Ein Wald voller Brandstifter

Eukalyptus ist die gefährlichste Baumgattung der Welt. Denn die Bäume sind voll mit hochbrennbarem Öl gepumpt. Mit ein Grund für die gegenwärtigen Mega-Waldbrände in Australien. 

Eukalyptusblätter enthalten giftige Öle. Nur wenige Tiere, wie etwa der Koala, haben sich an diese angepasst und können die Blätter verzehren.
Eukalyptusblätter enthalten giftige Öle. Nur wenige Tiere, wie etwa der Koala, haben sich an diese angepasst und können die Blätter verzehren.

In Australien wüten gerade die grössten Waldbrände seit den letzten fünfzig Jahren. Zu den Ursachen zählen die anhaltende Dürreperiode und allenfalls ein falsches Waldmanagement. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum ein ganzer Kontinent in Flammen steht. Es ist der Eukalyptus – die wohl gefährlichste Baumgattung der Welt.

 

Sie besteht aus rund sechshundert Arten. Diese machen den grössten Teil des australischen Baumbestandes aus. Das ist kein Zufall. Denn diese Bäume entledigen sich ihrer Konkurrenz mit einer brachialen Methode: Feuer.

 

Es tönt bizarr, doch Eukalyptus tut alles dafür, um seinen Wald abzufackeln. Die wohl drastischste Massnahme dazu ist die Produktion von Unmengen von Eukalyptusöl. Der ganze Kontinent riecht danach. Es ist so viel, dass das Öl von den Blättern verdunstet und sich als bläulicher Nebel in der Luft ausbreitet. Dieser war für die «Blue Mountains» westlich von Sydney sogar namensstiftend.

 

Dieses ätherische Öl hat es in sich. Seine wichtigste Eigenschaft ist, dass es leichter entzündlich ist als Diesel. Man stelle sich eine Schweizer Buche vor, deren Blätter mit Kraftstoff besprüht sind. Ein Funke genügt und der ganze Baum wird zur überdimensionierten Fackel.

 

«Ursprünglich hat sich das Eukalyptusöl wohl als Abwehr gegen Frassfeinde wie Käfer und Raupen entwickelt», sagt Michael Kessler, Botaniker und wissenschaftlicher Leiter am Botanischen Garten der Universität Zürich. Das Öl ist giftig für die meisten Tiere und in Mengen jenseits von ein paar Tropfen auch für uns Menschen. Wenige Tiere, darunter der Koala, haben sich im Laufe ihrer Evolution an die Gifte angepasst und können die Blätter verzehren. «Vermutlich reichern die Eukalypten das ätherische Öl aber noch zusätzlich an, um ein allfälliges Feuer zu verstärken», sagt Kessler.


Der Eukalyptus baut sich seinen eigenen Scheiterhaufen. 


Aber das reicht dem Baum noch nicht. Ein Inferno muss es sein und nicht weniger. Dazu baut er sich quasi seinen eigenen Scheiterhaufen. Neben den Blättern, die das ganze Jahr über immer wieder zu Boden rieseln, werfen Eukalyptusbäume auch beständig kleinere und grössere Äste ab. Zudem häuten sie sich fleissig. Rundherum hängen am Stamm von oben bis unten lange Fetzen von Rindenteilen herab. Wenn sie sich ganz abgelöst haben, fallen sie zu Boden wo sie zusammen mit dem ölgetränkten Laub und den Ästen einen perfekt vorbereiteten Stapel mit Brennmaterial bilden.

 

Mit den Jahren kommen so auf jeden Quadratmeter bis zu eineinhalb Kilogramm zusammen. Das sind fünfzehn Tonnen beintrockener Zunder pro Hektare. Davon verrottet auch fast nichts. «Es ist die meiste Zeit des Jahres viel zu trocken dafür», sagt Kessler. «Zudem sind Eukalyptusblätter voll mit giftigem Öl, das auch gegen Bakterien und Pilze wirkt. Das baut niemand ab.»

 

Ein so präparierter Wald braucht jetzt nur noch einen Funken. Nun, Feuer machen kann der Eukalyptus noch nicht selbst. Er muss schon auf einen Blitzeinschlag warten oder die nächste Zigarettenkippe.

 

Aber wenn es erst einmal losgeht, macht er das Leben für die Feuerwehr so schwer wie möglich. Seine am Stamm herabhängenden Rindenstücke entzünden sich und lösen sich ab. Es regnet Feuer. Bei Wind können diese Stücke bis zu 30 Kilometer weit vor die Feuerwand geblasen werden und dort einen neuen Waldbrand auslösen. Einen Wald zu löschen, der sich immer wieder selbst anzündet, ist in vielen Fällen aussichtslos.

 

Seine hausgemachte Apokalypse überlebt der Eukalyptus indes. Zwar sterben seine oberirdischen Teile bei sehr heissen Feuern ab, doch die Wurzeln unter dem Boden überdauern. «Wenn man bei uns eine Fichte abschneidet, ist sie tot. Wenn man einen Eukalyptus abschneidet, treibt er neu aus», sagt Kessler. Aus den verkohlten Baumstümpfen spriessen schliesslich neue Bäumchen.

 

Seine Samen haben es noch besser. Die befinden sich in einer feuerfesten Verpackung. «Erst wenn Hitze oder Rauch auftreten, öffnen sich die Früchte und geben die Samen frei», sagt Kessler. Sie fallen nunmehr auf einen durch Asche frisch gedüngten und völlig konkurrenzfreien Boden.


«In seinem Waffenarsenal gibt es auch die chemische Kriegsführung.»


Man könnte jetzt meinen, dass die Menschen ausserhalb Australiens Angst vor diesem Baum hätten. Doch genau das Gegenteil ist wahr. Sie lieben ihn. Es gibt riesige Plantagen unter anderem in China, Südafrika, Portugal, Brasilien und in Kalifornien. Für ein Hartholz wachsen sie sehr schnell und sind darum beliebt für die Produktion von Bau- und Energieholz sowie als Rohstoff für Papier. Aus ihren Blüten gewinnen Imker einen herrlichen Honig und aus dem Eukalyptusöl machen wir Erkältungssalbe und Hustendrops. Durch ihre Vielseitigkeit wurden sie zur meistgepflanzten Baumgattung der Welt.

 

Allerdings hat die Pflanze auch im Ausland die Tendenz ihre Konkurrenz rücksichtslos zu beseitigen, weshalb sie vielerorts inzwischen als wucherndes Unkraut gilt. «Eukalyptus ist zum einen sehr durstig», sagt Arne Witt, Biologe und Experte für invasive Arten beim Centre for Agriculture and Bioscience International (CABI). «Ein grosser Baum kann pro Tag 200 Liter Wasser aus einem benachbarten Teich entziehen.» Damit dreht er ganzen Ökosystemen das Wasser ab. 

 

«In seinem Waffenarsenal gibt es zudem die chemische Kriegsführung», sagt Witt. «Über ihre Wurzeln entlässt er Stoffe in den Boden, die das Wachstum von anderen Pflanzen hemmen.»

 

Und dann ist da natürlich seine pyromane Veranlagung. In Portugal und in Kalifornien will man den Eukalyptus wieder fällen, weil die Behörden einen Zusammenhang zwischen ihrem Auftreten und der gesteigerten Intensität von Waldbränden sehen. Damit könnten sie recht haben.

 

 

Erschienen in der NZZ am Sonntag