Das kann nur Wasser

Wasser schenkt uns die Kraft, die wir zum Leben brauchen. Es lässt uns denken, einen Arm heben und uns verlieben. Daneben formt es unseren Planeten jeden Tag neu.

Wasser ist die wohl verspielteste Substanz der Welt. Denn sie ist die einzige chemische Verbindung auf der Erdoberfläche, die im Sekundentakt ihre Gestalt ändert. So kann gefrorenes Wasser in Form von Schnee aus einer Wolke fallen und sich hundert Meter über dem Boden in flüssige Regentropfen verwandeln. Diese prallen wenige Augenblicke später auf einen warmen Felsen, wo sie verdampfen und als Gas gleich wieder zum Himmel steigen.

Das ist möglich, weil das Wassermolekül von zwei gegensätzlichen Kräften beherrscht wird. Die erste ist seine Leichtigkeit. Wasser ist nur etwa halb so schwer wie Luft. Das bedeutet, dass es bei Raumtemperatur eigentlich sofort in einen gasförmigen Zustand übergehen möchte. Dieser Drang nach oben ist es, der Schweiss auf der Haut so schnell verdampfen lässt oder nasse Wäsche im Sommer innert Stunden knochentrocken werden lässt. 

Die zweite Kraft sorgt dafür, dass man Wasser trotz seines flüchtigen Charakters in ein Glas einschenken kann. Es ist die Anziehungskraft. Wassermoleküle besitzen eine positiv und eine negativ geladene Seite. Dadurch werden sie zu winzigen Magneten, die sich alle aneinander festhalten und sich so am Davonfliegen hindern.

Diese Eigenschaften sind sehr wichtig für die globale Verteilung von Wasser. Das Meiste von ihm ist in den Meeren gespeichert. Dort würde es für immer bleiben, würden nicht jedes Jahr unvorstellbar grosse Mengen verdampfen und in Form von Wolken um den ganzen Erdball verfrachtet.

Die Schweiz besitzt in Sachen Wasserversorgung aus der Luft gleich zwei grosse Vorteile. Erstens liegt sie in einer Westwindzone. Das heisst, wir bekommen ständig Wolken, die über dem Atlantik gebildet wurden. Zweitens drücken die Alpen die Wolken nach oben, was diese abregnen lässt. Unser Land ist dadurch eine einzige grosse Wasserproduktions-Fabrik. Das ist unser Glück, denn während andere Gegenden Europas im Zuge des Klimawandels zu wüstenähnlichen Zonen werden, kann die Schweiz weiterhin auf ihre zuverlässige Wasserquelle aus dem Himmel vertrauen.

Seit Jahrtausenden sorgt sie dafür, dass es hierzulande Sümpfe, Moore, Feuchtwiesen, Tümpel, Seen, Bäche und Flussläufe gibt. Sie bilden die Lebensgrundlage für Frösche, Salamander, Eidechsen, Schlangen, Reiher, Störche, Kleinsäuger, Fuchs und Dachs.


Der Wassersegen hatte schon immer auch eine grosse Wirtschaftliche Bedeutung. Mit Wasserkraft trieben wir Mühlsteine, Sägen, Webmaschinen und sogar Standseilbahnen an. Heute decken wir mit Hilfe des Wassers über die Hälfte unseres Strombedarfs.

Parallel dazu ist Wasser ein Kulturgut. In der Schweiz gibt es unzählige Seen, welche die Menschen in den Sommermonaten magisch anziehen. Da wird gebadet, getaucht, gefischt, gerudert, gesegelt und gepaddelt. Es gibt sogar ein Wort dafür: Wassersport. Obwohl die Schweiz ein Binnenland ist, wissen die meisten von uns, wie sich ein Bad unter freiem Himmel anfühlt.

Keine andere Kraft hat die Schweiz so geformt, wie die Erosion durch Wasser. Steter Tropfen höhlt den Stein, heisst es. Und es stimmt. Wer in den Schweizer Bergen unterwegs ist, begegnet dem Resultat dieses fortwährenden Nagens auf Schritt und Tritt. Jede Bergspitze, jede Felsflanke und jeden Einschnitt im Gelände haben Rinnsale, Bäche und Flüsse während Jahrtausenden aus der Landschaft modelliert.


Als Nebenprodukt dieser Abbauarbeit sind Milliarden von Tonnen aufgelöstes Gestein ins Meer getragen worden. Ein Teil davon kommt auch unserer Ernährung zugute. Ein Liter Mineralwasser kann bis zu zwei Gramm Mineralien enthalten. Das macht pro Badewanne ein Brocken von rund einem Kilogramm. Das ist Stein zum Trinken. Die Mineralstoffe, die wir so aufnehmen, werden in Knochen, im Bindegewebe und sogar in unseren Nervenzellen eingebaut.

Für unseren Körper ist Wasser ein universelles Transportmittel. Dank ihm können die Zellen Stoffe austauschen, aufnehmen und ausscheiden. Jede chemische Reaktion, jeder Gedanke, jeder Atemzug, jede Bewegung eines Muskels geht letztlich auf das Vorhandensein von Wasser zurück.

Ohne es wäre nur schon essen unmöglich. Jeder Bissen wird in unserem Mund mit Speichel vermengt. Ansonsten könnten wir ihn gar nicht herunterschlucken. Aber auch komplizierte Prozesse wie das Denken sind vom Wasser abhängig. Bei einem Mangel wird unser Blut dickflüssig und kann nicht mehr alle Areale des Gehirns zuverlässig mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Die Folge davon ist Kopfweh, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Zwei Gläser voll Wasser zu trinken können bereits Abhilfe schaffen.


Ebenso belebt Wasser alle anderen Körperregionen. Wenn Sportler mehr Schweiss absondern als sie Flüssigkeit zu sich nehmen, bekommen sie Muskelkrämpfe und im Extremfall stellt sich ein Gefühl der Taubheit in Armen und Beinen ein. Anderen Lebewesen geht es genauso. Als universelle Regel hat sich herausgestellt, dass mindestens die Hälfte eines Organismus aus Wasser bestehen muss. Ansonsten ist Leben nicht möglich.

Selbst in den Religionen der Welt hat sich die innige Beziehung zwischen uns und dem Wasser niedergeschlagen. Dort tritt es als reinigende und spirituelle Kraft in Erscheinung, welche die Gläubigen näher zu Gott und zu sich selbst bringt. Beispiele dafür sind die Taufe im Christentum, die Gebetswaschung im Islam oder das Bad im heiligen Ganges im Hinduismus.


Der antike griechische Philosoph Thales von Milet hielt Wasser für die Ursubstanz, aus der alle Materie aufgebaut ist. Er sagte: «Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.» Auch wenn das aus wissenschaftlicher Sicht heute nicht mehr korrekt ist, so zeigt es doch, dass die Menschen schon vor über zweitausend Jahren die weitreichende Bedeutung von Wasser für das Leben erkannten.

Nächstes Mal wenn wir wieder mal gedankenlos den Hahn aufdrehen, um uns ein Glas des köstlichen Nass einzufüllen, sollten wir daran denken: Was da so frisch aus dem Hahn sprudelt ist eine der wertvollsten Substanzen der Welt. Sie ist Ozean, Wolke, Regen, Blut, Quelle, Energie, Gedanke, Glaube und Liebe.

 

Erschienen in Vivai.