Naturalien-Sammlungen für kleine Forscher

Sammeln ist ein Grundbedürfnis von Kindern. Leider bekommen die Schätze zu Hause oft keinen richtigen Platz und landen schliesslich im Müll. Mit ein paar einfachen Tricks lässt sich das ändern.

Als Kind war ich ein unermüdlicher Sammler. Ich habe Steine, Fossilien, Federn, Blätter und Tannenzapfen gleich kiloweise nach Hause geschleppt. Meistens habe ich sie unter dem Bett verstaut. Dort hat sich mit den Jahren ein ganzer Haufen aus Geröll und Biomasse angesammelt. Der Nachteil dieser Methode war, dass meine Naturschätze nur schwer zugänglich waren. Die hinterste versteinerte Muschel konnte ich mir nur ansehen, wenn ich vorher alles andere wegräumte. Das war sehr unpraktisch. Zudem legte sich mit der Zeit eine dicke Staubschicht über alle meine Fundstücke, was diese recht unansehnlich machte.

Meinem Sohn möchte dieses Schicksal ersparen. Darum ordne ich mit ihm alle Fundobjekte, beschriften sie und legen sie danach in Kartonschachteln ab. Diese wiederum versorgen wir staubgeschützt in Holzkisten. So erhalten wir eine naturhistorische Sammlung. Der Vorteil: Mein Sohn kann seine Objekte jederzeit wieder hervornehmen, um mit ihnen zu spielen oder um sie weiter zu untersuchen.


Sammeln ist gar nicht so einfach, wenn man es richtig macht. Das beginnt schon beim ersten Schritt, wenn da diese wunderschöne Feder oder dieser glitzernde Stein in der Jackentasche von Mama oder Papa verschwindet. Das ist keine gute Idee, denn empfindliche Objekte wie Federn oder Schneckenhäuser können in ihr zerknittern oder zerbröseln.

Besser ist es, die Objekte in Plastiksäcke zu packen. Wenn diese einen luftdichten Zip-Verschluss besitzen, bläst man sie vor dem Verschliessen etwas auf. So entsteht ein Luftpolster, das die Objekte vor dem Zerdrücken schützt.

Ein Fundstück sagt wenig aus, wenn es nicht sorgfältig beschriftet wird. Ein Muss sind Datum und Angaben zum Fundort, einschliesslich Koordinaten. Letztere können heutzutage mit jedem Smartphone ermittelt werden. Am besten beschreibt man aber noch weiter Begebenheiten. «Bei Pflanzen ist es sinnvoll, auch den Duft und die Farben der Blüten zu beschreiben», sagt Reto Nyffeler, Kurator am Institut für Systematische und Evolutionäre Botanik der Universität Zürich. «Auch der Fundorttyp und die ökologischen Bedingungen können später hilfreich sein.» Also ob die Pflanze im Wald, auf einer offenen Wiese oder in einem Steinbruch wächst. Oder ob es am Fundort Staunässe, Schattenwurf von umliegenden Bäumen oder ständigen Westwind gibt.

Statt den Fundort mit Wörtern zu beschreiben, kann man auch eine Skizze von ihm machen. Eltern können auf diese Weise den Sammeltrieb der Kinder in praktischen Umweltunterricht verwandeln. Berühren, beobachten und zeichnen statt auf dem Tablet-PC tippen und swipen.
Zu Hause müssen die Fundstücke gut getrocknet werden, sonst kommt der Schimmel. Das ist vor allem bei frischen Pflanzenteilen wichtig. Dazu legt man sie am besten zwischen alte Zeitungen und beschwert sie mit einem Buch. Das Zeitungspapier nimmt die Feuchtigkeit aus den Pflanzen auf. Das leichte Pressen hilft, ihre Form zu bewahren. Während der ersten paar Tage sollte man das Zeitungspapier täglich wechseln.

Damit die Fundstücke später in der Kiste nicht wild durcheinander purzeln, bekommen sie eine kleine Kartonschachtel ohne Deckel. Diese lässt sich aus einem Stück Bastelkarton ganz einfach selber bauen. Ihre Grösse lässt sich für jedes Fundstück genau anpassen. Grössere Objekte kriegen eine Schachtel für sich alleine. Kleinere Fundstücke von derselben Sorte und demselben Ort lassen sich zusammen in einer Schachtel verstauen.

Neben der Ordnung haben die Schachteln noch eine weitere Funktion: Sie erheben ein banales Objekt in den Status des Besonderen. Draussen am Fluss ist der einzelne Kieselstein nur einer unter vielen und kaum beachtenswert. Doch zu Hause in einer Schachtel wird er zu einem Schatz. So wie ein Bilderrahmen ein Portrait oder Familienfoto umgibt und es wertvoll und schätzenswert macht, so umgeben die Wände der Schachtel das Objekt und machen es einzigartig.

Zu jedem Fundstück gehört ein Etikett, auf welches die Informationen zu Fundort und Begleitumständen übertragen werden. Dieses legt man auf den Boden der Kartonschachtel. Jetzt muss sie nur noch vor Staub geschützt werden. Dazu kommt sie in eine Kiste. Das kann ein Schuhkarton sein, eine Zigarrenkiste oder eine leere Schublade des Wandschranks.

Das Schöne an einer Sammlung ist, dass sie sich erforschen lässt. Sie ist ein Stück geordnete Natur, das uns bei näherer Betrachtung seine Geheimnisse preisgibt. Aus diesem Grunde sammeln auch Wissenschaftler. «Wir wollen die Vielfalt der Natur verstehen», sagt Ambros Hänggi, Spinnen-Experte und Kurator am Naturhistorischen Museum Basel. «Doch die Unterschiede zwischen zwei Arten sind mitunter sehr klein. Wir können sie nur erkennen, wenn wir ganz genau hinschauen und auch die kleinsten Variationen im Körperbau verstehen.» Das geht am besten mit einer umfangreichen Vergleichs-Sammlung.

Selbst Indizien für die Klimaerwärmung lassen sich so ablesen. «Eine Kollektion von Huflattichen der vergangenen 150 Jahre zeigt für die Region des östlichen Kanadas, dass sich über die Jahrzehnte der durchschnittliche Zeitpunkt der ersten Blüte um einige Wochen vorverschoben hat», sagt Nyffeler.

Kindern bieten Sammlungen einen systematischen Zugang zur Natur. So können sie beispielsweise die Eigenschaften von Ahornsamen untersuchen. Wie fliegt er? Warum beginnt er sich im freien Fall zu drehen? Lässt er sich aus Papier nachbauen?
Wer eine Lupe oder gar ein Mikroskop besitzt, entdeckt bei jeder Vergrösserungsstufe seine Naturschätze aufs Neue. Da gibt es Rillen auf der Oberfläche von Schneckenhäusern, feine Härchen auf den Antennen von Nachtfaltern und winzige Kristall-Höhlen im Gesteinsbrocken. Mit einer Kiste voller Natur werden spannende Entdeckungen zum Kinderspiel.


Tipps für kleine Sammler

  • Insekten: Nur tote Tiere sammeln. Eine gute Quelle sind Mücken-Licht-Fallen. In sie verirren sich gerne auch mal Nachtfalter hinein. Am besten bringt man einzelne Exemplare in Plastikröhrchen nach Hause. So können sie auch aufbewahrt werden.
  • Steine: Bei einer Bergwanderung kann man gleich ein ganzes Wandertagebuch aus verschiedenen Gesteinen anlegen.
  • Fossilien: Sie gibt es reichlich im Jura und in den kalkreichen Voralpen. Einfach alle Steine genau anschauen. Es könnte sich Muschelschalen darin verbergen.
  • Pflanzensamen: Sie sind sehr dankbare Objekte, denn sie sehen hübsch aus und sie besitzen interessante Eigenschaften. Der eigene Garten ist eine gute Quelle aber auch der Schulweg oder der nächste Park.
  • Schneckenhäuser: Sie findet man vor allem im Garten, Wald und überall sonst, wo es feucht ist. Gründlich waschen und danach gut trocknen lassen.
  • Muscheln: Beim nächsten Strandbesuch. Am schönsten kommen sie in der Sammlung zur Geltung, wenn man sie mit Poster-Kitt auf einem schwarz bemalten Kistenboden fixiert.  

 

Erschienen in der Tierwelt.

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