Weniger fett mit ganz viel Fett

Die ketogene Diät propagiert möglichst viel Fett und Fleisch zu essen. Das tönt paradox, doch mit genau diesem Rezept verlieren weltweit Hunderttausende ihre überflüssigen Pfunde. 

Jeremiah Peterson aus Montana ist in den späten Dreissigern und ein Star auf Instagram. Der Grund: Innert sechs Monaten hat er 45 Kilo abgenommen und dabei seinen Bierbauch in ein Sixpack verwandelt. Geschafft hat er das neben dem regelmässigen Krafttraining mit der so genannten ketogenen Diät. Sie sorgt derzeit für einen richtiggehenden Hype in den USA, der nun auch auf Europa überschwappt.

 

Bei dieser Diät wird weitgehend auf Kohlenhydrate verzichtete und stattdessen auf eine fett- und proteinbasierte Ernährung umgestellt. Neben einem massiven Gewichtsverlust soll sie auch viele therapeutische Eigenschaften haben und etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen, gegen Krebs, Parkinson und Alzheimer wirken und sogar Pickel verhindern.

 

Allerdings werden die meisten Erwachsenen dieser Diät schnell überdrüssig, weil ein Leben ohne Kohlenhydrate auf Dauer nur sehr schwer durchzuhalten ist. Das Nachrichtenmagazin «U.S. News» kürte sie unter anderem aus diesem Grund kürzlich gar zur schlechtesten Diät 2018.

Gerald Grandl ist Ernährungs-Physiologe am Helmholtz Zentrum München für Diabetesforschung und Übergewicht. Er erforscht die ketogene Diät und versucht zu verstehen, was dabei genau im Körper passiert. «Sie ist dem Fasten ähnlich. Der Unterschied besteht darin, dass man trotzdem essen kann und sich so ein Sättigungsgefühl einstellt», sagt Grandl.

 

Die Diät verlangt, dass man nicht mehr als 5 Prozent des täglichen Kalorienbedarfs aus Kohlenhydraten deckt. Weitere 25 Prozent stammen aus Proteinen. «Der Grund für die Proteinzufuhr liegt darin, dass von Fett allein niemand satt wird. Zudem sind Proteine wichtige Baustoffe für den Körper», sagt Grandl. Die restlichen 70 Prozent werden von Fetten und Ölen gedeckt. Demnach besteht ein Tagesmenu beispielsweise aus Fisch, Fleisch, Avocado, Butter, Käse, Gemüse, Eiern und Nüssen.


Der Körper ist mit so viel Fett überfordert. In der Folge schaltet er um auf Notfallbetrieb. Das ist das Herzstück der ketogenen Diät. 


Das bringt den Körper erst einmal aus dem Konzept. Denn seine bevorzugte Energiequelle besteht aus Zucker oder eben aus Kohlenhydraten. Besonders betroffen ist das Gehirn. Ohne Zucker droht ihm das Aus. Das liegt daran, dass freie Fettsäuren die so genannte Blut-Hirnschranke nicht überwinden können. Das heisst, obwohl durch das Fett genügend Energie im Körper vorhanden ist, kommen die Nervenzellen nicht an diese heran.

 

Muskelzellen haben es da besser. Sie können die freien Fettsäuren über den Blutstrom aufnehmen und direkt zur Energiegewinnung nutzen. Damit nun auch das Gehirn weiterhin mit Energie beliefert wird, gibt es einen Notfallplan. 

 

Dazu beginnt die Leber, das reichlich vorhandene Fett abzubauen und eine Art Zuckerersatz für das Gehirn draus zu machen. Das sind die so genannten Ketonkörper. Diese entlässt die Leber in den Blutstrom. Die Ketonkörper können die Blut-Hirnschranke ohne weiteres überwinden und so die Nervenzellen mit Energie versorgen.

 

Die Diät besitzt aufgrund ihrer Einseitigkeit einige Nebenwirkungen, sagt Alexandre Datta, Epileptologe am Universitätskinderspital beider Basel. «Dazu zählen bei der Umstellung Verstopfungen, Übelkeit, Unterzuckerung und später auch Nierensteine, spröde Knochen und Vitaminmangel.» Datta behandelt Kinder mit Epilepsie mit der ketogenen Diät. Die Ernährungsumstellung ist so heikel, dass die Kinder eine Woche im Spital behalten werden. «Wir überwachen sie und schauen, dass sie alles haben, was ihr Körper für ein gesundes Wachstum braucht.»


Ketogene Diät hilft gegen Epilepsie. Die Forschung weiss jedoch noch nicht, warum das so ist. 


Bei Kindern wird diese Diät erfolgreich bei Epilepsie angewendet, wenn die herkömmlichen Medikamente nicht oder ungenügend ansprechen. «Wir wissen schon seit den 1920er Jahren, dass die ketogene Diät bei Epilepsie wirkt, wir wissen aber nicht, warum», sagt Datta. Im Blut entsteht während der Ketose ein saures Milieu, was vermutlich die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduziert. Das wiederum wirkt epileptischen Anfällen entgegen. Ebenso haben Ketonkörper einen günstigen Einfluss auf die Neuronen und beeinflussen die Neurotransmitter, also die Botenstoffe zwischen den Nervenzellen.

 

Nachgewiesen ist auch eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System. François Jornayvaz, Leiter der Diabetes-Abteilung am Universitätsspital Genf, befasst sich in seiner Forschung mit der Wirkung der ketogenen Diät. «Als positiven Effekt beobachten wir beispielsweise eine Senkung der Cholesterolwerte im Blut. Damit kann diese Diät dabei helfen, die Blutfettwerte zu normalisieren», sagt Jornayvaz. Ebenso lässt sich mit ihr der Blutzuckerspiegel besser kontrollieren. Das Hilft vor allem Patienten mit Diabetes Typ 2. Sie müssen in der Folge weniger Medikamente einnehmen. 

 

Beim Blutdruck hingegen sind die Daten nicht eindeutig. In manchen Studien geht er mit der ketogenen Diät rauf, in anderen geht er runter. Beim Gewichtsverlust sieht es ähnlich verworren aus. «Die meisten Studien zeigen, dass das Gewicht in den ersten sechs Monaten nach unten geht. Warum, wissen wir nicht. Aber nach zwölf Monaten bleibt das Gewicht konstant», sagt Jornayvaz. «Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Leute dann schwach werden und doch wieder mehr Kohlenhydrate essen.»

 

Grundsätzlich ist bei den angepriesenen Gesundheitseffekten Vorsicht geboten. «Die meisten Studien verwenden Mäuse und sind nicht auf den Menschen übertragbar. Ebenso wissen wir nichts über die Langzeitwirkung der Diät, weil bisher keine Studie länger als 12 Monate gedauert hat.» Sein Fazit: «Jeder kann diese Diät versuchen, wenn man gesund ist. Andernfalls sollte man vorher unbedingt einen Arzt konsultieren.»

 

Erschienen in der NZZ am Sonntag