese sind wiederum mit den Genen der Zelle verbunden und können spezifische Abschnitte im Erbgut der Kaulquappe ein- oder ausschalten. Jedes ausgeschüttete Hormon öffnet also die Tür zu einem bestimmten Abschnitt auf dem Erbgut. Dort steht geschrieben, was die Zelle als nächstes zu tun hat. Durch die genaue Reihenfolge von Hormonen entsteht aus der Kaulquappe innert weniger Monate ein Frosch.

Das Prinzip Wachstum funktioniert in der Natur so gut, dass die Welt längst unter einem dicken Mantel aus Biomasse versunken sein müsste. Doch das ist sie nicht, denn bei allen Lebewesen gibt es Grenzen des Wachstums. Das zeigt sich beispielsweise bei den Bäumen. Die höchsten von ihnen sind die Küstenmammutbäume aus Kalifornien. Sie erreichen spielend hundert Meter oder mehr. Der höchste von allen ragt zurzeit 115 Meter in den Himmel. Botaniker haben berechnet, dass die maximal mögliche Höhe um die 130 Meter liegt. Dann kommt der Wassertransport des Baumes an seine physikalischen Grenzen.

Um Wasser von den Wurzeln bis in die obersten Blätter zu hieven, gibt es im Stamm eines Baumes Tausende von hauchdünnen Leitungen. In ihnen gibt es eine stehende Wassersäule, die von ganz unten bis ganz oben reicht. Der Fluss kommt dadurch zu Stande, dass die Blätter laufend Wasser ausschwitzen. Dadurch entsteht am oberen Ende des Baumes ein Unterdruck, der das Wasser nach oben zieht. Bei 130 Meter würde der Unterdruck minus 20 Bar betragen. Bei einem noch tieferen Druck würde die stehende Wassersäule wie ein überdehntes Gummiband zerreissen. Dadurch würden Lufteinschlüsse entstehen, welche den Wassertransport zum Erliegen brächten.

Aber die Physik ist nicht die einzige Begrenzung des Baumwachstums. Seit Jahrtausenden fällt, trimmt und rodet der Mensch Bäume. Heute werden pro Jahr 33 000 Quadratkilometer Wald abgeholzt. Das entspricht drei Viertel der Fläche der Schweiz. Wirklich ohne Einschränkungen wachsen, dürfen Bäume nur noch in Naturschutzgebieten.

Eine der wichtigsten natürlichen Begrenzungen des Wachstums ist der Sauerstoff in der Atmosphäre. Er ist eine Grundvoraussetzung für ein schnelles und vor allem grenzenloses Wachstum. Bei Tieren und Menschen benötigen alle Prozesse Sauerstoff: die Verdauung, die Bereitstellung von Energie oder die Bildung neuer Zellen.

Je mehr Sauerstoff es gibt, desto schneller laufen die Prozesse ab und desto grössere Mengen an Stoffen kann ein Körper verarbeiten. In der Folge werden die Lebewesen grösser. Vor 300 Millionen Jahren machte das Leben auf der Erde eine solche Phase durch. Damals stieg die Sauerstoffkonzentration an und lag für ein paar Millionen Jahre um die Hälfte höher als heute. Das hatte enorme Auswirkungen auf das Wachstum von Insekten. So gab es beispielsweise Libellen mit einer Flügelspannweite von bis zu siebzig Zentimetern, oder Tausendfüsser, die eine Körperlänge von zwei Metern erreichten.

Heute sind solche Grössen bei Insekten undenkbar, sagt der Molekularbiologe Johannes Bischof von der Universität Zürich. Die Atmosphäre kann einfach nicht genug Sauerstoff liefern, um die Prozesse im Insektenkörper am Laufen zu halten. Damit ein Insekt nicht versehentlich zu gross wird, besitzt es Gene, welche seine Grösse festlegen. «Es gibt Hunderte von Genen, die dafür sorgen, dass diese beim Wachstum nicht überschritten wird», sagt Bischof. «Im Laufe der Evolution entwickelt jedes Tiere die Grösse, die für sein Überleben am besten ist.»

Doch Wachstum bedeutet fast immer auch Tod. Das zeigt sich bei der Entwicklung des Froschs. Während seiner Metamorphose gibt es immer wieder Dinge, die weg müssen. Beispielsweise der Schwanz der Kaulquappe oder ihre Kiemen. Das geht nur mit einem «negativen Wachstum». Biologen nennen das den programmierten Zelltod. Das bedeutet die kontrollierte Zerstörung von einzelnen Zellen zum Wohle des Organismus. Das lässt sich am besten mit einer Firma in der Krise vergleichen. Wenn sie überleben will, muss sie Angestellte entlassen und sich gesund schrumpfen. Das ist zwar hart für den Einzelnen, aber dafür überlebt die Organisation als Ganzes.

In der Natur könnten sich ohne den programmierten Zelltod viele Dinge gar nicht erst entwickeln. Eine Mäusepfote beispielsweise beginnt ihren Werdegang am Embryo als spatenähnliche Platte. Die einzelnen Finger entstehen erst, indem die Zellen dazwischen gezielt abgetötet werden. Das ist auch beim Wachstum einer menschlichen Hand der Fall.

Der kontrollierte Tod ist in jede lebende Zelle in Form von Enzymen miteingebaut. Einmal aktiviert, zerlegen sie die Zelle Stück für Stück. Dabei schrumpft sie langsam in sich zusammen. Am Ende wird die tote Zelle von ihren Nachbarn gefressen. Die Nährstoffe helfen ihnen wiederum beim Wachstum.

Globi wird Klimaretter

Ich bin Autor eines neuen Globi Sachbuches über die Energiewende. Es beschreibt auf einfache Weise, welche Energieträger es gibt und warum manche von ihnen unsere Welt zerstören. Erscheinungstermin ist Herbst 2016. Hier schon mal das Cover und die erste fertige Seite:



Frühlingsgefühle bei den Wasserspitzmäusen

März 2016, natura magazin spezial
Das Liebesleben der Wasserspitzmaus ist kurz und intensiv. Bei der anschliessenden Brutpflege kümmern sich die Weibchen nur acht Wochen lang um ihre Jungen. Dann kommt der Rauswurf.

Wasserspitzmäuse gehen nicht gerade nett miteinander
um. Doch so brutal wie im Animationsfilm
«Our wonderfulnature», geht es nicht zu und her.
Wasserspitzmäuse sind Einzelgänger, die keine Mitesser an ihrem Bachabschnitt dulden. Zu gross ist die Gefahr, dass das lokale Nahrungsangebot nicht ausreicht. Darum gehen die Tiere auf Distanz. Trotz dieser wenig sozialen Einstellung müssen sich Wasserspitzmäuse paaren, damit sie ihre Art erhalten können.

Darum macht sich ab April das Männchen auf die Suche nach einem Weibchen. Dieses ist zuerst wenig erfreut über das Eintreffen ihres Liebhabers und will ihn gleich wieder loszuwerden. Zur Begrüssung beschimpft es ihn und versucht es zähnefletschend von seinen Avancen abzubringen. Doch der Wasserspitzmaus Herr ist sich seiner Sache sicher und lässt nicht locker.

Schliesslich ergreift das Weibchen die Flucht. Das Männchen nimmt die Verfolgung auf. Während es seiner Geliebten nachjagt, stösst es Paarungsrufe aus. Dabei handelt es sich um kurz hintereinander folgende Pfeiftöne. Biologen, die das Phänomen in freier Natur beobachten konnten, beschreiben es gar als Zwitschern. Messungen haben ergeben, dass die Töne durchschnittlich 0,2 Sekunden lang sind und sich im Frequenzbereich von 7 bis 12 Kilohertz befinden. Das ist für menschliche Ohren ein sehr hoher Ton und erinnert an das Geräusch eines Marderschrecks, wie er im Auto oder an Gebäuden zum Einsatz kommt. Für unser Gehör mutet das wenig einladend an, doch für das Weibchen wirken diese Töne betörend. Schliesslich beruhigt es sich und lässt das Männchen zu sich herankommen.

Es folgt die Kopulation. Diese dauert zwischen zwei und drei Minuten. Danach ist die Aufgabe des Männchens in Sachen Familienplanung auch schon erledigt. Das Weibchen stösst einige Drohrufe aus und weist ihn so darauf hin, dass er keine weitere Verantwortung mehr hat und nicht mehr weiter willkommen ist.

Der Grund für dieses Verhalten ist wieder die Energie. Das Weibchen braucht jetzt noch mehr davon als vorher. Um ihren Nachwuchs säugen zu können, muss es täglich das Eineinalbfache ihres Körpergewichts an Futter fressen. Die Fülle an Insekten im Bach entscheidet letztlich darüber, ob der Nachwuchs lebt oder stirbt. Bei guter Futterlage kommen alle Jungen durch, weil das Weibchen dann genug Milch produzieren kann. Doch wenn es einen Engpass gibt, kann im schlechtesten Fall der gesamte Nachwuchs sterben.

Nach einer Tragzeit von 19 bis 21 Tagen kommen also zwischen 4 und 8 Junge zur Welt. Sie sind vollkommen nackt und blind und orientieren sich nur über ihren Geruchssinn.

Damit es die Grossfamilie gemütlich hat, polstert das Weibchen ihren Bau mit trockenem Laub, Moos und Gras aus. Der Nachwuchs wird schnell gross und selbstständig. Die Augen öffnen sich und das Fell beginnt zu spriessen.

Eine Grossfamilie macht natürlich auch viel Dreck. Das Weibchen ist jedoch sehr auf Sauberkeit bedacht und hat eine einfache Methode, um die Kinderstube rein zu halten: Sie frisst den Kot ihrer Jungen. Der Vorteil davon ist, dass sie die im Kot enthaltene Restenergie verwerten kann. 

Das Verhältnis zwischen Jungtieren und ihrer Mutter ist in den ersten Lebenswochen sehr innig. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die jungen Wasserspitzmäuse zur Wasseraufnahme ihrer Mutter ins Maul lecken, um an Flüssigkeit zu gelangen.

Doch das ändert sich nach 8 bis 10 Wochen. Die Jungen sind nun fast erwachsen und bereit für die Selbständigkeit. Nun sieht das Weibchen ihren Nachwuchs nicht mehr als Teil der Familie an, sondern als Nahrungskonkurrenz. Darum vertreibt es seine Jungen – falls nötig mit Bissen in den Nacken.

Nach der Brutzeit sterben die Tiere mit einem Alter von nur 14 bis 19 Monaten. Die nächste Generation ist von nun an auf sich allein gestellt. Nach dem Winter obliegt es ihrer Verantwortung sich zu vermehren und so die Population am Leben zu halten.

Unterwasserjägerin mit Giftbiss

März 2016, pro natura magazin spezial
Die Wasserspitzmaus ist zu Recht Tier des Jahres 2016, denn sie ist allen anderen immer eine Nasenlänge voraus. Sie kann schwimmen und tauchen, metertiefe Löcher buddeln, Fische mit ihrem giftigen Speichel lähmen und sie besitzt ein Hightech-Fell, das nie nass wird.

Ihre lange Nase, die beinahe schon wie ein kleiner Elefantenrüssel anmutet, ist immer in Bewegung. Sie schnüffelt nach Beute. Zwar ist die Wasserspitzmaus so klein, dass sie  bequem in einer Kaffeetasse Platz hat, doch ist ihr Appetit ist riesig. Sie muss den ganzen Tag fressen. Sogar in der Nacht, wenn sich andere Säugetiere in ihre Höhlen und Schlupflöcher verziehen.

Das liegt vor allem daran, dass die Wasserspitzmaus eine Energieschleuder ist. Ihre Körperoberfläche ist im Verhältnis zu ihrem Volumen zu gross. Dadurch verliert die Wasserspitzmaus wie ein schlecht isoliertes Haus dauernd Wärmeenergie und muss diese kontinuierliche Abstrahlung mit der Zufuhr von Nahrung ausgleichen. Um satt zu werden, muss sie täglich ihr eigenes Gewicht an Futter zu sich nehmen, also mindestens 18 Gramm.

Ein weiteres Problem sind ihre Beine. Die sind nämlich etwas zu kurz geraten. Das bedeutet, dass die Wasserspitzmaus nur unter ständiger Anstrengung vorwärts kommt. Andere Kleinsäuger wie etwa die Waldmaus sind da besser bedient. Sie besitzen lange Hinterbeine, die es ihr erlauben zu rennen. Ist die Vorwärtsbewegung einmal aufgebaut, lässt sie sich mit wenig zusätzlicher Muskelkraft aufrechterhalten.

Trotz dieses Handicaps hat sich die Wasserspitzmaus über grosse Teile Eurasiens verbreitet. Ihr Gebiet reicht von Spanien bis weit nach Russland und in die Mongolei hinein. Als Lebensraum bevorzugt sie naturnahe Bäche. Daneben kommt sie aber auch in Flachmooren, Tümpeln und Flüssen vor. Ebenso kann sie in künstlichen Gewässern wie etwa Drainage-Gräben überleben. In der Schweiz kommt sie überall vor und besiedelt auch die grossen Alpentäler wie Wallis, Vorderrheintal und Engadin bis in die höchsten Lagen.

Ihre Malzeiten bestehen zu über der Hälfte aus wirbellosen Tieren des Bachs oder Tümpels. Dazu zählen Wasserasseln, Bachflohkrebse und Köcherfliegen-Larven. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, erbeutet sie auch grössere Tiere wie Frösche, Molche und kleine Fische. Diese lähmt sie mit einem Nervengift, welches sie in ihrem Speichel produziert. Die Spitzmaus attackiert ihre Beute meist mit einem Biss in den Kopf. Das Gift dringt in die Blutbahn des Opfers ein und lähmt dessen Gliedmassen und verschlechtert gleichzeitig die Atmung.

Ihren Fang bringt sie stets an Land und verzehrt ihn auf dem Trockenen. Ihre Beutetiere haben meist harte Schalen aus Chitin oder Kalk. Um die zu knacken besitzt die Wasserspitzmaus eine besondere Waffe: gehärtete Zähne. In ihren Zahnschmelz ist Eisen eingelagert, was sich an ihrer rötlichen Färbung zeigt. Dadurch wird er noch härter und nutzt sich weniger schnell ab. Um genügend Nahrung zusammenzukriegen ist sie 12 Stunden pro Tag aktiv und das sowohl bei Tag als auch bei Nach.

Abgesehen von ihren kurzen Beinen ist die Wasserspitzmaus perfekt an das Leben am und im Wasser angepasst. Ihre Pfoten sind mit borstenartigen Haaren versehen, die sich unter Wasser abspreizen und wie Flossen funktionieren. Durch sie erhält die Maus beim Tauchen extra Schub. Mit solchen Haaren ist auch der Schwanz auf seiner ausgestattet. Ihn schlängelt sie wie einen Aussenbordmotor hin und her.

Die erstaunlichste Anpassung an das Leben im Wasser ist jedoch das Fell. Die Haare besitzen einen H-förmigen Querschnitt. Das heisst, es gibt auf beiden Seiten eines Haars eine tiefe Furche, die sich von der Wurzel bis zur Spitze zieht. In ihr bleibt die Luft bei einem Tauchgang hängen. Dadurch bildet sich ein dünner Luftfilm zwischen Fell und Wasser. Er schützt die Wasserspitzmaus vor der Kälte des Bachs.

So ausgerüstet taucht die Wasserspitzmaus zwischen drei bis zehn Sekunden, was für ein so kleines Säugetier eine sehr gute Leistung ist. Dabei erreicht sie Tiefen zwischen 30 bis 200 Zentimeter. Wegen des Luftfilms besitzt sie sehr viel Auftrieb. Damit sie nicht wie ein Korken nach oben schiesst, muss sie mit allen Vieren kräftig strampeln. Zuweilen hält sie sich auch am Grund des Bachs an Steinen fest. Am Ende des Tauchgans schüttelt sie sich oder kratzt das Wasser aus dem Fell. Wieder an der Oberfläche gönnt sie sich eine kurze Verschnaufpause von wenigen Sekunden, bevor sie erneut im Bach verschwindet.

Die Wasserspitzmaus ist jedoch nicht nur Jägerin, sondern auch Gejagte. Zwar ist sie mit bis zu 9,6 Zentimetern Körperlänge und einem Schwanz von bis zu 7,7 Zentimetern Länge die grösste Spitzmausart Europas, doch für ein sicheres und sorgenfreies Leben am Bach reicht das bei weitem nicht. Hier kriechen Ringelnattern durch das Schilf, Graureiher sind auf der Pirsch und in der Nacht lauern Schleiereulen im nächsten Baum. Sie alle haben es auf die Wasserspitzmaus abgesehen. Doch damit nicht genug. Unter Wasser stellen ihr Hechte und sogar Forellen nach. Doch nicht alle mögen Wasserspitzmäuse. Fuchs und Katze verschmähen die Tiere, weil sie einen moschusartigen Geruch verströmen.

Neben diesen Jägern besitzen Wasserspitzmäuse noch einen ganz anderen Feind: den Menschen. Viele unserer Aktivitäten schaden diesen Tieren indirekt. Durch die Landwirtschaft beispielsweise gelangen Schadstoffe wie Pflanzenschutzmittel mit dem Regen in den nächsten Bach. Die Konzentrationen dieser giftigen Substanzen sind in vielen Gewässern kritisch für einzellige Algen, Wasserflöhe und Insektenlarven und können zum Absterben dieser Organismen führen. Das kann Konsequenzen für die ansässigen Wirbeltiere haben. Denn ohne diese  Nahrungsgrundlage können auch keine Fische und keine Wasserspitzmäuse überleben.

Ebenso haben wir in den letzten zweihundert Jahren viele Flüsse und Bäche in Betonkorsette gezwängt oder sie gleich ganz unter den Boden in Röhren verlegt. Teils geschah dies aus Gründen des Hochwasserschutzes und teils, um noch mehr Land für die Bewirtschaftung zur Verfügung zu stellen. Doch solche Massnahmen haben der Wasserspitzmaus vielerorts ihren Lebensraum geraubt.

Die glücklicheren Gänse

November 2015, Vivai
Ein Gänsebraten zu Weihnachten wird in der Schweiz immer mehr zur geschätzten Kultur. Doch es darf nicht irgendeine gequälte Mastgans aus dem Ausland sein. Hiesige Bauern haben nun entdeckt, wie sie für die anspruchsvolle Kundschaft glückliche Gänse produzieren können.

Das Geschnatter im Stall ist ohrenbetäubend. Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Noch einen letzten Schluck Wasser, noch einmal das Gefieder mit dem Schnabel durchkämmen und die Flügel strecken, dann ertönt auch schon das Ziegenglöckchen.

Das ist das Zeichen, auf das alle gewartet haben. Monika Zehnder bimmelt und ruft dazu: «Put, put, put, put. Chömed.» Sie und ihr Mann Martin kümmern sich auf ihrem Hof in Zimmerwald auf dem Längenberg oberhalb Belp um zweihundert Weidegänse. Die Tiere gehören der Betriebsgemeinschaft Grubenegg.

Die Weidegans ist die tierfreundliche Variante der Mastgans. Statt den ganzen Tag in einem engen Stall Körnerfutter zu fressen, grasen die Tiere draussen auf der Wiese. Zwar dauert es auf diese Weise mehr als doppelt so lange, bis die Gänse ihr Schlachtgewicht erreichen, doch dafür können die Tiere in Würde leben.

Auf Monika Zehnders Bimmeln setzen sich zweihundert Paar Watschelfüsse in Bewegung. «Wir haben ein akustisches Zeichen eingeführt, damit den Gänsen sofort klar ist, was sie tun müssen», sagt sie. Denn eine Herde Gänse von A nach B zu bringen ist nicht einfach.

Diese Tiere bewegen sich als Schwarm. Die Gans, die sich zufällig an der Spitze des Pulks befindet, gibt Tempo und Richtung vor. Doch die Anführerin kann innert Sekunden von einer anderen abgelöst werden. Dazu braucht nur ein Tier den Kopf zu drehen. Das löst eine Kettenreaktion aus und alle Tiere drehen ihren Kopf ebenfalls und schon gibt es ein neues «vorne» und damit eine neue Anführerin. Aus einiger Entfernung betrachtet, sieht der Trupp aus wie ein grosser Tropfen Milch, der nicht so recht weiss, wohin er fliessen soll.

Aber dann geht es plötzlich ganz schnell. Ein Tier prescht durch das Tor und zieht eine Traube aus weissen Federbällen hinter sich her. Ein kleines Erdbeben donnert an Monika Zehnder vorbei. Hinterher weht eine Wolke aus schneeweissen Daunen.

Angefangen hat alles vor vier Jahren. Damals gingen die Zehnders an eine Veranstaltung von drei Studenten, welche in der Schweiz eine nachhaltige und tierfreundliche Gänsefleisch-Produktion einführen wollten. Daraus entstanden ist schliesslich der Verein «weidegans.ch». Er besteht heute aus 45 Produzenten, die über die ganze Schweiz verteilt sind. Zusammen halten sie einige Tausend Weidegänse. Die Betriebsgemeinschaft Grubenegg ist der zweitgrösste Produktionsstandort.

weidegans.ch ist Verein und Label zugleich. Wer dort mitmacht, unterstellt sich strengen Haltungsvorschriften. So muss pro hundert Tiere eine Hektare Grasland zur Verfügung stehen. Ebenso müssen die Gänse täglich Zugang zu einer Badegelegenheit haben. Die Tiefe des Teiches muss so sein, dass die Gans abtauchen und das Wasser über den Rücken laufen kann. Das ist Fleischproduktion im Wohlfühlbereich.

Weidegänse sind ziemlich selbständig. Sie fressen das Gras runter auf Rasenhöhe. Dann kommen sie in die nächste Weide. Etwas Arbeit machen allein ihre Hinterlassenschaften. «Gänse sind nicht gerade zimperlich, wo sie ihr Geschäft verrichten», sagt Zehnder. Gerade im Wasser fühlen sie sich so wohl, dass sie dort am liebsten ihren Darm entleeren. «Darum pumpen wir den Teich alle zwei bis drei Wochen komplett ab und machen eine Generalreinigung», sagt Zehnder.

Die Vorteile eines glücklichen Gänselebens zeigen sich auch bei der Fleischqualität. «Bei Weidegänsen ist das Fleisch nicht so fettig, wie bei Mastgänsen», sagt Zehnder. Dadurch ist der Wasserverlust beim Backen auch weniger gross. Es bleibt also nach der Zubereitung mehr essbares Fleisch im Topf. Und Weidegänse punkten auch bei der Nachhaltigkeit, weil sie viel weniger des aufwendig produzierten Getreides fressen.

Pünktlich auf Martini am 11. November werden die ersten Tiere geschlachtet. Das macht ein Schlachthof in Heimisbach im Emmental. Die Gänse wiegen dann neun Kilo, was rund fünf Kilogramm Fleisch ergibt. Die Hälfe der Fleischkörper kommen an Grossabnehmer wie Migros und Coop. Die andere geht via Direktverkauf an die Konsumenten in der Region. Die zweite Charge folgt zu Weihnachten.

Bis vor wenigen Jahren gab es in der Schweiz praktisch keinen Markt für Gänsefleisch. «Aber mit den vielen deutschen Einwanderern stieg die Nachfrage», sagt Zehnder. Heute werden auch immer mehr Schweizerinnen und Schweizer neugierig auf das Gänsefleisch. «Letztes Jahr hatten wir einen Zwanzigjährigen, der sagte, er wolle für seine Familie eine Gans kochen. Das hat mich sehr berührt», sagt Zehnder.

Ist es schwierig, eine Gans richtig zuzubereiten? «Nein, überhaupt nicht. Wir geben den Leuten auch immer drei bis vier unserer Lieblingsrezepte mit. Aber die meisten schauen einfach auf Youtube, wie es gemacht wird», so Zehnder.

Wenn sich die Sonne dem Horizont nähert, bimmelt wieder das Ziegenglöckchen. Die Gänseschar watschelt zügig zum Stall. Dort wartet das «Bettmümpfeli» auf sie. Für jedes Tier gibt es vor dem Schlafengehen 100 Gramm zerquetschte Gerstenkörner. «Das gibt ihnen noch etwas zusätzliche Kalorien», sagt Zehnder. Vor allem im Herbst ist die Zusatzfütterung mit Getreide wichtig, weil dann das Gras zunehmend an Nährwert verliert.

Dann kehrt die Nachtruhe ein. Obwohl – richtig ruhig wird es in einem Gänsestall nie. «Die Tiere schnarchen», sagt Zehnder. Aber wenigstens ist für einmal das Geschnatter weg.

Kampf der Titanen

Oktober 2015, Freude am Garten
Der Herbst ist die Zeit der Pilze. Jetzt kommen sie aus ihren Verstecken hervor, um eine der grössten Fressorgien in der Natur zu veranstalten. Die Leidtragenden sind die Pflanzen. Sie müssen jetzt ihre Abwehrkräfte hochfahren und die ganze Sache aussitzen.

Pilze fressen gerade einen toten Baumstamm aus. Manche von ihnen
machen sogar Jagd auf lebende Bäume.
Anders als der erste Blick vermuten lässt, haben Pilze mehr gemeinsam mit Tieren als mit Pflanzen. Zwar besitzen sie weder Beine, Flügel und auch keine Zähne, doch Pilze können sich fortbewegen, fliegen und sie beissen sich durch die härteste Kost. Ob ihr Mahl tot ist oder noch lebt, spielt ihnen dabei keine grosse Rolle.

Zu ihren Leibspeisen gehört Holz. Dieses hat im Vergleich zu anderen Pflanzenmaterialen eine sehr hohe Dichte und besitzt darum einen sehr hohen Energiegehalt. Ein Stück Holz ist für einen Pilz so unwiderstehlich wie eine Zuckerstange für ein Kind.

Doch beim Verzehr von Holz gibt es zwei grosse Schwierigkeiten. Erstens bilden die Kohlenstoff-Atome im Holz eine gitterartige Struktur auch bekannt als Lignin. Dieses Material widersetzt sich erfolgreich der Verdauung durch die meisten Tiermägen und auch Pilze können es mit ihren feinen Fäden nicht ohne weiteres durchdringen.

Zweitens imprägnieren viele Bäume und Sträucher ihr Holz mit Harzen. Diese wirken wie Antibiotika und töten Pilze ab oder hindern sie mindestens am Wachstum. Arvenholz beispielsweise besitzt besonders viel Harz. Darum bleibt es im Garten als Pfahl oder Brett ohne jegliche Konservierungsmassnahmen jahrelang haltbar.

Andere Holzarten wie etwa das von Tannen oder Apfelbäumen sind nicht so widerstandsfähig. Bei ihnen haben Pilze am ehesten eine Chance. Um an den Leckerbissen Holz heranzukommen, nutzen Pilze die Kraft der Chemie. Sie sondern Enzyme ab, die auf die Zersetzung von Holz spezialisiert sind. Sie spalten das Lignin in einfache Zuckerverbindungen auf. Diese nehmen die Pilze anschliessend über ihre Fäden auf. Auf diese Weise wird stahlhartes Holz so weich wie Karton. Man sagt, es wird morsch. 

Trotz ihrer Verteidigungsmassnahmen schweben Pflanzen ihr Leben lang in Gefahr. Forscher fanden heraus, dass die meisten gesunden Bäume bereits mit einer Vielzahl von potenziell tödlichen Pilzen infiziert sind. Vermutlich dringen sie als Sporen in winzige Ritzen in der Borke ein. Dort richten sie keinen Schaden an, solange der Baum gesund bleibt. Doch das ändert sich schlagartig, sobald er einen Ast verliert, sich verletzt oder an Wassermangel leidet. Dann schlagen die Pilze zu.

Weil die Borke eine Schwachstelle des Baumes ist, haben viele Baumarten an dieser Stelle ein weiteres Hindernis für Eindringlinge eingebaut. Sie produzieren in ihr grosse Mengen der so genannten Saponine. Das sind chemische Verbindungen, die mit Seife verwandt sind. Genauso wirken sie auch.

Eine der Schwachstellen von Pilzen ist ihre Zellmembran. Das ist eine dünne Hülle, die jede Zelle nach aussen hin abschliesst. Leider besteht sie aus einem sehr instabilen Material. Es handelt sich um so genannte Lipide. Das sind fettähnliche Moleküle, die sich zu einem natürlichen Kunststoff verdichten.

Wie ein Spülmittel eine Bratpfanne von der Fettschicht befreit, so lösen Saponine die Lipide aus der Membran der Pilze. Für den Pilz ist das etwa so, als würde uns jemand die Haut abziehen.
An regnerischen Tagen werden die Saponine manchmal aus der Borke herausgewaschen. Während sie den Stamm runter laufen, bilden sie Schaum, der an der Stammbasis liegen bleibt.

Es gibt jedoch einen Pilz, dem alle diese Verteidigungsstrategien nichts ausmachen. Es ist der Hallimasch. Er ist in Wäldern und Gärten heimisch und geht regelrecht auf die Jagd nach Bäumen und Sträuchern. Sein Trick besteht darin, dass er seine Kräfte bündelt und auf einen Punkt konzentriert. Auf diese Weise kann er die Verteidigungslinien der Pflanzen durchbrechen.

Statt nur einen einzelnen feinen, zerbrechlichen Faden nach einem potenziellen Ziel auszustrecken, schickt er ein ganzes Bündel von ihnen gleichzeitig auf Beutefang. Die Bündel sind die so genannten Rhizomorphen. Sie sehen aus wie schwarze Schnürsenkel und können bis zu einem halben Zentimeter im Durchmesser betragen. Sie sind umgeben von einer harten Schicht, das die Pilzfäden im Innern vor Austrocknung schützt.

Die  Rhizomorphen wachsen unter dem Boden bis zu zwei Meter pro Jahr. Wenn sie auf eine Wurzel eines gesunden Baumes treffen, bohren sie sich in sie hinein. Ihre erste Mission lautet, die Pflanze zu zerstören. Dazu bildet der Hallimasch ein Geflecht aus Pilzfäden, das sich zwischen Rinde und Holz ausbreitet. In der Folge häutet sich der gesamte Stamm und der Baum oder Strauch stirbt ab.

Nun kann er sich alle Zeit der Welt lassen und sein Opfer langsam auffressen. Dieser Prozess ist beim Hallimasch mitunter sehr eindrücklich, denn er ist einer der wenigen Pilzarten, die ein schwaches Licht aussenden. Wer Glück hat, sieht nachts im Garten oder im Wald einen grünen Lichtschimmer, der aus dem Holz eines verrottenden Baumstamms dringt. Das Licht entsteht durch eine chemische Reaktion in den Zellen des Pilzes. Diese produzieren das so genannte Luciferin. Es reagiert mit Sauerstoff und gibt dabei Lichtteilchen ab. Was der Zweck seines Leuchtens ist, wissen Forscher noch nicht.

Schönheit muss aber nicht immer tödlich sein. Es gibt auch Pilze, die sich ausschliesslich von totem Pflanzenmaterial ernähren. Zu ihnen gehören die Erdsterne. Sie tauchen im Herbst an den schattigeren Stellen des Gartens auf. Erst sind es kugelförmige Gebilde, doch sobald sie draussen sind, reisst ihre Oberfläche an Sollbruchstellen auf und die Kugel öffnet sich zu einem Stern. In seiner Mitte befindet sich eine Art Sack, der mit Sporen gefüllt ist. Wenn ein Wassertropfen auf ihn fällt, wird die Luft samt einer Ladung Sporen durch eine Öffnung aus dem Sack geblasen.

Was schön aussieht, nützt auch den Pflanzen. Denn Pilze wie die Erdsterne setzen die im Totholz gebundenen Nährstoffe frei und machen sie für Pflanzenwurzeln verfügbar. Für ein funktionierendes Ökosystem ist dieser Prozess unentbehrlich. Ohne ihn wäre die Welt längst unter einem gigantischen Holzhaufen begraben worden.

Jetzt im Herbst ist selbst ein perfekt gepflegter Rasen nicht mehr vor Pilzen sicher. Ihre Fruchtkörper schieben sich von unten über die Grasnarbe als würde jemand in der Erde sitzen und dort Luftballone aufblasen. Doch wovon ernähren sie sich? Gibt es etwa auch Totholz unter dem Rasen? Nein. Aber es gibt etwas viel besseres: Pflanzenwurzeln.

Manche Pilze dringen mit ihren Fäden in die Wurzeln von Kräutern und Gräsern ein. Ihr Ziel ist jedoch nicht die Zerstörung, sondern der Handel. Die Wurzeln sind vollgepumpt mit Zucker, den die Pflanzen tagsüber während der Photosynthese produzieren. Pilze sind dazu nicht fähig. Darum geben ihnen die Pflanzen etwas von ihrem Zucker ab. Das tun sie jedoch nicht gratis. Im Gegenzug befördern die Pilzfäden Nährstoffe wie beispielsweise Phosphor direkt in die Wurzeln.

Manche Pilze haben sich so gut mit den Pflanzen arrangiert, dass es ihnen möglich ist, in ihnen zu leben. Zu ihnen zählen die so genannten Endophyten. Sie leben zwischen den Blatt-Zellen von Gräsern. Dort ernähren sie sich vom Zucker und anderen Nährstoffen, den das Gras produziert. Im Gegenzug stellt der Endophyt verschiedene Gifte her. Die schaden den Frassinsekten, die es auf das Gras abgesehen haben. Sie wirken aber auch gegen grössere Grasfresser wie Schafe, Kühe oder Pferde. Nehmen sie zu viele dieser Giftstoffe auf, können sie betäubt werden und im schlimmsten Fall sterben.

Tierisch guter Schlaf

Oktober 2015, Vivai
Sie machen es hängend, schwimmend und in Positionen, für die unsere Sprache noch nicht einmal einen Begriff kennt. Vögel, Säugetiere und Insekten schlafen zuweilen auf so bizarre Art und Weise, dass wir nur noch staunen können.

Die Kuckucksbiene hat von allen Tieren wohl die ungewöhnlichste
Schlafposition: Sie beisst sich fest und hängt nur von
ihren Kiefern getragen in der Luft.
 
 
Alle Tiere kennen irgendeine Form des Schlafs. Seine hauptsächliche Funktion: Energie sparen. Kein Tier macht das konsequenter als die Grosse Braune Fledermaus aus Amerika. Pro Tag schläft sie 20 Stunden, was sie unter den Säugetieren zu den Spitzenreitern macht. Sogar das Faultier hinkt ihr mit seinen 16 Stunden pro Tag weit hinterher. Die Fledermaus ernährt sich von Insekten, die nur in der Abenddämmerung und den ersten Stunden der Nacht umherschwirren. In der restlichen Zeit des Tages gibt es für sie nichts zu tun. Also ab in die Höhle und Augen zu.

Schlafen kann jedoch gefährlich sein, vor allem, wenn man kein sicheres Versteck hat. Unter diesem Umstand leidet beispielsweise die Giraffe. Sie steht bei den Löwen auf der Liste der Beutetiere. Darum muss sie ständig auf der Hut sein. So lange sie sich in einer aufrechten Position befindet, besitzt sie mit ihren langen Beinen eine vorzügliche Verteidigungswaffe. Doch sobald sie sich hinlegt, ist sie für ein Rudel Löwen eine leichte Beute. Darum schläft die Giraffe durchschnittlich nur zwei Stunden pro Tag. Damit hält sie unter Säugetieren den Rekord.

Die Löwen ihrerseits können sich ausgedehnte Nickerchen erlauben. Denn sie befinden sich an der Spitze der Nahrungskette und müssen sich nicht vor Überfällen fürchten. Zudem prädestiniert sie ihr Speiseplan geradezu zum Faulenzen und Dösen. «Löwen fressen Fleisch. Das ist sehr nahrhaft», sagt Jerry Siegel, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Universität von Kalifornien, Los Angeles. «Wenn sie einmal satt sind, brauchen sie für einige Tage nichts mehr zu sich zu nehmen.»

Manche Tiere haben einen Kompromiss zwischen den beiden Extremen Giraffe und Fledermaus gewählt. Sie schlafen und sind trotzdem wachsam. Diese Kunst beherrschen beispielsweise Tauben. Sie halten während des Schlafs immer ein Auge offen. Wenn sie sich nahe einer Wand niederlassen, dann zeigt das offene Auge meistens raus ins Freie. So können sie sehen, ob sich ein Greifvogel nähert.

Der Trick dabei ist, dass Tauben nur mit einer Gehirnhälfte schlafen. Die andere bleibt wach. Stockenten können das auch. Aus Sicherheitsgründen übernachten sie oft in Gruppen. Dabei schlafen die Tiere aussen nur mit einer Gehirnhälfte, damit sie ein Auge offen halten können und jede Gefahr sofort wahrnehmen. Die Tiere im Innern schlafen mit dem gesamten Gehirn, weil das erholsamer ist.

Wale und Delphine haben den partiellen Schlaf perfektioniert. Sie können nicht nur ein Auge offen halten, sondern auch normal weiter schwimmen. Sowohl die linke als auch die rechte Körperhälfte sind aktiv, egal welche Gehirnhälfte gerade ein Nickerchen macht. Auf diese Weise können sie Objekten im Wasser oder Artgenossen ausweichen und rechtzeitig auf Haiangriffe reagieren.

Ungewöhnlich sind auch die Schlafrhythmen mancher Tiere. So schläft der Goldhamster pro Tag zwar 14 Stunden, aber niemals mehr als 12 Minuten am Stück. Danach wacht er wieder auf um kurz darauf erneut einzunicken. Die Hauskatze schläft pro Tag fast gleich viel wie der Hamster. Sie schafft jedoch bis zu zwei Stunden am Stück.

Die meisten Schlaf-Wach-Zyklen machen Feuerameisen durch. Sie schlafen pro Tag rund fünf Stunden. Würden das jedoch alle Arbeiterinnen zur selben Zeit machen, bräche die Organisation des Staats zusammen. Um dieses Szenario zu vermeiden, schläft jede von ihnen nur eine Minute am Stück und ist danach gleich wieder bei der Arbeit. Das macht sie 253 Mal pro Tag. Auf diese Weise sind immer rund 80 Prozent aller Ameisen zur selben Zeit wach.

Ähnlich befremdend sind die Schlafpositionen gewisser Tiere. Die wohl unbequemste nehmen die Kuckucksbienen ein. Zur Nachruhe klettern sie auf einen Zweig. An seiner Spitze angekommen ergreifen sie ihn mit ihren Mandibeln. Dann ziehen sie die Beine an den Körper und hängen nun allein von ihrem Gebiss getragen in der Luft.

Manchmal jedoch nimmt das Schlafverhalten schon fast menschliche Züge an. Männliche Wasserjungfern besitzen ein Territorium und einen Schlafplatz, die getrennt voneinander liegen. Jeden Tag pendeln sie zwischen beiden hin und her.

In ihrem Territorium dulden die Männchen nur Weibchen. Männchen werden verscheucht. Beim Schlafen sieht es jedoch ganz anders aus. In der Abenddämmerung versammeln sich mehrere Dutzend Männchen und Weibchen in Gruppenschlafplätzen. Machtkämpfe sind während dieser Zeit zu unterlassen. Sex ist ebenfalls tabu. Den gibt es erst wieder bei Sonnenaufgang im Territorium des Männchens.

100 beste Freunde für das Kinderzimmer

Februar 2015, Tierwelt
Salzkrebschen werden bis zu zwei Zentimeter gross und leben in Salzseen. Als Haustiere brauchen sie nicht viel Platz, sie wachsen schnell und sie reagieren sichtbar auf ihre Umwelt. Darum eignen sie sich bestens für biologische Experimente auf dem Fensterbrett.

Salzkrebschen sind die besten Haustiere der Welt. 
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich als Kind zum ersten Mal Salzkrebschen sah. Zwei Tage zuvor streute ich die winzigen Eier in eine Schale mit Salzwasser. Aus ihnen schlüpften Hunderte von Baby-Krebschen. Sie zuckten mit ihren beiden Schwimmarmen durch das Wasser und ich war auf einen Schlag um hundert Freunde reicher.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Salzkrebschen zu den faszinierendsten Lebewesen der Welt zählen. Es gibt diese Tiere seit 90 Millionen Jahren. Sie schwammen also bereits durch Salzseen, als noch die Dinosaurier die Welt beherrschten. Als vor 65 Millionen Jahren ein zehn Kilometer grosser Meteorit auf der Erde einschlug und die Dinosaurier auslöschte, überlebten die Salzkrebschen zusammen mit den Säugetieren diese Umweltkatastrophe.

Das Geheimnis um ihre ausserordentliche Zähigkeit verbirgt sich in ihren Eiern. Eigentlich sind die staubfeinen braunen Körnchen gar keine Eier, sondern so genannte Zysten. Sie enthalten einen fast fertig entwickelten Embryo. Dieser befindet sich in einer Art Winterschlaf. Die Aussenwand der Zysten besteht aus einem sehr zähen Material. Sie schützt den Embryo vor allen äusseren Einflüssen wie etwa Trockenheit, starke UV-Strahlung, Radioaktivität, Säuren oder kochendes Wasser. Als Zyste können die Salzkrebschen Jahrzehnte und Jahrhunderte unbeschadet überdauern. Es gibt Berichte darüber, dass Salzkrebschen aus Zysten geschlüpft sind, die Forscher in 10 000 Jahre alten Salzproben gefunden haben.

Die Aussenwand ist trotz ihrer Zähigkeit durchlässig. Dadurch steht der Embryo immer in Kontakt mit der Aussenwelt. Er weiss genau, wann die Bedingungen so sind, dass er ausserhalb seiner Schutzhülle überleben kann. Sobald das der Fall ist, vollendet er innerhalb von 24 Stunden seine Entwicklung und schlüpft.

Weil Salzkrebschen so faszinierend sind, habe ich ein Heft für den SJW Verlag geschrieben. Es erklärt, wie sich Salzkrebschen in Plastikflaschen züchten lassen und wie Kinder mit einfachen Gegenständen aus dem Haushalt ein kleines Bio-Labor einrichten können. Das Heft enthält zudem Experimente, wie sie auch in professionellen Labors durchgeführt werden.

Ein Beispiel: Man nehme zwei identische Flaschen mit Salzwasser und gebe in jede dieselbe Menge Salzkrebschen-Zysten. Die eine Flasche kommt auf ein Fensterbrett auf der Südseite des Hauses; die andere auf ein Fensterbrett an der Nordseite. Man wird beobachten, dass in letzterer die Salzkrebschen später schlüpfen. Auch ist die Schlupfrate etwas tiefer als auf der Südseite.

Die Erklärung: An der Südseite ist es wärmer und es gibt mehr Licht. Beide Faktoren haben einen günstigen Einfluss auf die Schlupfrate. Aber welche Wirkung haben Licht und Temperatur genau? Lässt sich aufgrund dieser Resultate ein weiteres, exakteres Experiment entwerfen? Gibt es eventuell noch andere Umweltfaktoren, welche die Schlupfrate beeinflussen? Ab hier können die kleinen Forscher ihrer Phantasie freien Lauf lassen und sich so Tage und Wochen ganz ohne Fernseher und Computerspiele beschäftigen.

Auch für die Forschung an den Universitäten sind Salzkrebschen wichtig. Unter anderem werden sie für so genannte Mortalitäts-Studien verwendet. Salzkrebschen reagieren empfindlich auf Verunreinigungen des Wassers. Sobald die Verschmutzung einen kritischen Wert überschritten hat, beginnen sie zu sterben. Diesen Effekt nutzen Umweltbiologen aus, um beispielsweise die Gefährlichkeit eines neuen Pestizids für Wasserorganismen abzuschätzen. Dazu geben sie so lange Pestizid in das Gefäss mit den Salzkrebschen, bis die Hälfte von ihnen gestorben ist. Die zugegebene Menge zeigt den Forschenden, wie umweltverträglich das Pestizid ist. Das kann unter Umständen über dessen Zulassung entscheiden.

Ein weiterer grosser Teil der Forschung befasst sich mit der effizienten Aufzucht der Salzkrebschen. An der Universität Gent in Belgien befasst sich das «Laboratory of Aquaculture & Artemia Reference Center» fast ausschliesslich mit diesem Thema. Das ist wichtig, denn Salzkrebschen dienen als Erstnahrung für Zuchtfische wie Pangasius. Damit sind sie Teil der menschlichen Nahrungskette. Die Forscher wollen herausfinden, wie man Salzkrebschen beispielsweise mit Vitaminen anreichern kann, damit sie eine noch bessere Erstnahrung für Jungfische abgeben.

Marielle mit ihrem Salzkrebschen-Aquarium.
Als Haustiere kommt ihnen zuweilen auch eine sehr emotionale Bedeutung zu. Als mein Sohn zwei Jahre alt war, standen bei uns ein halbes Dutzend Flaschen auf dem Fensterbrett. Mein Sohn sagte: «Das sind meine Freunde.» Das ging soweit, dass er jeweils eine zwei Liter Flasche mit fest verschraubtem Deckel mit ins Bett nahm und sich beim Schlafen an sie kuschelte.

Oder da gibt es Marielle, die fünf Jahre alt ist und mit ihren Eltern in einem grossen Glaszylinder ein Salzkrebschen-Aquarium XXL eingerichtet hat. Das funktioniert ohne Wasserfilter oder anderweitige Technik, denn die Tiere reinigen ihr Wasser selbst. «Papa hat Sand vom Spielplatz geholt», sagt Marielle. Der Sand bedeckt den Boden des Aquariums. «Die Krebschen wirbeln den Sand so hoch. Das finde ich toll», sagt Marielle. «Ich mag die, weil sie so schön durch das Wasser schwimmen und weil sie so schnell sind. »



Aufzuchtanleitung


Material: 1 leere Plastikflasche (0,5 Liter, farblos), unraffiniertes Meersalz aus dem Reformhaus, Salzkrebschen-Zysten aus dem Aquarium-Shop, ein Briefchen Trockenhefe aus dem Lebensmittelladen.

Aufzucht: Flasche gut ausspülen und Markenaufdrucke wegschneiden. 4 gestrichen volle Deckel mit Salz in die Flasche geben (oder total 32 Gramm). 4 Deziliter Wasser aus dem Hahn in die Flasche geben. Deckel drauf und gut schütteln bis sich das Salz aufgelöst hat. 4 Messerspitzen mit Salzkrebschen-Eier (Zysten) auf die Wasseroberfläche streuen. Die Flasche nun offen auf ein helles Fensterbrett stellen. Innert 24 bis 48 Stunden schlüpfen die Baby-Salzkrebschen.

Fütterung: Zehn Tage nach dem Ansetzen erfolgt die erste Fütterung. Dazu den Deckel zu drei Viertel mit Hahnenwasser füllen. Nun die Wasseroberfläche im Deckel mit wenig Trockenhefe bestreuen, so dass diese gleichmässig bedeckt wird. Mit einem Trinkhalm gut umrühren, damit sich die Trockenhefe auflöst. Die Hälfte dieser Brühe in die Flasche mit den Krebschen geben. Den Rest wegschütten. Erneute Fütterung erfolgt erst, wenn die Salzkrebschen das Wasser wieder klar gefressen haben. Es darf jedoch höchstens 2 Mal pro Woche gefüttert werden.



SJW-Heft über Salzkrebschen

Das Heft erklärt die Anatomie, den Lebenszyklus und die ökologische Bedeutung der Salzkrebschen. Zudem führt es Kinder in die biologische Forschung ein. Bestellen beim SJW Verlag.





Ein Recht auf Wald

August 2015, Vivai
In der Schweiz ist der Wald ein Heiligtum. Hier wird über jede einzelne Tanne Buch geführt. Wer ohne Genehmigung Bäume fällt, kann mit Gefängnis bestraft werden. Doch das war nicht immer so. Vor nicht allzu langer Zeit war uns der Wald vollkommen egal.   

Eine mächtige Lärche im Aletschwald. Fällen
strengstens verboten.
Wald bedeutet Leben. Wer für eine Weile zwischen den Bäumen still stehen bleibt, kann es sehen und hören. In der Ferne hämmert der Buntspecht mit seinem Schnabel an einen morschen Baumstamm. Er ist auf der Suche nach Insekten, die im Totholz leben. An der nächsten Fichte turnt ein Eichhörnchen aufgeregt herum. Es baut gerade sein Nest, irgendwo hoch oben im Geäst. Selbst auf dem Boden wuselt es. Hunderte von grossen schwarzen Waldameisen rennen auf der Suche nach Nahrung und Baumaterial umher. Vierzig Prozent aller Schweizer Tier- und Pflanzenarten nutzen den Wald als Lebensraum.

Das schliesst uns Menschen ein. Der Wald ist der perfekte Ort, um zu entspannen, spazieren zu gehen, zu joggen oder um die Natur zu beobachten. Als Erholungsraum besitzt der Wald pro Person einen Wert von durchschnittlich 440 Franken, wie das Bundesamt für Umwelt 2012 aufgrund einer Umfrage bei dreitausend Personen berechnet hat. Eingeflossen sind unter anderem die Anzahl Waldbesuche pro Woche, die Anreisedauer und die Transportkosten. Daraus ergibt sich hochgerechnet ein Gesamtwert für die Bevölkerung von rund drei Milliarden Franken pro Jahr.

Wir lieben den Wald so sehr, dass wir ihn mit einem der besten Gesetzestexte der Welt beschenkten: das «Bundesgesetz über den Wald». In ihm steht zum Beispiel, dass jeder Wald der Öffentlichkeit zugänglich sein muss. Mit anderen Worten: Schweizerinnen und Schweizer haben ein Recht auf Wald. Darum ist es auch verboten, Wald zu roden. Wer es trotzdem tut, kann mit Gefängnis bestraft werden.

Von den Auswirkungen dieses rigorosen Gesetzes kann sich jeder überzeugen, wenn er Grossvaters alte Wanderkarte mit einer heutigen Ausgabe vergleicht. Städte und Dörfer haben sich massiv ausgedehnt, Agrarland ist unter Beton und Teer verschwunden und Eisenbahnlinien und Autobahnen haben die Landschaft zerschnitten. Doch der Wald befindet sich immer noch genau dort, wo er schon vor fünfzig Jahren war. Damit stellt er einen unverrückbaren Wert in unserer Gesellschaft dar.

So gut wie heute ging es ihm jedoch nicht immer. In den 1980er Jahren war die Luft stark mit schwefelhaltigen Abgasen aus Strassenverkehr und Industrie verschmutzt. Der Regen wusch diese aus und trug sie in Form von Schwefelsäure in den Boden ein. Die einhergehende Bodenversauerung störte die Nährstoffaufnahme der Bäume und führte im Extremfall dazu, dass diese eingingen.

Im deutschen Harz und im Erzgebirge gab es ganze Waldgebiete, die dahinsiechten. Die Medien sprachen vom «Waldsterben». Auch wenn in der Schweiz die Bäume nur vereinzelt an den Säureeinträgen litten, schlug die Botschaft vom sterbenden Wald wie eine Bombe ein. «Das war der Beginn der modernen Umweltpolitik der Schweiz», sagt Andreas Rigling, Forstingenieur von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. In der Folge wurden die Abgasrichtwerte verschärft, Filter- und Entschwefelungsanlagen in Fabriken wurden Pflicht und es folgte die Einführung des bleifreien Benzins und des Katalysators für Motorfahrzeuge.

Vor der Zeit der Luftschadstoffe war die Abholzung das grösste Problem. Im 19. Jahrhundert erreichte die Waldnutzung in der Schweiz ihr Maximum. «Damals gab es Kahlschläge und Brandrodungen», sagt Rigling. Dieser Raubbau hatte Folgen. Der Boden an den kahlen Hügelflanken wurde bei Unwettern abgetragen. Wald speichert Wasser wie ein Schwamm. Ohne ihn rauschen die Wassermassen ungebremst in die Täler, wo Schlammlawinen und Hochwasser zu Schäden von mehreren Millionen Franken führten. «Diese Katastrophen führten bei den Behörden zu einem Umdenken, das letztendlich in der heutigen Waldgesetzgebung mündete», sagt Rigling.

Eine wichtige Erkenntnis daraus war auch, dass der Wald einen Service für die Gesellschaft erbringt. Heute sind 5 820  Quadratkilometer Waldfläche als so genannter Schutzwald ausgewiesen. Er bewahrt uns vor Schnee- und Schlammlawinen, Steinschlag und Hangrutschungen. Von ihm profitieren ein Viertel aller Strassen und Bahnlinien und jedes sechste Wohnhaus. Die geschützten Werte werden auf 200 Milliarden Franken geschätzt, wie das Bundesamt für Umwelt sagt.

Wald reinigt auch einen Teil unseres Trinkwassers. Vierhundert von Zürichs Stadtbrunnen beziehen ihr Wasser direkt vom Wald. Es kommt von Quellfassungen auf den bewaldeten Hügeln rings um die Stadt. Regen wird im Waldboden naturgefiltert, in der Quellfassung gesammelt und danach allein durch die Schwerkraft trinkbereit in die Stadt geleitet.

Damit der Wald alle seine Funktionen erfüllen kann, wird er intensiv gepflegt. Jeder Kanton führt dazu einen Waldentwicklungsplan. In ihm steht beispielsweise, wie und wo seltene Baumarten wie Eiche und Eibe gefördert werden sollen, wie gross der Holzverbrauch sein darf und wo wie viel Totholz zu stehen hat.

Doch trotz aller Fürsorge ist der Wald nicht vor neuen Gefahren gefeit. Heute bereiten den Forstingenieuren vor allem gebietsfremde Arten Sorgen. «Mit dem globalen Warenhandel gelangen immer wieder fremde Organismen in unsere Wälder», sagt Rigling. Ein Beispiel ist die Eschenwelke. Es ist ein von Asien eingeschleppter Pilz, der die Eschen lückenlos befällt und sie ganz oder teilweise absterben lässt. «Darum verliert die Esche heute leider an Bedeutung für Waldbewirtschaftung», sagt Rigling.

Ebenso drängen sich neue Baumarten in unsere Wälder. Der ebenfalls aus Asien stammende Götterbaum ähnelt in seiner Gestalt einem Walnussbaum. Seine Blätter werden in China zur Fütterung von Seidenraupen verwendet. Er gelangte bereits im 18. Jahrhundert als Ziergehölz nach Europa und ist heute auf der ganzen Welt verbreitet. Er wächst enorm schnell und gedeiht selbst in Geröllhalden.

Gegenwärtig breitet er sich massiv im Tessin aus. «Wir wissen heute noch nicht, was das für den Schutzwald bedeutet», sagt Rigling. Hält er einen Steinschlag ebensogut ab wie eine Schweizer Buche? Bei einer Sache ist sich Rigling sicher: «Der Wald wird sich verändern, aber er wird nicht verschwinden. Dafür ist er zu anpassungsfähig und zu stark.»

Im Borstenwurm schlägt es Mitternacht

Juni 2015, Vivai
Die Natur ist perfekt durchorganisiert. Alles läuft wie am Schnürchen. Der Grund dafür ist die Zeit. Denn in jedem Lebewesen gibt eine biolgische Uhr den Takt an. Sie bringt Ordnung ins Chaos des Lebens.

Der Borstenwurm Platynereis dumerilii besitzt
gleich zwei innere Uhren. Eine für den
Mond-Zyklus und eine für den Tages-Zyklus.
Diesen Frühling konnten wir wieder eines der grössten Wunder der Natur beobachten: die Zeit. Pünktlich zur Schneeschmelze spross in den Wäldern wie auf Kommando landauf landab der Bärlauch aus dem Boden. Eine Woche später reckten sich die Krokusse über den Rasen und kurz darauf öffneten die Kirschbäume ihre Blüten, als ob sie sich insgeheim abgesprochen hätten.

Dieses Mass an Koordination ist nur möglich, weil die Natur ein Zeitgefühl besitzt. In den meisten Lebwesen vom Bakterium, über Pflanzen bis zu den Tieren tickt eine biologische Uhr. Sie besteht aus einer Reihe von Zeit-Genen. Ihre Funktionen sind so raffiniert ineinander verflochten, dass sie die Zeit sehr genau messen können. 

Das Prinzip funktioniert so: Das erste Gen stellt ein zweites Gen an. Dieses zweite stellt nun das erste langsam ab. Dadurch wird auch das zweite mit einer gewissen Verzögerung in seiner Aktivität unterbunden. In der Folge stellt sich das erste erneut an. So entsteht ein einfacher biologischer Takt. «Es sind typischerweise mehrere solche Rückkopplungs-Schleifen miteinander verflochten», sagt Robertson McClung, Biologe an der Universität Dartmouth in den USA. Er ist Experte für das Zeitgefühl von Pflanzen.

«Wie alle Uhren so laufen auch die biologischen nicht ganz synchron mit der Tageslänge», sagt McClung. Darum besitzen Pflanzen einige Zeit-Gene, die nur dazu da sind, die Uhr richtig zu stellen. Sie werden durch das erste Tageslicht aktiv und richten die innere Uhr jeden Tag erneut am Sonnenaufgang aus, so wie man früher die Taschenuhr nach der Kirchturmuhr gestellt hat.

Ihr Uhrwerk besitzen Pflanzen und Tiere nicht zum Spass. Dank ihm sind sie in der Lage, wichtige Veränderungen in ihrer Umwelt vorauszuahnen und sich zeitig auf sie einzustellen. Das kann unter Umständen über Leben und Tod entscheiden.

Würde der Bärlauch beispielsweise einen Monat früher zu wachsen beginnen, würden seine Blätter im Schnee erfrieren. Und einen Monat später, hätte er den Frühstart ins Jahr verpasst und müsste sich seinen Lebensraum mit vielen anderen Pflanzen teilen.

Gänseblümchen können dank ihrem Zeitgefühl ihre Blüten bei Nacht verschliessen. Dadurch sind sie vor Fressfeinden besser geschützt. Mimosen gehen noch einen Schritt weiter. Sie falten in der Abenddämmerung sogar ihre Blätter zusammen, um Heuschrecken und anderen gefrässigen Tieren weniger Angriffsfläche zu bieten.

Genau umgekehrt agiert die Nachtkerze. Sie öffnet ihre Blüten in der Abenddämmerung. Erst sind diese noch ohne Geruch. Doch sobald es ganz Dunkel ist verströmt sie einen intensiv süsslichen Duft. Auf diese Weise lockt die Pflanze Nachfalter an, welche ihre hauptsächlichen Bestäuber sind. Ohne Zeitgefühl würden ihre Blüten ihren wertvollen Duft wahllos während des ganzen Tages verströmen.

Die winzige Taufliege kann mit ihren Zeit-Genen sogar ihren Geburtstermin selber festlegen. Als Made frisst sie sich durch verfaulendes Obst. Nach wenigen Tagen verpuppt sie sich und vollzieht während vier Tagen ihre Verwandlung zur Fliege. Wenn sie schlüpft, sind ihre Flügel noch zerknittert. Sie müssen sich erst entfalten und hart werden. Erst dann ist das Insekt flugfähig.

Eine hohe Luftfeuchtigkeit und eine kühle Temperatur wirken sich günstig auf die Entfaltung der Flügel aus. Darum schlüpfen die Fliegen stets in der Morgendämmerung aus ihrem Kokon. Würden sie das beispielsweise in der Mittagshitze tun, könnten sich die Flügel wegen der trockenen Luft nicht richtig entfalten. Die Fliege wäre ein Leben lang verkrüppelt und flugunfähig.

In den 1970er Jahren fanden Forscher Taufliegen mit mutierten Zeit-Genen. Ihre innere Uhr lief statt nach einem 24-Stunden-Rhythmus nach einem 19-Stunden-Rhythmus. Da ihre innere Uhr aus dem Takt war, wussten sie nicht mehr, wann es Morgen oder Abend war und schlüpften entsprechend zur falschen Tageszeit. 

Bei der Fortpflanzung spielt die Zeit eine besonders wichtige Rolle. Bei einem Rendezvous ist es entscheidend, dass Liebhaber und Geliebte zu selben Zeit am selben Ort sind. Mit dieser Herausforderung muss auch der Borstenwurm fertig werden. Männchen und Weibchen leben meistens getrennt am Grunde des Meeres. Zur Paarung schwimmen sie an die Wasseroberfläche. Dort tanzen sie miteinander und geben dabei Spermien und Eizellen ins Wasser ab, wo die Befruchtung stattfindet. 

Die Paarung findet nur bei Neumond statt und zwar genau vier Stunden nach Sonnenuntergang. Um diesen Termin auf keinen Fall zu verpassen, besitzen Borstenwürmer gleich zwei innere Uhren. Eine tickt im 24-Stunden-Rhythmus und gibt den Würmern die Tageszeit an. Die zweite Uhr richtet sich nach dem Mondzyklus. Sie sagt den Würmern, wann der nächste Neumond kommt. Damit ist die Nachkommenschaft gesichert.

Noch seltener als die Borstenwürmer feiern die Periodischen Zikaden Hochzeit. Für ihre Entwicklung brauchen sie genau 17 Jahre. Diese Zeit verbringen sie als Larven bis zu einem halben Meter tief unter der Erde. Dort ernähren sie sich von Pflanzensaft, den sie mit einem Rüssel aus den Wurzeln von Bäumen saugen.

Ihre Zeitmessung beruht auf der wechselnden Qualität des Wurzelsaftes. Im Winter nimmt diese wegen mangelnder Sonneneinstrahlung ab. Im Sommer ist sie wieder bestens. Die Zikaden zählen diese Zyklen. Bei 17 angekommen, kriechen Millionen von ihnen gleichzeitig an die Oberfläche. Dort häuten sie sich und gehen danach auf Partnersuche.

Den wohl erstaunlichsten Umgang mit der Zeit pflegen die Rehe. Die Weibchen paaren sich im Sommer. Würden sie ihre Nachkommen nun gleich austragen, würden diese mitten im Winter zur Welt kommen, wenn es kalt ist und es nicht sehr viel Nahrung gibt. Darum halten sie die Entwicklung der Embryonen einfach an. Das heisst, sie wachsen während vier Monaten nicht weiter. Erst ab Dezember setzt das Wachstum erneut ein. In der Folge kommen die Kitze pünktlich im Mai auf die Welt, wenn es warm ist und es Futter im Überfluss gibt. So hat die Mutter alle Zeit der Welt, um ihr Kitze gross zu ziehen.

3 Visionen für die Schweizer Landwirtschaft

An einem Vortrag für agrolink.ch habe ich folgende drei mögliche Szenarien für die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft skizziert:

Die Bauer AG

Die 80 000 Bauern und Bäuerinnen der Schweiz bilden zusammen eine Aktiengesellschaft. Es gibt einen CEO, einen Verwaltungsrat und was sonst noch alles dazugehört. Erste Massnahme: Kündigung von 50% aller Angestellten. Damit hat die «Bauer AG» nur noch 40 000 Angestellte. Das Resultat ist eine Firma von etwa der Grösse von Google. Die gekündigten Bauern/Bäuerinnen erhalten ein oder zwei Jahre lang die gegenwärtigen Direktzahlungen des Bundes an die Landwirtschaft von 2,8 Milliarden Franken. Macht pro Kopf 70 000 Franken Abfindung pro Jahr. Genug, um die eigene Karriere ausserhalb der Landwirtschaft neu zu starten.
Die Bauer AG erhält keine Direktzahlungen vom Bund. Angebaut wird, was der Weltmarkt gerade verlangt. Die Bauer AG ist in Spezialisten-Teams gegliedert. Es gibt Teams für das Pflügen, für das Düngen, für die Tierhaltung und für die Applikation von Pflanzenschutzmitteln. Aufträge werden via Handy-App verteilt. Drohnen überwachen Anbau, Schädlingsbefall und andere Parameter aus der Luft.

Wissen gegen Geld

Es wird vollständig auf den Anbau von Nahrung verzichtet. Stattdessen wird die landwirtschaftliche Forschung massiv gesteigert. Die Schweiz «baut» Wissen statt Kartoffeln an. Bauern und Bäuerinnen werden zu Forschungsassistenten umgeschult. Ihr Alltag besteht nun aus Datenerhebung statt aus Salat pflücken.
Dazu wird das gesamte Agrarland der Schweiz in ein Forschungsfeld umgewandelt. Einen Teil davon wird mit Treibhäusern bedeckt, damit verschiedene Klimaszenarien simuliert werden können.
Geforscht wird, was die Welt braucht. Nutzpflanzen mit höherem Ertrag, trockenheitsresistenter Mais, Bakterienkulturen, die Bodenerosion verhindern, Bewässerungstechnologien für die Sahel-Zone. Fixfertige Lösungen werden in die entsprechenden Gebiete verkauft.

Boden on SALE

Die Landwirtschaft in der Schweiz wird komplett abgeschafft. Die gesamte Nahrung wird aus dem Ausland importiert. Sämtliches Agrarland wird zu Bauland umgezont. Wer es sich leisten kann, darf bauen so viel er will. Die Landwirte werden durch die Umzonung ihrer Agrarflächen zu Millionären.
Der Boden wird in Blöcken ausgehoben. Ein Block ist zwei Meter hoch und enthält sämtliche Bodenhorizonte angefangen bei der Humusschicht ganz oben bis zum Kiesbett ganz unten. Diese Blöcke verkaufen die Landwirte ins Ausland. Beispielsweise in den Nahen Osten, wo guter Boden rar ist. Dort können die Menschen fortan auf Schweizer Boden Landwirtschaft betreiben. Die Produkte werden unter dem Label «Swiss Soil Made» auf den Markt gebracht.






Welche Vision für die Schweizer Landwirtschaft haben Sie?






Verpackungen landen im Meer

März 2015, Vivai
Verpackungen sind ein Segen, wenn es um die Hygiene und die Haltbarkeit unserer Lebensmittel geht. Doch als Müll sind sie ein Fluch. Eine achtlos zu Boden geworfene Plastikschale landet irgendwann im Meer und tötet dessen Bewohner.

Mangelndes Abfall-Management in Thailand:
Essens-Verpackungen werden einfach auf dem
Strand entsorgt...
Im vergangenen Dezember haben Forscher aus den USA eine beunruhigende Studie publiziert. Sie haben aufgrund von Messungen und Hochrechnungen herausgefunden, dass zurzeit fünf Billionen Plastikstücke in den Weltmeeren schwimmen. Das Gesamtgewicht dieses Abfallteppichs beläuft sich auf 250 000 Tonnen. Das entspricht dem Transportvolumen einer Flotte von zehntausend vollbeladenen Lastwagen mit Anhängerzug.

Das führt uns einmal mehr die Schattenseite des viel gerühmten Plastiks vor Augen und zeigt, wie sorglos die Gesellschaft mit diesem Stoff umgeht. 2013 wurden weltweit rund dreihundert Millionen Tonnen Plastik produziert. Rund vierzig Prozent davon werden für Verpackungen verwendet, wie es vom Verband Swiss Plastics heisst. Diese machen den grössten Anteil am Plastikmüll in den Meeren aus.
...oder hinter dem nächsten Busch.

Doch wie kommt ein Stück Verpackungsfolie von einem Keks oder einer Zigarettenschachtel in den Bach? Die Antwort ist so einfach wie deprimierend. «Eine der wichtigen Ursachen der Umweltverschmutzung mit Plastik ist das Littering», sagt Manuel Kunz, Gewässerexperte beim Bundesamt für Umwelt. Das Plastikstück wird meist mit dem Regen in das nächste Gewässer getragen. «Von dort geht es  letztendlich ins Meer», sagt Kunz.

Auf dem langen Weg zerfällt der Plastik unter anderem durch die Einwirkung des UV-Lichts der Sonne in immer kleiner Teile. Ab einer Grösse von 5 Millimetern spricht man von Mikroplastik. Den findet man inzwischen flächendeckend in der Schweiz. So haben Forscher der ETH Lausanne sechs Schweizer Seen untersucht und im Schnitt pro zehn Quadratmeter Seeoberfläche ein Stück Mikroplastik gefunden.

In den Flüssen sind die Konzentrationen noch um einiges höher. So schwemmt beispielsweise die Rhone rund zehn Kilogramm pro Tag aus der Schweiz Richtung Frankreich und ins Mittelmeer. Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen unsachgemäss entsorgten Verpackungen in der Schweiz und der Verschmutzung der Meere. Forscher schätzen, dass rund achtzig Prozent des Mülls im Meer vom Land kommt. Der Rest stammt von Schiffen oder aus Aquakulturen.

«Die grösste Gefahr vom Mikroplastik ist, dass Tiere ihn fressen», sagt  Martin Löder, Umweltingenieur an der Universität Bayreuth. Jedes Plastikstück kann wie ein kleiner Schwamm fungieren, der Schadstoffe in sich aufsaugt und anreichert. Wenn Meerestiere solche Partikel Fressen, nehmen sie eine Giftpille zu sich. «Die Schadstoffe können so in das Tier übergehen. Im schlimmsten Fall kann das zur Tumorbildung führen, wie Laborstudien zeigten», sagt Löder.

Fett ist gesund

29. März 2015, NZZ am Sonntag
Tierisches Fett zu essen war ein halbes Jahrhundert lang verpönt. Das ist nun vorbei. Butter und Speck nicht nur unbedenklich, sondern sogar gut für die Gesundheit.

Speck und Eier schaden dem Körper nicht.
Neben fetttriefenden Würsten, Fünf-Minuten-Eier und Käse liebt meine Grossmutter Butter über alles. Zum Frühstück gibt es Butter mit Brot, zum Mittagessen in Butter gebratene Rösti und zum Nachtessen gibt es Teigwaren, auf denen ein Stück Butter zergeht. Ist das ungesund? Nein. Ein neues Buch der US-Journalistin Nina Teicholz kommt zum Schluss, dass sich meine Grossmutter seit jeher richtig ernährt hat. Butter, Fette und Cholesterin gehören zu einem normalen Speiseplan dazu. Und sie machen erst noch schlank.

Das widerspricht der landläufigen Meinung, das die von tierischen Produkten stammenden gesättigten Fettsäuren zu Arterienverkalkung, Schlaganfällen und Herzinfarkten führen. Das Sachbuch mit dem Titel «The Big Fat Surprise» ist in den USA zum Bestseller geworden. Es ist darum so brisant, weil inzwischen auch die Wissenschaft bestätigt, dass wir uns ein halbes Jahrhundert lang falsch ernährt haben. Vermutlich hat das Zehntausenden das Leben gekostet.

Ausdrucken und an den Kühlschrank hängen:
Diese 6 Ernährungsregeln gelten als gesichert.
Angefangen hat unsere Ernährungskrise mit dem Biologen Ancel Benjamin Keys von der University of Minnesota. 1952 postulierte er die «Diät-Herz-Hypothese». Sie besagt, dass je höher der Anteil an gesättigten Fettsäuren in der Ernährung einer Bevölkerung ist, desto mehr Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Krankheiten werde es geben. Keys stützte seine Behauptung auf Untersuchungen, die er in sieben Industrienationen durchgeführt hat.

1961 setzte die einflussreiche American Heart Association die Theorie in die Praxis um. In den folgenden Jahrzehnten empfahl sie, dass gesättigte Fettsäuren in der Diät nach Möglichkeit gesenkt werden sollten. Ab den 1980er Jahren floss die Botschaft in die föderalen Ernährungsempfehlungen ein. Dort hiess es fortan, dass pro Tag maximal zehn Prozent der Kalorienzufuhr durch gesättigte Fettsäuren gedeckt werden sollte. Die Schweiz und die meisten europäischen Länder übernahmen diese Richtlinie.

Sie war zwar gut gemeint, aber grundfalsch. Denn sie trug nicht der Tatsache Rechnung, dass die Menschen gerne essen und nicht gerne verzichten. Die US-Amerikaner litten besonders unter ihr. Sie befolgten zwar die «Low-Fat» Diät, gleichzeitig ersetzten sie jedoch ihre abhanden gekommenen Kalorien durch Kohlenhydrate wie etwa Hamburgerbrötchen, Pommes Frites und Süssgetränke.

Der Schuss ging nach hinten los. Statt das Herzinfarktrisiko zu senken, steigerte die neue Diät es. «Die Anreicherung des Speiseplans mit Kohlenhydraten hat erst zur gegenwärtigen Epidemie der Fettleibigkeit geführt», sagt Michael Ristow, Ernährungsmediziner und Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich.

Das liegt daran, dass unser Körper Kohlehydrate bevorzugt in Fett umwandelt und speichert. Durch die Nahrung zugeführte Fette hingegen werden wenn möglich sofort verwertet. «Der Körper verbrennt Fette effizienter als Kohlenhydrate, so dass Kohlenhydrate eher zu einer Gewichtszunahme führen», sagt Ristow. Warum das so ist, ist noch unklar. Fakt ist: Kohlenhydrate steigern die Blutfettwerte, die als Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall gelten. Wer dagegen Kohlenhydrate in der Ernährung reduziert, kann mit sinkenden Blutfettwerten rechnen.

Uns mit diesem Umstand zu arrangieren, wäre ganz einfach. «Wir müssten uns nur wieder so ernähren wie in den 1960er Jahren. Diese Massnahme alleine würde den Leuten helfen, ihre Pfunde zu verlieren», sagt Teicholz.

Das bestätigt die Wissenschaft. Fütterungsversuche zeigten, dass Tiere, die dreissig oder mehr Prozent ihres täglichen Kalorienbedarfs mittels Kohlenhydrate deckten, dick wurden. Senkten die Forscher die Tagesdosis jedoch auf fünfzehn Prozent oder weniger, waren sie normalgewichtig. «Es ist schwierig zu sagen, warum das so ist», sagt Christian Wolfrum vom Institut für Lebensmittelwissenschaften, Ernährung und Gesundheit der ETH Zürich.

Fest steht auch, dass die Mär von den bösen gesättigten Fetten wissenschaftlich nicht haltbar ist. «Die Idee, dass ihr Konsum zu Herz-Kreislauf-Krankheiten führt, konnte nicht bewiesen werden», sagt Teicholz. Wolfrum pflichtet ihr bei: «Gesättigte Fettsäuren an sich sind nicht schlecht.» Wer sie aber teilweise mit den in Pflanzen und in Fisch vorkommenden ungesättigten Fettsäuren ersetzt, lebt gesünder. Darum präzisiert Wolfrum: «Im direkten Vergleich schneiden ungesättigte Fettsäuren besser ab. Die wirken sich auf irgendeine Weise günstig auf den Metabolismus aus.» Wie genau sie das machen, ist noch unklar.

Ebenso unverstanden wie die Butter ist das Cholesterin. Es gilt in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute als rechte Hand des Herzinfarktes. Darum war unter anderem in den Ernährungsempfehlungen der USA und der Schweiz jahrzehntelang eine Obergrenze von 300 Milligramm (rund zwei Eier) pro Tag festgesetzt. Wer mehr davon zu sich nimmt, schaufelt sich sein eigenes Grab. Inzwischen zeigte sich jedoch, dass der Konsum von cholesterinhaltigen Nahrungsmitteln wie Eier, Butter oder Käse den Cholesterinwert im Blut nicht ansteigen lässt. «Der Körper reguliert die Aufnahme selbst und blockt es bei Bedarf schon an der Darmwand ab», sagt Wolfrum.

Das hat im Februar endlich auch das föderale Gesundheitsdepartement der USA eingesehen. In seiner aktuellen Ernährungsempfehlung kippt es die Tageslimite und schreibt stattdessen: «Cholesterin ist ein für die Überkonsumation unbedenklicher Nährstoff.» In den Schweizer Ernährungsempfehlungen hat sich diese Erkenntnis fast unbemerkt von der Öffentlichkeit bereits 2012 im 6. Schweizerischen Ernährungsbericht durchgesetzt. Dort heisst es: «Aus wissenschaftlicher Sicht kann keine konkrete Beschränkung der Zufuhr von Cholesterin in mg/Tag empfohlen werden.» Grossmutter hat das schon immer gewusst.

Und auch bei Margarine lag sie richtig. Sie hat den Butter-Ersatz nämlich nie gegessen. Lange Zeit war das tatsächlich nicht zu empfehlen. Denn Margarinen enthielten bis vor einigen Jahren noch die so genannten Transfette. Sie entstehen als Nebenprodukt, wenn Pflanzenöle chemisch so verändert werden, dass sie bei Raumtemperatur fest sind.
In den letzten Jahren hat sich der Verdacht bestätigt, dass Transfette Arterienverkalkung und Typ-2 Diabetes fördern. Darum ist in der Schweiz gesetzlich festgelegt, dass Öl- oder Fettprodukte nicht mehr als 2 Prozent künstlich erzeugte Transfette enthalten dürfen.

Die hiesigen Margarine-Produzenten haben sich angepasst und sind stattdessen auf Palmöl ausgewichen. Das besteht zu einem Teil aus Fetten, die bei Zimmertemperatur hart sind. Die Verarbeiter filtern diese raus und stellen damit Margarine her. 
In den USA sind Transfette inzwischen ebenfalls verboten. Die Industrie setzt beim Ersatz jedoch nicht auf ein Naturprodukt, sondern weiterhin auf die chemische Umwandlung von pflanzlichen Ölen. Mit einem alternativen Verfahren entstehen dabei so genannte interesterifizierte Fette, die bei Zimmertemperatur hart sind. Ob sie negative Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben, ist noch nicht untersucht. Damit bleibt die Margarine auch in Zukunft ein umstrittenes Nahrungsmittel.

Die bescheidene Erkenntnis der Ernährungsforschung lautet wie folgt: Grossmutters Küche ist die beste. Denn in ihr ist das Essen mal deftig, mal leicht, mal gibt es Fisch, mal gibt es Fleisch, mal sind Artischocken die Hauptspeise und mal der Salat. Ausgewogenheit lautet das neue Ernährungs-Mantra. «In einer ausgewogenen Ernährung ist vieles erlaubt», sagt Wolfrum. «Gesundheitliche Probleme kriegen die Leute vor allem, wenn sie sich einseitig ernähren.» Die Empfehlung von von Teicholz: «Esst, was wir all die Jahre vermieden haben: Butter, Eier, Käse, Fleisch. Diese Nahrungsmittel machen satt und sie sind gesund.»

Hinweis: Dieser Artikel wurde am Montag, 30.3.2015, von 20 Minuten aufgegriffen. Hier geht es zur Online Version.






Die Fliegenbibliothek

1. März 2015, NZZ am Sonntag
Die Taufliege ist das berühmteste Labortier der Welt. Nun wird erstmals ihr gesamtes Erbgut Gen für Gen in einer lebendigen Bibliothek erfasst. Mit ihr können Forscher gezielt nach den Ursachen von Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson suchen.

Die Taufliege ist der Superstar
unter den Labortieren.
Bibliotheken bestehen meist aus Bergen von schweigendem Papier. Nicht so diejenige, welche die Universität Zürich zurzeit aufbaut. Ihr «Papier» ist lebendig und besitzt Fühler, Augen und Flügel. Es sind Tausende von winzigen Fliegen, deren Erbgut verschiedene künstlich eingefügte Gene enthält. Mit dieser weltweit einmaligen Datenbank des Lebens können erbliche Ursachen von Krankheiten wie Darmkrebs oder Alzheimer schneller analysiert werden als je zuvor.

Bei den Fliegen handelt es sich um die Art Drosophila melanogaster. «Sie ist ein Superstar in der Welt der biologischen Forschung», sagt Konrad Basler, Leiter des Instituts für Molekulare Biologie. An ihr haben Biologen vor hundert Jahren verstehen gelernt, was Gene sind und wie sie in ihren Grundzügen funktionieren. «Ihr verdanken wir unter anderem die Entdeckung, dass wir Menschen ein angeborenes Immunsystem besitzen», sagt Basler. Mit der neuen Fliegenbibliothek «FlyORF» schlägt sein Institut ein weiteres Kapitel in der Geschichte von Drosophila auf.

Die Bibliothek ist ein dunkler, wenige Quadratmeter grosser Raum im obersten Stock des Instituts auf dem Campus Irchel. In deckellosen Kartonschachteln stecken Hunderte von Plastikröhrchen und jedes von ihnen beherbergt ein paar Dutzend Taufliegen. Jeder der emsigen Krabbler trägt ein zusätzliches Gen. Dieses stammt nicht von einer Giraffe oder einem Schwein, sondern von der Taufliege selbst. Das ist etwa so, wie wenn in einem Buch die Seite 34 doppelt enthalten ist. Die Röhrchen sind durchnumeriert und im untersten Viertel mit Gelatine und Hefe aufgefüllt, die als Futter für die Fliegen und ihre Maden dienen. Mehrere Generationen leben auf diese Weise unter einem Dach.

Ein Zentimeter weiter steht das nächste Röhrchen mit demselben Inhalt. Doch in diesen Fliegen ist die Seite 35 doppelt vorhanden und im Röhrchen daneben die Seite 36. So geht es reihum weiter. Zurzeit sind 1500 Gene in ebenso vielen Fliegenstämmen eingebracht worden. Das macht rund zehn Prozent des Erbguts der Taufliege aus. «Wir erweitern unsere Sammlung pro Halbjahr um rund achthundert Gene», sagt Molekularbiologe Johannes Bischof, Projektleiter der Fliegen-Bibliothek. Ziel ist es, alle 14 000 Seiten im Buch eines Fliegenlebens abzubilden.

Um die Kopien in die Tiere zu bringen, spritzen die Forscher mit einer sehr feinen Nadel ringförmige Erbgut-Schnipsel in die wenige Stunden alten befruchteten Eier. Die Ringe fungieren als Post-Boten für das zusätzliche Gen. Sie wandern in die Bereiche, die sich später zu Spermien und Eizellen weiterentwickeln. Dort laden sie ihre Fracht ab. Auf diese Weise sind alle zukünftigen Generationen dieser Fliegen Träger des zusätzlichen Gens.

Das Verfahren war bislang zu aufwendig, um es breitflächig anzuwenden. Doch Bischof hat vor sieben Jahren zusammen mit Basler und Forschern aus Genf eine neue Methode entwickelt, um Gene effizient in das Erbgut der Insekten einzufügen. «Ohne diese Technik hätten wir die Bibliothek nicht realisieren können», sagt Basler. «Es ist quasi die Erfindung des Buchdrucks. Erst jetzt können wir die Bücher schnell herstellen.»

Ein zusätzliches Gen allein macht aus der Taufliege noch keinen Zombie, wie man jetzt vermuten könnte. Denn das Gen ist vorerst ausgeschaltet – die Seite ist unlesbar. Doch die Forscher haben den Einschaltknopf bereits miteingeplant. Dieser so genannte Aktivator besteht aus einem kleinen Stück genetischen Codes, das im Erbgut einer zweiten Fliege eingefügt ist.

Um den Schalter zu betätigen, braucht es nur eins: Sex. Ein Männchen mit dem doppelten Gen und ein Weibchen mit dem Aktivator werden zusammen in ein Röhrchen gesteckt. Das Männchen flirtet kurz mit dem Weibchen und dieses lässt sich mangels Alternativen bald auf den Liebhaber ein. Bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle treffen der Aktivator und das doppelte Gen aufeinander.

Der Aktivator ist mehr als nur ein Schalter. «Er ist eine Art Megaphon für das eingefügte Gen», sagt Basler. Er verstärkt seine Wirkung um den Faktor zehn. Wenn das Gen beispielsweise die Grösse von Augen festlegt, dann sagt der Aktivator nun nicht einfach «das Auge soll wachsen», sondern «das Auge soll wachsen, wachsen, wachsen, wachsen, wachsen,...» In der Folge entstehen Fliegen mit riesigen Augen.

Für die Forschung ist diese neue Methode ein Segen. Denn bis heute konnten sie meistens nur die Abwesenheit von Genen studieren. Dazu suchten sie nach Fliegen mit einer Missbildung und schauten dann nach, von welchen defekten Genen sie verursacht wurden. Auf diese Weise lässt sich aber nur etwa ein Drittel des Erbguts erforschen, weil nur bei ihnen eine äusserlich sichtbare Auswirkung auftritt. Beim Rest ist das nicht der Fall. Mit dem «Megaphon» hat aber auch ein schwaches Gen eine äusserlich sichtbare Auswirkung. «Wir können nun jedes einzelne von ihnen quasi unter dem Vergrösserungsglas untersuchen», sagt Bischof.

Das kommt vor allem der Humanmedizin zu nutze. Taufliegen teilen rund siebzig Prozent ihrer Gene mit uns Menschen. Und sie ähneln uns auch sonst. Fliegen können lernen, sich erinnern und vergessen. Sie werden sogar betrunken, wenn sie zu viel Alkohol erwischen. Darum lassen sich aus den Erkenntnissen der Fliegenforschung Rückschlüsse auf die Krankheiten des Menschen ziehen.

Aus diesem Grund untersuchen Doktoranden des Instituts für Molekulare Biologie mit Hilfe der neuen Bibliothek beispielsweise die Ursachen von Dickdarmkrebs. Dieser entsteht durch eine übermässige Stimulierung des Wachstums von Darmzellen. Eine bislang unbekannte Anzahl von Genen befiehlt den Zellen, sich zu teilen. «Mit dem Alter kann dieser Befehl durch Mutationen immer stärker werden», sagt Basler. Das führt letztendlich zu unkontrollierter Vermehrung der Zellen und so zu Darmkrebs.

Dasselbe Stimulations-Signal gibt es auch bei Taufliegen. Dort reguliert es das Wachstum der Flügel. Die Doktoranden kreuzen nun Aktivator-Fliegenweibchen mit allen Männchen der Bibliothek. «Alle Gene, die zu einer Veränderung der Flügelgrösse führen, untersuchen wir später genauer. Denn eine Kombination von ihnen könnte bei der Entstehung von Darmkrebs eine Rolle spielen», sagt Basler.
Die neue Bibliothek macht die Suche nach Genen mit einem bestimmten Effekt sehr effizient. Bei ihrer jetzigen Grösse lässt sie sich in einem Monat durchforsten. Das bringt die weltweite Forschergemeinde auf den Plan. Sie kann via Webseite die erfassten Gene für 60 Franken pro Stück bestellen. Für grössere Lieferungen gibt es Rabatt.

Eine Mitarbeiterin siedelt die entsprechenden Fliegen in ein frisches Röhrchen über. Dort legen sie ihre Eier ab. Das Gelege kommt in ein Couvert und wird express verschickt. Der Empfänger zieht die Larven gross und kann die geschlüpften Fliegen danach beliebig lange weiterzüchten. Grosse Kunden sind beispielsweise Universitäten aus den USA, Deutschland  und China.

Bestellen darf jeder, auch Schulen und Privatpersonen. Doch es gibt wie bei Büchern auch eine Art Kopierrecht. «Damit Kunden das einhalten, müssen sie eine Vereinbarung unterzeichnen», sagt Bischof. Darin steht beispielsweise, dass die Fliegen nur für nicht-kommerzielle Zwecke verwendet werden dürfen und dass die Rechte an den Fliegenstämmen bei der Universität Zürich bleiben. Die Nachfrage bremst das nicht. In den ersten 16 Monaten verschickte das Institut rund sechstausend Röhrchen. Die Tendenz ist steigend.


Fakten zur Taufliege, Drosophila melanogaster

Sie stammt ursprünglich aus den Tropen und wurde mit dem Menschen um die ganze Welt verbreitet.

Sie besitzen ein Kurz- und ein Langzeitgedächtnis.

Sie besitzt ein angeborenes Immunsystem.

Das Weibchen legt in ihrem zwei Monate dauernden Leben bis zu fünfhundert Eier.

Sie flog im November 1985 mit dem Space Shuttle Challenger für sieben Tage in den Orbit.

Mit ihren beiden Komplexaugen nimmt sie 265 Bilder pro Sekunde wahr. Wir Menschen schaffen nur 30.

Taufliegen besitzen eine ähnliche Alkoholtoleranz wie Menschen. Bei leichtem Konsum verlieren sie die Kontrolle über ihre Beine und stolpern dauernd in Gegenstände. Die tödliche Dosis liegt bei 6,5 Promille Alkohol im Blut.

Gedächtnisstütze für vergessliche Jäger

Januar 2015, Vivai
Farben lassen Fische, Vögel und Salamander hübsch aussehen. Doch sie haben auch eine praktische Bedeutung. Farben sind eine Sprache, welche die artübergreifende Kommunikation ermöglicht. So bedeutet eine gelbe Haut: «Beiss mich und du stirbst.»

Der Feuersalamander
schreckt mit seinen
gelben Streifen
Fressfeinde ab.
Farben verleihen der Natur ein spektakuläres Aussehen. Doch Tiere und Pflanzen kleiden sich nicht zum Vergnügen in feuriges Rot, schillerndes Blau oder leuchtendes Gelb. Hinter dieser Malpalette steckt der nackte Drang zu überleben.

Eine der wichtigsten Funktionen von Farbpigmenten ist der Sonnenschutz. So produzieren die meisten Tiere wie etwa Vögel, Reptilien oder Amphibien den braunen Farbstoff Melanin. Ihn lagern sie in ihrer Haut, im Fell oder in den Federn ein, wodurch diese einen braunen bis schwarzen Farbton erhalten.

Melanin hat die Eigenschaft, dass es schädliche UV-Strahlung in harmlose Wärmestrahlung umwandelt. Das Melanin schützt die Tiere vor Gewebeschäden und Hautkrebs, indem es wie eine natürliche Sonnencreme fungiert. Bei uns Menschen funktioniert das genau gleich. Je mehr Melanin wir in unserer Haut haben, desto dunkler ist diese und desto besser sind wir vor Sonnenbrand geschützt.

Dass die Natur jetzt nicht nur aus grauen Mäusen und braunen Hühnern besteht, liegt an den Pflanzen. Auch für sie ist zu viel UV-Strahlung schädlich. Darum produzieren sie ebenfalls ihren eigenen Sonnenschutz. Dieser besteht meistens aus den so genannten Carotinoiden. Sie lassen Früchte, Gemüse, Samen und Blätter gelb, orange und rot erscheinen.

Das besondere an ihnen: Wenn ein Tier Carotinoide in sich aufnimmt, dann bleiben sie für eine Weile im Körper. Via Blutstrom wandern sie in deren Haut, das Fell oder die Federn. Das funktioniert auch über mehrere Stufen der Nahrungskette. Kleine Küsten-Krabben etwa ernähren sich von Algen, die den roten Farbstoff Astaxanthin enthalten. Dieser wandert in den Panzer der Krustentiere, was diesen rot erscheinen lässt. Wenn sie nun beispielsweise von Roten Ibissen verspeist werden, reist der Farbstoff weiter in das Gefieder der Vögel, wodurch dieses sich intensiv rot färbt. Verschwinden die Krabben vom Speisezettel, verblassen die Federn.

Samuel Furrer, Kurator beim Zoo Zürich, muss den Effekt der Carotinoide bei der Pflege von Roten Ibissen berücksichtigen. «Damit sie ihrem Namen treu bleiben, mische ich ihnen einen Löffel Astaxanthin zur täglichen Fleischration», sagt Furrer.  «Würden wir das nicht machen, würde die Farbe nach einigen Monaten verblassen und dann ganz verschwinden», sagt er.

Dass die Ernährung eines Tiers dessen Farbe verändern kann, hat einen positiven Effekt auf die Artenvielfalt. Der Grund dafür sind die Weibchen. Sie möchten sich bevorzugt mit dem gesündesten und fittesten Partner in der Umgebung paaren. Da sie nicht von jedem potenziellen Liebhaber ein Arztzeugnis verlangen können, müssen sie sich eben bei der Beurteilung seines Gesundheitszustandes auf andere Quellen stützen. Die Farbe kommt ihnen da gerade recht. Je bunter das Männchen, desto besser genährt und überlebensfähiger ist es.

Dieses Kommunikations-System zwischen den Geschlechtern hat beispielsweise bei den Buntbarschen erstaunliche Blüten getrieben. Die Fisch-Weibchen sind so wählerisch, dass die Männchen mancher Arten in immer extravaganteren Gewändern daherkommen. Wer die meisten und grellsten Carotinoide besitzt und diese auch noch geschmackvoll auf seinen Schuppen anzuordnen vermag, hat den grössten Paarungserfolg.

Auf diese Weise sind schon etliche neue Arten entstanden. Denn manche Weibchen haben sich auf ein ganz bestimmtes Farbmuster fixiert und sich nur noch mit den Männchen gepaart, welche dieses Muster aufwiesen. Die resultierende Inzucht innerhalb eines Farbmusters hat mit der Zeit zur Bildung einer eigenständigen Art geführt.

Manche Tiere verwenden Farben jedoch nicht der Liebe willen, sondern genau für das Gegenteil. Der Feuersalamander oder die Pfeilgiftfrösche enthalten starke Gifte, die Angreifer töten können. Damit die Fressfeinde das schon vorher wissen, kleiden sich Frösche und Salamander in auffällige Warnfarben. Meistens handelt es sich dabei um eine Kombination aus rot, gelb und schwarz.

«Warnfarben sagen den Jägern, dass die Beute giftig ist, ohne dass sie erst reinbeissen müssen», sagt  Martin Stevens, Biologe am Zentrum für Ökologie und Artenschutz der Universität von Exeter. «Wenn die Warnfarben fehlen, dann beissen die Jäger immer wieder zu, ohne dabei etwas zu lernen.» Das knallige Gelb des Feuersalamanders ist also eine Art Erinnerungshilfe für vergessliche Jäger. Es will sagen: «Hey, du, erinnerst du dich noch: Beim letzten Mal habe ich dir nicht geschmeckt also lass es nun lieber sein.»

Doch ein Gift herzustellen ist sehr aufwendig. Darum verzichten die meisten Tiere darauf. Manche von ihnen wollen aber nicht auch auf den Schutz durch Warnfarben verzichten und kleiden sich entsprechend ein. So macht es beispielsweise die Schwebefliege. Mit den gelben Streifen gleicht sie einer mit Giftstacheln bewerten Wespe, obwohl sie vollkommen harmlos ist. «Ihre Feinde fallen drauf rein, weil die meisten Insekten mit solchen Warnfarben tatsächlich giftig sind», sagt Stevens.

Farben eigen sich hervorragend für solche Verwirrungsspiele. Das gilt auch für die Kommunikation zwischen Pflanzen und Tieren. Pflanzen, die ihre Samen durch Vögel verbreiten lassen, verpacken ihre Fracht in süsses Fruchtfleisch. Das ist quasi die Bezahlung für die Luftpost. Um den Leckerbissen anzupreisen, geben sie der reifen Beere oder Frucht eine knallige Farbe. Doch statt das ganze Regenbogenspektrum auszunutzen, beschränken sie sich meist auf zwei Grundfarben, wie Forscher der Universität Freiburg im Breisgau kürzlich festgestellt haben. Demnach sind 60 Prozent aller Früchte und Beeren entweder rot oder schwarz.

Offenbar haben sich Pflanzen zu einem Kartell zusammengeschlossen. Durch die Annäherung ihrer Fruchtfarben verschleiern sie ihre Identität. Auf diese Weise haben Vögel keine Chance, sich das Aussehen ihrer Lieblingsfrucht zu merken. In ihrer Verwirrung ziehen sie von einem Strauch zum nächsten und tragen die Samen in ihrem Magen über grosse Strecken mit. So können Pflanzen auch weit entferne Gebiete besiedeln. Das ist wohl das logistische Meisterwerk der Farben der Natur.