Wildbienen im Garten fördern

Viele Schweizer Wildbienenarten sind bedroht. Mit wenigen effektiven Massnahmen lassen sich diese Insekten im Garten oder auf Balkon und Terrasse fördern.

In der Schweiz gibt es 600 Arten von Wildbienen von der Erdhummel bis zur Schwarzen Mörtelbiene. Genau wie die domestizierte Honigbiene stecken auch sie in der Krise. Ihre Bestände sinken, weil unsere Landschaft immer weniger für Bienen geeignet ist. Darum eilen ihnen viele private Gartenbesitzer zu Hilfe. Nur, wie fördert man Wildbienen richtig?

 

Das bevorzugte und in Mode gekommene Mittel ist das so genannte Bienenhotel, das man auch unter dem Namen «Nisthilfe» oder «Wildbienenhotel» kennt. Dieses besteht meist aus einer Ansammlung von zusammengebundenen Bambusröhrchen, die von einem kleinen Dach bedeckt sind. Die Röhrchen sind eine Nisthilfe für die so genannten solitären Wildbienen. Bei diesen zieht das Weibchen ihre Brut alleine also ohne Hilfe eines Staates auf. Dazu bauen sie hintereinander mit einer Art Zement Zellen in die Röhren hinein. Normalerweise würden sie diese in einem alten Baumstamm anlegen, der von Insektenlarven durchlöchert worden ist. Doch zerfressene Baumstämme gibt es in unserer Landschaft nicht mehr so viele. Bienenhotels leisten hier Ersatz.

 

In den letzten Jahren ist der Markt für diese Nieshilfen geradezu explodiert. Jedes Gartencenter und jeder Baumarkt bietet sie an. Online lassen sich dutzende von Varianten bestellen. Für handwerklich Begabte gibt es sogar Bausätze oder Bauanleitungen. Manches Gartencenter bietet sogar Kurse dazu an.

 

Aber nützt die Flut an neuen Nistmöglichkeiten den Wildbienen auch etwas? Grundsätzlich schon, sagt der Biologe und Wildbienenexperte Andreas Müller, Inhaber der Natur Umwelt Wissen GmbH in Zürich. «Ein Teil der Wildbienenarten lässt sich damit sicher fördern.»


«Wildbienenschutz ist immer ein Stück weit auch Parasitenschutz.»


Man müsse allerdings beachten, dass sich dank der Nisthilfen auch Parasiten wie Schlupfwespen, Kuckucksbienen, Fliegenlarven oder Milben stark vermehren können. Vor allem bei grossen Nisthilfen haben sie es leicht, von einer Brutröhre zur nächsten zu gelangen. «Das muss nicht unbedingt schlecht sein, denn auch bei den Parasiten gibt es eine grosse Artenvielfalt und wir wissen nicht, wie viele von denen ebenfalls bedroht sind. Darum ist Wildbienenschutz auch ein Stück weit Parasitenschutz», sagt Müller. 

 

Der Bienenhotel-Boom fördert indes auch die Ausbreitung von eingeschleppten Arten. Eine davon ist die Asiatischen Mörtelbiene. Julia Lanner, Biologin beim Entomologischer Verein Bern, untersucht zurzeit deren rasante Ausbreitung in der Schweiz. «In den tieferen Lagen hat sie sich innert weniger Jahren flächendeckend ausgebreitet», sagt Lanner.

 

Sie vermutet, dass dies teilweise auf das Konto der Nisthilfen geht. «Allerdings benötigt die Asiatischen Mörtelbiene Röhrendurchmesser von 9 Millimeter und mehr. Wenn man darauf schaut, dass nur Nisthilfen mit maximal 8 Millimeter Durchmesser eingesetzt werden, lässt sich der Neuankömmling aussperren und seine Weiterverbreitung bremsen.» Über die Auswirkungen der Asiatischen Mörtelbiene auf die heimischen Wildbienen ist noch nichts bekannt.

Wird eine Gartenplatte entfernt, dient der brachliegende Boden Blattschneiderbienen als Brutstätte.
Wird eine Gartenplatte entfernt, dient der brachliegende Boden Blattschneiderbienen als Brutstätte.

Mit Nisthilfen alleine lassen sich Wildbienen ohnehin nicht schützen. Denn bloss zwanzig Prozent der Schweizer Arten besiedeln solche überhaupt. Der grosse Rest baut die Nester beispielsweise in den Boden. «Darum darf man Schutzprogramme nicht auf Nisthilfen beschränken», sagt Müller.

 

Stattdessen sollte man sich überlegen, welche anderen Strukturen sich im eigenen Garten anlegen lassen (siehe Box ganz unten). Ganz wichtig sind etwa offene Bodenstellen, wo die Erde zutage tritt. Dort nisten die Erd- und Sandbienen. Sie machen über die Hälfte der Wildbienenarten aus. Hilfe ist hier ganz einfach, erklärt Müller: «Wenn man mal eine Gartenplatte wegräumt, sollte man nicht gleich Rasensamen auf die kahle Stelle streuen, sondern sie möglichst lange offenhalten.» 

Auf einem Balkon kann man als Nistplatz einen Blumentopf mit Erde oder Sand füllen. Hummeln hingegen bevorzugen leerstehende Mäusebauten.
Auf einem Balkon kann man als Nistplatz einen Blumentopf mit Erde oder Sand füllen. Hummeln hingegen bevorzugen leerstehende Mäusebauten.

Überhaupt ist es gut, wenn im Garten etwas mehr Unordnung herrscht und verdorrte Pflanzen wie Karde, Bärenklau oder Sonnenblume  nicht gleich abgeschnitten werden. «Die hohlen Stängel dienen manchen Arten als Nistplatz. Darum sollte man sie mehrere Jahre stehen lassen», sagt Müller. 

 

Diese Massnahmen funktionieren auch auf kleinem Raum wie etwa einer Terrasse oder einem Balkon. Erd- und Sandbienen nisten zuweilen auch in Blumentöpfen, sofern diese nicht zu feucht sind. Trockene Stängel lassen sich zu Bündeln schnüren und an einem trockenen Ort senkrecht aufhängen. Mit den Jahren dienen sie ganzen Generationen von stängelnistenden Wildbienen als Behausung. 

 

Wildbienen brauchen aber nicht nur Platz, um ihre Nester zu bauen, sondern auch sehr viel Nahrung. Für ihre Jungen benötigen sie Pollen und für sich selbst Nektar. Damit beides in genügenden Mengen vorhanden ist, muss ein Garten üppig blühen und zwar möglichst vom Frühling bis in den Herbst.


In der Nähe der Nisthilfe sollte es immer auch ein grosses Angebot an Blüten geben.


Trockene Stängel von Brombeere, Karde oder Alant dienen Wildbienen als Nistplätze.
Trockene Stängel von Brombeere, Karde oder Alant dienen Wildbienen als Nistplätze.

«Etwas vom wichtigsten für die Förderung der Wildbienen ist ein grosses Blütenangebot», sagt Müller. «Das sollten zum einen viele verschiedene Pflanzenarten sein und zum anderen viele Pflanzen von ein und derselben Art», sagt Müller. Der Grund dafür ist, dass sich rund die Hälfte der Wildbienenarten auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert haben. Sie holen ihren Pollen also nur von einer oder ein paar wenigen Arten. Ein Beispiel: Eine Schwarze Mörtelbiene braucht die Pollen von 1100 Blüten der Esparsette, um eine einzige Larve zu ernähren. «Wenn es nur ein einziges Pflänzchen von ihr gibt, kann sie im betreffenden Garten nicht brüten», sagt Müller. 

 

Blüten braucht es auch, wenn man eine Nisthilfe auf dem Balkon oder einer Terrasse platziert. Da Wildbienen eher kurze Flugdistanzen zwischen Nest und Blüten bevorzugen, sollte es in der Nähe immer ein Blütenangebot geben.

 

Warum Wildbienen so wählerisch sind, kann sich die Wissenschaft heute noch nicht erklären, sagt Dave Goulson, Biologe und Experte für Wildbienen an der Universität Sussex in England. «Der Nektar ist in jeder Blüte anders zusammengesetzt. Zum einen gibt es verschiedene Zuckertypen, zum anderen weitere Bestandteile wie Aminosäuren, welche die Bienen etwa zum Aufbau ihrer Zellen verwenden. Welche Faktoren für die Vorlieben wichtig sind, wurde bislang nicht untersucht.»

 

Immerhin fand Goulson heraus, welche Blüten die Bienen am meisten mögen. Er und seine Kollegen haben in einem grossen Feldexperiment die Vorlieben für 111 verschiedene Blütenpflanzen ausgelotet. Dazu legten sie für jede Pflanze eine quadratmetergrosse Parzelle an und zählten während der Blütezeit, von wie vielen Bienen, Hummeln und solitären Wildbienen diese besucht wurden.

 

Das Resultat ist eine Hitliste mit Pflanzen, für jeden Bienentyp. Ganz oben auf der Liste steht zur Überraschung eine Pflanze, die es in der Natur eigentlich gar nicht gibt. Es handelt sich dabei um eine Hybride zwischen dem Wallich-Storchschnabel und dem Himalaya-Storchschnabel. Sie wurde im Jahr 2000 in England gezüchtet und trägt den Namen «Rozanne». Wildbienen lieben sie und besuchen sie fast doppelt so oft wie die heimische Färberkamille, die auf Platz zwei steht.

 

Die Hybride ist steril und kann keine Samen bilden. Goulson denkt, dass dies vielleicht die Erklärung für ihre Attraktivität ist. «Statt in ihre Samen steckt die Pflanze ihre Energie in die Blühdauer sowie in die Nektar- und Pollenproduktion.» Kurz gesagt, ‘Rozanne’ ist die perfekte Tankstelle für Wildbienen. 


Darauf ist beim Bau oder Kauf eines Wildbienenhotels zu achten

Die Bohrlöcher sollten Durchmesser zwischen 3 und 8 Millimeter haben. Heimischen Wildbienen reicht dieses Spektrum. Grössere Bohrlöcher fördern vermutlich die Ausbreitung der eingeschleppten Asiatischen Mörtelbiene. 

 

Für Röhren am besten Bambus verwenden. Schilf oder Karton wird von manchen Vögeln aufgebrochen. 

 

Für angebohrte Holzklötze trockenes Hart-Laubholz verwenden. Weichholz reisst auf und zerstört damit die Bohrlöcher. Tannenholz harzt, was die Wildbienen nicht mögen. 

 

Bei Holzklötzen immer von der Seite ins Holz bohren. Wenn in die Stirnseite gebohrt wird, reissen die Bohrlöcher mit der Zeit auf.  

 

Hotel an besonnter Lage und von Regen geschützt aufstellen.

 

Das Hotel sollte gepflegt werden: Einmal pro Jahr 20 Prozent der Röhrchen ersetzen oder zusätzliche Löcher bohren. Die beste Zeit dafür ist im Winter oder Vorfrühling. Alte Röhrchen in den Schatten legen, damit die Wildbienen noch schlüpfen, aber die Röhrchen nicht neu besiedelt werden. 



Diese Blütenpflanzen lieben solitäre Wildbienen

Der Storchschnabel ist eine ergiebige Tankstelle für Wildbienen.
Der Storchschnabel ist eine ergiebige Tankstelle für Wildbienen.

Diese Liste basiert auf der im Text erwähnten Studie aus England sowie auf den Empfehlungen von Schweizer Wildbienen Experten.

 

Storchschnabel Hybride «Rozanne» 

Färberkamille, Anthemis tinctoria 

Salweide, Salix caprea 

Rainfarn, Tanacetum vulgare

Flachblatt-Mannstreu, Eryngium planum 

Rundblättrige Glockenblume, Campanula rotundifolia 

Gewöhnlicher Hornklee, Lotus corniculatus

Saat-Esparsette, Onobrychis viciifolia

Gewöhnliche Wegwarte, Cichorium intybus 

Ringelblume, Calendula officinalis

Gewöhnlicher Natternkopf, Echium vulgare