Wie viel Welt darf es sein?

In jedem Lebensmittel stecken ein paar Liter Wasser, einige Quadratmeter Bodenverbrauch und etwas CO2. Wie viel von jedem zeigen Ökobilanzen. Einkaufen wird dadurch nicht einfacher.

Was gibt es schöneres, als mit einem leichten Hungergefühl im Bauch das Mittagessen einzukaufen? Die Vorfreude auf das «Gipfeli» und das «Bürli» lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Mit wenigen Handgriffen verschwindet der Salat, der Lachs und die Tafel Milchschokolade im Einkaufskorb. Jetzt noch schnell ein paar frische Spargeln holen und schon geht es zur Kasse. Dort wird abgerechnet – und zwar mit der ganzen Welt.

Denn was im Laden so unbeschwert vonstatten geht, hat weitreichende Folgen für das Ökosystem der Erde. Mit jedem Griff in den Brotkorb oder in die Früchtetheke heizen wir das Klima weiter auf, spülen wir noch mehr Dünger und Pestizide in das Grundwasser und fällen noch mehr Regenwald. «Wir wissen, dass die Nahrungsmittelproduktion weltweit die grösste Ursache für die Umweltzerstörung ist», sagt Astrid Scholz von der Denkfabrik Ecotrust in den USA. Sie gehört zu einem ganzen Heer von Wissenschaftlern, die den Einfluss von Hühnchen und Artischocken auf die Umwelt mittels so genannter Ökobilanzen zu fassen versuchen.

Ökobilanzen zeigen auf, wie viele Ressourcen in einem Produkt stecken. Also wie viel Energie, Wasser, Landfläche oder Pestizide nötig sind, bis Haferflocken und Joghurt fertig für den Konsumenten auf dem Regal stehen. Dieses Wissen zeigt Produzenten, wo sie allenfalls Ressourcen einsparen können und es lehrt Konsumenten, dass auch die Liebe zu unserem Planeten durch den Magen geht.

Jedes Lebensmittel lässt sich bilanzieren. Zum Beispiel die Tafel Schokolade, die wir eben auf das Förderband gelegt haben und in wenigen Augenblicken am Scanner vorbei huscht. Ihr Geburtsort liegt in einer Plantage im afrikanischen Ghana. Das Land ist nach der Elfenbeinküste der zweitgrösste Kakaobohnen-Produzent der Welt und baut die Frucht auf einer Fläche von rund zehntausend Quadratkilometern an. Herunter gebrochen steckt so in jedem Kilogramm Bohnen ein halber Quadratmeter Bodenbedarf.

Doch Kakao-Bäume benötigen nicht nur Land, sondern auch Wasser. Viel davon. Für jedes Kilo Bohnen rund fünf Liter, die teils vom natürlich anfallenden Regenwasser und teils von der Bewässerung stammen. Ohne Dünger geht es natürlich auch nicht. 140 Gramm pro Kilo Bohnen. Und zum Schluss noch die Pestizide. Sie belasten die Ressource Umwelt, indem sie diese verschmutzen. Also kommen auch sie in unsere Ökobilanz.

Nach der Ernte werden die Bohnen auf ein Containerschiff geladen. Bis es in Europa angekommen ist, hat es pro Kilogramm Fracht dreihundert Gramm CO2 ausgestossen. In der Schweiz beginnt das nächste Kapitel. Zur Produktion von fertiger Schokolade braucht es Strom, Milchpulver, Zucker und Verpackungsmaterial. Jede dieser Zutaten lässt sich wieder in Ressourcen wie fossile Brennstoffe, Land oder Wasser zerlegen. Alles kommt in die Ökobilanz. Am Ende liegt die Milchschokolade auf dem Förderband auf dem Weg zur Kasse und wird gescannt. Einen Franken fünfzig für das Portemonnaie, zweihundert Gramm CO2 für die Atmosphäre und ein Gramm Pestizide für das Grundwasser. So viel hat sich seit Ghana zusammengetragen oder anders gesagt, mit so viel belasten wir beim Zubeissen die Umwelt.

200 Gramm CO2 und ein Gramm Pestizide stecken in der Umweltbelastung einer Schokolade.
200 Gramm CO2 und ein Gramm Pestizide stecken in der Umweltbelastung einer Schokolade.

Ob das jetzt viel oder wenig ist, lässt sich erst sagen, wenn mehrere Produkte derselben Sorte miteinander verglichen werden. Bei den Spargeln ist das besonders anschaulich. Kommen sie mit dem Schiff aus Peru zu uns, steckt in jedem Kilo Spargeln ein Kilo CO2. Werden sie allerdings mit dem Flugzeug transportiert, schnellt die Bilanz auf zwölf Kilo CO2 hoch.

Wir entscheiden uns natürlich für die klimafreundlicheren Spargeln. Diese Wahl hat der Kunde heute, weil es Firmen gibt wie Climatop. Sie berechnen für Grossverteiler wie die Migros die Ökobilanzen verschiedener Produkte und zeichnen diejenigen mit einem Label aus, die das Klima am wenigsten aufheizen.

Das Problem dabei ist, dass die CO2-Belastung nur eine von vielen Auswirkungen ist. Spargeln benötigen zum Beispiel überdurchschnittlich viel Land – Land, das dem Ökosystem abgeht. Noch viel gravierender ist ihr Wasserbedarf. In trockenen Anbaugebieten wie Peru oder Spanien benötigt jedes Kilo Erntegut rund tausend Liter Wasser. Import-Spargeln sind also trotz guter Klimabilanz nicht das Gelbe vom Ei, was die Umweltbelastung angeht.

An diesem Punkt werden Ökobilanzen unangenehm und erleuchtend zugleich. «Oft ist es so, dass ein Produkt in einem Bereich sehr gut abscheidet, dafür in einem anderen nicht so gut», sagt Nathan Pelletier von der Dalhousie Universität in Kanada. Er und seine Kollegen wissen, wovon sie sprechen. Sie nahmen die Umweltauswirkungen von gezüchtetem Lachs unter die Lupe und stellten dabei fest, dass es den «guten Fisch» nicht gibt.

Zuchtlachs aus Kanada etwa düngt mit seinen Ausscheidungen das Meer. Der Zuchtlachs aus Norwegen hingegen bekommt eine andere Diät, die zwar nicht zu düngerhaltigen Ausscheidungen führt, dafür aber die natürlichen Ressourcen stark belastet. Beide schneiden bei der Klimabilanz schlechter ab als Fisch aus dem offenen Meer, dessen Fang zwanzig Prozent weniger Treibhausgase produziert, der jedoch aufgrund der chronischen Überfischung der Ozeane selbst zu einer schwindenden Ressource gehört.

Jetzt zurück vor die Fischtheke, die Hand ausstrecken und sich dann fragen: das Meer düngen, die natürlichen Ressourcen belasten oder die Ozeane ausbeuten? Je nachdem liegt entweder Zuchtlachs aus Kanada oder solcher aus Norwegen oder sogar ein Thunfischfilet im Einkaufskorb.

Wilde Fische belasten das Klima viel weniger als solche aus einer Zucht.
Wilde Fische belasten das Klima viel weniger als solche aus einer Zucht.

Das zeigt deutlich, dass wir mit jedem Lebensmittel auch ein Stück Welt aufessen. Heinz Schmid, Geschäftsleiter von Climatop, bringt diese Erkenntnis auf eine einfache Formel: «Menschliche Aktivität ist mit Ressourcenverbrauch verbunden.» Und genau das ist die vielleicht etwas unspektakuläre Schlussfolgerung einer jeden Ökobilanz. Also wozu der ganze Aufwand, wenn es am Ende sowieso keine Rolle spielt, was man isst?

Weil die Rettung des Planeten nicht im Laden vor der Fischtheke geschieht, sondern in Kanada bei der Produktion. Ökobilanzen sind vor allem für die Produzenten gedacht. Sie zeigen auf, wo ein Fisch-Züchter oder ein Kakao-Bauer Ressourcen verschwendet, weil er zuviel düngt, bewässert oder füttert.

«Sie sind wirklich wertvoll für die Industrie», sagt Pelletier. Die Lachsproduzenten wären vor seiner Studie gar nie auf den Gedanken gekommen, dass die Art und Weise der Fütterung etwas mit Ressourcen zu tun hat, sagt er. «Ökobilanzen zeigen, wo sich die Prozesse effizienter gestalten lassen.» Sie durchleuchten die Nahrungsmittelproduktion und bringen die Schwachstellen zum Vorschein. «So spart man letzten Endes Geld.»

Doch die grosse Vision der Ökobilanzen will noch mehr. Sie geht weit über die Produktion von Nahrungsmitteln hinaus. Ziel ist es, alle Güter und Produkte so herzustellen, dass dabei nichts verschwendet wird, dass sich Abfälle nahtlos in neue Rohstoffe überführen lassen. «Dann kommen wir dort hin, wo die Menschheit hin muss. Dass wir nämlich Ressourcen nicht einfach aufbrauchen, sondern sie ständig wiederverwerten», sagt Heinz Schmid.

 

Erschienen in Vivai.

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