Nachtaktiv: Überleben in vollkommener Dunkelheit

Tiere besitzen Sinne und Fähigkeiten, mit denen sie auch in vollkommener Finsternis auf die Jagd gehen oder sich mit ihrer Liebsten zum Date verabreden können. 

Bild: Jürgen Mangelsdorf
Bild: Jürgen Mangelsdorf

Feuersalamander – Signalfarben mit Giftoption

Der Feuersalamander ist die Ikone unter den Schweizer Amphibien. Die gelben Flecken auf seinem tiefschwarzen Körper leuchten mit geradezu fantastischer Intensität. Es ist ein Lichtsignal, das all seinen Fressfeinden «stop» sagt. Wer es missachtet, könnte dafür mit dem Leben bezahlen. 

 

Denn der Feuersalamander besitzt Hautdrüsen, die ein starkes Nervengift absondern: das Samandarin. Eingenommen treten zuerst Zuckungen am ganzen Körper, dann Erbrechen, Krämpfe und Lähmungen. Der Tod erfolgt schliesslich durch Atemstillstand. Doch bevor es soweit kommen kann, müsste eine erwachsene Person zwei ganze Salamander verspeisen. Die Flüssigkeit schmeckt übrigens bitter, was einen Hund oder Fuchs dazu veranlasst einen Feuersalamander gleich wieder auszuspucken. Der Salamander selbst geht bevorzugt in feuchten Nächten auf die Pirsch. Seinem Geruchssinn folgend jagt er alles, was in seinen Mund passt: Schnecken, Regenwürmer, Spinnen oder auch Käfer. 

Nachtfalter – ausgerüstet mit Nachtsichtgerät und Tarnumhang

Abendpfauenauge. Bild: Jürgen Mangelsdorf
Abendpfauenauge. Bild: Jürgen Mangelsdorf

Nachtfalter tragen märchenhafte Namen wie Mondvogel, Abendpfauenauge oder Rotes Ordensband. Oft besitzen sie ein einfaches Kleid in Grau- und Brauntönen. Es dient ihnen tagsüber als Tarnung. Dadurch sind sie von Vögeln und anderen Fressfeinden fast nicht zu entdecken. Erst in der Abenddämmerung fliegen die Nachtfalter los. Ihre Nahrung ist der Nektar von Pflanzen, die ihre Blüten auch in der Nacht offen halten wie etwa das Geissblatt oder die Nachtkerze. Um diese zu finden, sind ihre Augen zu Nachtsichtgeräten umgebaut. Wie bei Schmetterlingen üblich, bestehen ihre Augen aus tausenden von Einzellinsen. Aber während bei den Tagfaltern jede Linse einen Rezeptor anregt, wird bei Nachtfaltern das Licht mehrerer Linsen auf einen Rezeptor gelenkt, was den Reiz verstärkt. Noch wichtiger für die Navigation sind allerdings ihre Antennen, mit denen sie Duftstoffe orten. Ihnen folgend finden sie nicht nur zielsicher jede offene Blüte, sondern auch paarungsbereite Weibchen. 

Fledermäuse – mit Ultraschall auf Beutefang

Bild: Jürgen Mangelsdorf
Bild: Jürgen Mangelsdorf

Sie sind die grossen Feinde aller Nachtfalter, Käfer und Mücken, die nach Sonnenuntergang unterwegs sind. Fledermäuse brauchen für ihren Flug jede Menge Energie und haben dadurch einen sehr grossen Appetit. Sie nehmen in einer Nacht bis zu einem Drittel ihres eigenen Körpergewichts an Nahrung auf. Das entspricht vielen Hundert Insekten, die im Magen einer einzigen Fledermaus verschwinden. Die Art und Weise, wie sie ihre Beute «sehen» ist faszinierend. Durch den Mund und teilweise auch durch die Nase stossen sie Ultraschallwellen aus. Diese werden an ihren Beutetieren reflektiert. Die Ohren der Fledermäuse sind «Empfänger», welche die zurückgeworfenen Wellen auffangen. Durch sie erfahren Fledermäuse die Grösse des Beutetiers, aber auch dessen Flugrichtung. Letzteres verdanken sie dem Dopplereffekt. Fliegt das Insekt auf die Fledermaus zu, erhöht sich die Frequenz des reflektierten Ultraschalls. Entfernt es sich, wird die Frequenz tiefer. 

Ohrwurm – Origami auf dem Rücken

Am Tag verkriechen sich die Ohrwürmer gerne unter Baumrinde, unter grossen Steinen oder in loser Bodenstreu. In der Nacht kommt ihre grosse Stunde: sie verlassen ihr Versteck und patrouillieren zu Dutzenden auf Bäumen und Sträuchern. Als Allesfresser können sie von Pollen, Früchten und sogar verrottendem Pflanzenmaterial leben. Doch ihre Leibspeise sind Blattläuse. Darum geniessen Ohrwürmer als Nützlinge des Gartens einen guten Ruf. Unter Biologen sind Ohrwürmer geradezu berühmt. Der Grund dafür ist die Brutpflege der Weibchen. Diese bewachen ihr Gelege und bekämpfen Fressfeinde vehement, wenn sie sich nähern. Ein solches Verhalten ist unter Insekten eine Seltenheit. In den letzten Jahren sind auch die Weltraumtechniker auf die Ohrwürmer aufmerksam geworden. Oder genauer gesagt auf deren Flügel. Sie sind zu zwei kleinen Päckchen auf ihrem Rücken gefaltet. Ausgebreitet vergrössert sich ihre Fläche um das Zehnfache. Das ist ein Rekord im Tierreich. Mit derselben Falttechnik könnte man in Zukunft auch die Sonnensegel von Raumsonden verpacken. 

Weberknecht – ein Bein für das Überleben

In der Nacht trifft man die Weberknechte auf Baumstämmen, Mauern oder Steinplatten an. Mit ihren überlangen Beinen sehen sie etwas unbeholfen aus, als ob sie auf Stelzen gehen würden. Aber tatsächlich sind ihre Beine Meisterwerke. Im letzten Drittel eines jeden Beins folgt in kurzen Abständen eine Reihe von Gelenken. Sie machen diesen Abschnitt sehr beweglich, fast schon wie ein Seil. Und tatsächlich können sie ihre Beine wie ein Lasso um einen Ast oder Pflanzenstängel legen und sich dann kopfüber daran entlang hangeln. In jedem Bein ist zudem ein Abwurfmechanismus eingebaut. Wird ein Weberknecht von einem Vogel oder einer Wespe festgehalten, löst sich das entsprechende Bein ab. Dieses zuckt noch eine Weile, was den Räuber ablenkt und dadurch ein paar Sekunden Zeit für die Flucht lässt. Weberknechte sind Allesfresser und vertilgen tote Pflanzen, Früchte oder Kleintiere wie Asseln, Fliegen und Springschwänze. Für die Jagd besitzen sie vorne am Kopf zwei Taster, deren Enden mit einer klebrigen Flüssigkeit imprägniert sind. Die Beute hat keine Chance zu entrinnen. 

Igel – stachliger Airbag

Für ein nachtaktives Tier hat der Igel denkbar schlechte Augen. Er tappt praktisch blind durch die Dunkelheit. Dafür ist sein Gehör umso besser. Es ist so empfindlich, dass er damit auch die leisesten Krabbelgeräusche und auch das feinste Zirpen seiner Beute hört. Zu dieser zählen vor allem Insekten von der Raupe bis zum Falter und vom Heupferd bis zur Grille. Ebenso gut ausgebildet ist sein Geruchssinn. Mit ihm spürt er Aas auf, das er ab und zu verzehrt. Mit ihrer Nase findet eine Igelmutter auch immer wieder zurück zum Nest und zu ihren Jungen. Vielleicht ist das der Grund, dass Igel einen ziemlich strengen Körpergeruch besitzen. Er bedeutet in der Igelsprache einfach: «Hier bin ich!» Wenn ein Igel in der Nacht einmal stolpern oder gar über den Rand einer Mauer fallen sollte, kann er sich ganz auf seine Stacheln verlassen. Diese sind so ineinander verhakt, dass sie sich wie ein Airbag verhalten und selbst einen Sturz aus zwei Meter Höhe abfedern können. 

Fuchs – ein Magen, der alles verdaut

Der Fuchs ist einer der erfolgreichsten und unzimperlichsten Jäger der Nacht. Er frisst einfach alles. Oft sieht man ihn im Scheinwerferlicht auf der Wiese wie er Feldmäusen nachstellt. Mit seinen empfindlichen Ohren lauscht er in den Boden hinein und horcht das Leben unter seinen Pfoten aus. Da gibt es das verräterische Dribbeln der Mäuse, wenn sie durch ihre Tunnel flitzen. Steckt eine von ihnen den Kopf aus dem Loch, ist es um sie geschehen. Eine weitere Nahrung, die der Fuchs aus dem Boden bezieht, sind Regenwürmer. Zwar haben sie weniger Fleisch als eine fette Maus, doch dafür ist ihr Proteinanteil recht hoch. Die Würmer kommen in der Abenddämmerung an die Oberfläche. Auch sie verraten sich durch ihre Kriechgeräusche. Der Fuchs schnappt sie sich mit den Schneidezähnen und zieht sie durch Hochwerfen des Kopfs aus dem Loch. Im Herbst schlägt sich der Fuchs den Wanst mit Obst und Früchten voll. Sie liefern ihm Zucker und Stärke, die er in ein schönes Fettpolster für den Winter umwandelt. 

Waldkauz – erst würgen, dann spucken

Er bewohnt grosse Spechthöhlen, ausgefaulte Astbruchstellen oder speziell für ihn gezimmerte Nistkästen. Als Habitat kommt nicht nur der Wald in Frage, sondern auch die Parkanlage einer Stadt. Ab Ende Winter verbreitet das Männchen während der Nacht seinen schaurigen und uns allen bekannten Balzruf: Wu-huuu-huuuu. Der Waldkauz ist die häufigste Eulenart der Schweiz, was er wohl seinem breiten Nahrungsspektrum verdankt. Bevorzugt jagt er in der Dunkelheit aus der Luft Mäuse. Diese verraten ihren Standort durch ihr helles Quietschen und Pfeifen. Wenn sie klein genug ist, verschlingt der Waldkauz seine Beute ganz und würgt später das unverdauliche Fell und die Knochen wieder hervor. In Städten stehen vor allem Vögel auf seinem Speiseplan. Und wenn nötig auch Frösche, Käfer und sogar Regenwürmer. 

 

Erschienen im Magazin Pflanzenfreund